Berlin

Fuck off Google

Sie flüchtete vor den Internetgiganten von San Francisco nach Berlin. Doch die folgten ihr. Digitalnomadin Jillian York über den Google-Campus und andere Versuche, die Stadt zu übernehmenJillian C. York könnte Berlins Kassandra sein. Sie prophezeit den Untergang der Stadt. Die Reiter, die die Apokalypse ankündigen, seien bereits hier, sagt sie: Google, Facebook, Zalando und Co.

Jillian York
Foto: Patricia Schichl

York ist keine Verrückte. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie hat die Apokalypse bereits miterlebt. 9.000 Kilometer entfernt. In San Francisco, nahe dem Silicon Valley, wo die Reiter herkommen. In einer Stadt, die heute zu teuer für alle ist, außer für die Mitarbeiter der Digitalkonzerne.

Und York ist auch keine Maschinenstürmerin, die etwas gegen Computer hat. Im Gegenteil. Sie arbeitet für die Electronic Frontier Foundation, die mit Google zum Beispiel eine Kampagne für Netzneutralität gefahren hat.

York ist eine Vertriebene. Die 35-Jährige ist vor den Digitalkonzernen geflüchtet. „Ich konnte mir San Francisco nicht mehr leisten“, sagt sie. Drei Jahre war sie dort. „Ich wohnte in The Mission, einem der begehrenswertesten Teile der Stadt. Meine Wohnung war bereits wirklich teuer, 1.600 Dollar pro Monat für etwa 35 Quadratmeter. Aber jetzt, sieben Jahre später, würde eine Wohnung wie diese für 3.000 oder 4.000 Dollar vermietet werden.“

Die Digitalkonzerne hätten die Stadt quasi übernommen. Bekannt ist der Fall der Google-Busse, die regelmäßig die öffentlichen Bushaltestellen abfuhren, aber nur die gutverdienenden Angestellten mitnahmen. „So konnten Menschen problemlos im Silicon Valley arbeiten, aber in der Stadt wohnen. Weil die Busse mit Klimaanlage und W-LAN vom Unternehmen bezahlt werden. Google, Genentech, sie haben alle ihre eigenen Busse. Sie nutzen die Haltestellen der öffentlichen Buslinien und blockieren diese dadurch. Sie bekommen dafür Strafen, aber die zahlen sie einfach, 7,31 Dollar ist für die nichts. Sie interessieren sich nicht für die Nachbarschaft. Firmen wie Google, Twitter und Facebook wollen Profit. Sonst nichts. Egal, wie sie es verkaufen: Das ultimative Ziel ist mehr Geld.“

Sie zahlen, was auch immer verlangt wird

Durch die Tech-Angestellten mit den teils immensen Gehältern rasten die Mieten nach oben, sagt York. „Sie zahlen, was auch immer verlangt wird, weil sie es sich leisten können. Weil sie über 100.000 Dollar im Jahr verdienen. Die älteren Menschen, die jüngeren aus der Arbeiterklasse und die, die in San Francisco aufwuchsen und bei ihren Eltern ausziehen wollen, die können sich keine Wohnung leisten.“

Auch die Gastronomie habe sich verändert. „Die Bars sind teurer geworden, elitärer. Es gab mal viel mehr Latino-Restaurants, wirklich gutes mexikanisches Essen. Viele mussten schließen, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Sie werden ersetzt von schicken Lokalen, in denen man eine Reservierung braucht und ein Teller 30 statt 10 Dollar kostet. Die Firmen erhöhen die Lebenshaltungs­kosten für alle.“

Sie ist jetzt in Berlin gelandet – und das Spiel beginnt von vorn. Die Digitalkonzerne drängen hierher. Facebook sitzt seit 2016 im Sony-Center, Google will in Kreuzberg einen „Campus“ aufbauen, eine Brutstätte für Nachwuchsfirmen, der Berliner Modehändler Zalando möchte sich auf die Kreuzberger Cuvry-Brache und das ehemalige Kaufhaus hinterm Ostbahnhof ausdehnen und ebenfalls Firmen züchten. Die Factory aus Mitte, die nur dazu da ist, erfolgreiche Startups hervorzubringen, will in Kreuzberg eine weitere Dependance errichten. Denn im Netz ist Stillstand tödlich, wer bestehen will, braucht ständig neue Geschäftsmodelle.

Der Plan: die überwachte Stadt

Alphabet Inc., zu dem Google gehört, betreibt dazu unter anderem Sidewalk Labs, ein Unternehmen, das sich mit Stadtplanung beschäftigt und derzeit einen Hightech-Stadtteil in Toronto plant – mit selbstfahrenden Autos, Billighäusern, die nach Bedarf modifizierbar sind und mit einem Schwarm von Sensoren ausgestattet, der jede Regung der Bewohner in Daten übersetzt. Es soll ein Experiment sein, das sich auf die ganze Welt ausdehnen lässt. Die Google-Schwester weiß schon sehr genau, wie sie die Städte der Zukunft will: durchsichtig. Umso bedrohlicher für manche, dass Google nun nach Kreuzberg zieht. Mitten hinein ins Herz der Gegenkultur, in den einst widerständigsten Bezirk.

Die Digitalbranche besetzt Berlin. Und zwar nicht mehr nur schreibtischweise, wie in den Coworkingspaces, in denen der Digitalboom begann, sondern so großflächig, dass sie die bisherigen Ökosysteme gründlich aufwirbeln wird. All die jungen Digitalnomaden, die dort künftig arbeiten, wollen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes wohnen und essen. Die Preise werden sich ihren Gehältern anpassen.

Michael Müller sagte 2016 bei der Vorstellung des Google-Campus dem Tagesspiegel: „Das ist ein wichtiger Tag für Berlin“. Nicht jeder hieß Google so herzlich willkommen. Es gibt eine Gegenbewegung: „Fuck off Google“ nennt sich diese. Sie besteht aus einem breiten Spektrum von Menschen, teils selbst Zugezogene, die sich Sorgen um den vom Google erwählten Kiez machen und mit einer Website und Demos gegen Googles Zuzug kämpfen. Mehrere Nachbarschaftsinitiativen unterstützen den Protest.

York ist kein Teil der Bewegung gegen den Campus, sagt sie, sie sympathisiere nur damit. Dafür ist sie aber von Berufs wegen Kritikerin der Online-Strategien der Digitalkonzerne. Sie weiß, wie die Übergriffigkeit der Konzerne aussehen kann, wenn sie im Netz stattfindet und fürchtet Ähnliches auch für die physische Realität. Sie arbeitet für die Electronic Frontier Foundation, die Gralshüter der Idee vom freien Internet, und sorgt sich beruflich um Internetzensur. York kritisiert Facebook dafür, dass die Firma selbst definiert, was Hatespeech – also hasserfüllte, bestrafenswerte Sprache – ist: „Facebook baut ein ganz neues Regelsystem um die Sprache.“

York fürchtet auch Algorithmen, die mutmaßliche Terrorunterstützer identifizieren oder sexuelle Inhalte. Sowieso: Die ganze Nacktheitspolitik bei Facebook sei doch Mist. „Die diskriminiert anhand das Geschlechts. Sie erlaubt Männern, sich oben ohne zu zeigen, Frauen aber nicht. Es heißt, es ginge da um die Sicherheit von Familien, aber ich glaube, da werden auf eine imperialistische Art amerikanische Werte exportiert.“

Jillian York sitzt in einem Cafe am Rosenthaler Platz, ihrem „zweiten Büro“, wo sie alle ihre Meetings abhält, auf einem Flohmarktsessel vor einer teilweise unverputzten Wand. Sie hat lila Haare, ein Nasenflügelpiercing und die Sonnenbrille auf dem Kopf. York ist ein Einhorn. Zumindest identifiziert sie sich mit dem, das auf dem Rücken ihres Laptops klebt. „Das bin irgendwie ich“, sagt sie. Es hat blaue Haare („Hatte ich auch bis vor einer Weile“) und eine Sonnenbrille auf („Habe ich auch immer“). Daneben klebt das Logo der Nasa. „Ich liebe den Weltraum“, sagt sie.

Nur wir können uns schützen

York ist Teil einer Generation, für die die Stickersammlung auf dem Laptop eine Art Visitenkarte ist, auf jeden Fall: ein Stück Kultur. Sie ist Einwohnerin des Internets. Hochmobil. Physisch mal hier, mal da präsent, wohin sie das Weltgeschehen halt spült. Derzeit ist es Berlin: Günstig, liberal – und es ist vergleichsweise einfach, ein Visum zu bekommen. Doch der Zug geht auch weiter. Und er hinterlässt verbrannte Erde. Städte, die sich nur noch die leisten können, die bereits erfolgreich sind, nicht die, die noch experimentieren. York ist Teil dieser Entwicklung. Sie will sich eine Wohnung kaufen in Berlin. Sie hofft darauf, dass deutsche Regulierungen wie die Mietpreisbremse das Problem richten, dass Berlin nicht wie San Francisco wird. „Noch hat Berlin die Chance, Dinge anders zu regeln“, sagt sie. Und ansonsten: „Man kann eine Wohnung ja auch wieder verkaufen. Zur Zeit bin ich hier richtig, keine Ahnung was die Zukunft bringt.“ Den Technologiekonzernen könne sie sowieso nicht entkommen. „Sie haben überall Büros, Google will jetzt eins in Saudi-Arabien in Zusammenarbeit mit der staatlichen Ölfirma eröffnen.“

Für York steht fest, sie wird mit Facebook und Google leben müssen. Aber sie spricht mit den Unternehmen über deren Firmenpolitik und berät Nutzer, wie sie die Dienste möglichst sicher nutzen können. „Ich sage den Menschen: Auch wenn Facebook will, dass sie ihren echten Namen verwenden, gibt es eine Menge guter Gründe gibt, das nicht zu tun. Eine Menge guter Gründe, nicht den Facebook-Account mit dem Tinder-Account zu verknüpfen. Oder eine E-Mailadresse zu verwenden, die den echten Namen beinhaltet. Am Ende sind wir die einzigen, die uns selbst schützen können.“

Zumindest dafür ist Berlin gut vorbereitet. Die digitale Bürgerrechtsbewegung ist hier besonders stark. Es gibt den CCC, Netzpolitik, das Tactical Technology Collective, die re:publica, selbst Amnesty International, Securedrop und Tor haben Mitarbeiter hier sitzen. „Die Leute kommen für eine Konferenz, lernen Menschen kennen, erfahren, wie einfach es ist, hierher zu ziehen – und kommen. Des Netzwerks wegen“, sagt York. Wenn eine Stadt eine Chance hat, mit dem Heuschreckenschwarm der Hightechfirmen umzugehen, dann Berlin.
Laut York zeigt sich das auch daran, wie wichtig den Berlinern ihre Privatsphäre ist. „Hier wird Bargeld benutzt und es gibt nicht so viele Kameras. Ich liebe es, wenn sie dir im Berghain automatisch einen Sticker auf die Handykamera kleben. Viele Clubs machen das inzwischen. Es ist toll, so einen Ort betreten zu können und zu wissen: Was du dort tust, bleibt dort. Das gibt es in San Francisco nicht. Wenn du da in einen Club gehst, wird jemand dich fotografieren, den Leuten ist es egal. Da gibt es in dunklen Orten konstant Blitzlicht, der Fotos wegen.“

York hat selbst Accounts bei den Internetgiganten. „Menschen einfach zu sagen, sie sollen doch bitte Facebook verlassen, ist nicht sehr effektiv. Also beobachte ich, was dort passiert und versuche, die Gefahren für Menschen, die diese Plattform nutzen, zu minimieren.“ Und das ist vermutlich auch der einzige Weg mit dem Zuzug der Digitalkonzerne in die Stadt umzugehen: Sich bewusst zu machen, was man preisgibt – und wie viel.

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