Love and Hate

Fünf Jahre Müller

Love and Hate

Seit fünf Jahren heißt der regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller. Hier das Resümee aus der zitty-Redaktion

LOVE: Müller ist besser als sein Ruf

Erik Heier glaubt, dass der Regierende Bürgermeister besser ist als sein Ruf. Wobei das auch nicht so schwer ist
Foto: F. Anthea Schaap

Kinder, wie die Zeit vergeht. Haben wir nicht eben noch den regierenden Klaus Wowereit auf irgendeinem Roten Teppich dahingrüßen gesehen? Tja, so ist das mit Michael Müller, Wowereits Nachfolger. Seit einem halben Jahrzehnt steht er bereits dem Berliner Senat vor, am 11. Dezember 2014 wählte ihn die damals noch schwarz-rote Koalition ins Amt. Und immer noch hat man sich nicht wirklich daran gewöhnt, dass er jetzt bei irgendwelchen Baustellenstarts cheffig den Sand beiseite schippt.  Müller sieht stets so aus, als wäre er nur in Vertretung gekommen. Bundesweit denken die Leute beim Namen „Michael Müller“ vermutlich zuerst an Reise- und Wanderführerbücher.

Aber genau das mag ich an Müller. Dass er nicht breitbeinig daherkommt, als gehörte ihm jeder Saal qua Richtlinienkompetenz. Dass er sich die Räume erst erarbeiten muss. Auch mal dabei scheitert. Und sich darüber ärgert, dass er scheitert. Und zwar sehr sichtbar. Klar, Müller-Bashing, das kann jede*r. Das ist Gratismut. Aber Müller ist besser als sein Ruf. Wobei das auch nicht schwer ist. Bei dem Ruf. Und bei dieser SPD, der die Scheiße am Fuß klebt wie dereinst Andy Brehme. Für seine südwärts strebenden Mundwinkel kann Müller nichts, er macht darüber selbst Witze. Humor braucht man in Berlin auch, der „Failed Stadt“, über die sich jeder beömmelt. Vor allem hat Müllers rot-rot-grüner Senat viele Gegner angesammelt. Wohnkonzerne, Autofahrer. CDU, FDP. Gegner muss man sich erarbeiten. Der Senat tut einiges dafür. Mietendeckel, Fahrradpolitik, eine Vervierfachung der Investitionen in die Stadt im Vergleich zu Müllers Amtsantritt. Und dann hat er es ja mit mitunter erratischen Koalitionspartnern zu tun, Grünen und Linken, die ihn gern links überholen. Und Müller moderiert, debattiert, streitet. Sein Gesicht spricht Bände dabei. Die Mundwinkel. Ach ja.

Es wäre zu irre, sollte ausgerechnet dieser Müller derjenige Regierende sein, unter dem der BER aufmacht. Danken wird es ihm keiner.


HATE: Berlin braucht einen neuen Bürgermeister

Friedhelm Teicke findet, dass sich die SPD nach einer Alternative zu Michael Müller umschauen sollte
Foto: F. Anthea Schaap

Nach fünf Jahren als Regierender Bürgermeister scheint Michael Müller selbst genug von sich auf diesem Posten zu haben. Nicht dementierten Gerüchten zufolge will er in zwei Jahren, wenn in Berlin und im Bund neu gewählt wird, statt ins Abgeordnetenhaus lieber in den Bundestag einziehen. Man könnte böse natürlich auch vermuten: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Schließlich erscheint es als ziemlich sicher, dass die von Müller geführte SPD nach der Berlin-Wahl im Herbst 2021 nicht mehr den Regierungschef stellen wird. In Umfragen steht die SPD derzeit bei schlappen 16 Prozent, gleichauf mit der Linkspartei und weit hinter den Grünen mit 25 Prozent. Selbst die in Berlin seit Jahrzehnten chancenlose CDU bekommt mit 18 Prozent mehr Zuspruch als Müllers SPD.

In Beliebtheitsumfragen steht Müller stets heillos hinter seinem Kultursenator Klaus Lederer, wenn er auch zuletzt etwas aufholen konnte, sich den dritten Platz aber mit Finanzsenator Matthias Kollatz und Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci teilen muss. Schwach sah und sieht Müller nicht nur bei den ihm von seinem Vorgänger Klaus Wowereit hinterlassenen und eingebrockten Themen Volksbühne-Intendanz und Dauerbaustelle BER aus. Das eine hat sein souveräner Rivale Lederer geklärt. Das andere konnte Müller auch als Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft nicht vom weltweiten Spott-Pranger hieven. Stattdessen verhakt sich seine rot-rot-grüne Koalition beim Mietendeckel in Detailfragen, wohl wissend, dass das Wohnungsthema die Berliner*innen am allermeisten besorgt, also wahlentscheidend wird. Selbst sein sozialpolitisches Pilotprojekt eines „solidarischen Grundeinkommen“ entpuppte sich als verwässerte Vision des bedingungslosen Grundeinkommens, also als ein Etikettenschwindel.

Sehr unwahrscheinlich, dass die SPD mit Müller bei der nächsten Wahl was reißt. Vielleicht setzt sie besser auf eine Frau. Franziska Giffey?