»Für Sexszenen bin ich zu katholisch«

Interview mit Hans Weingartner

Autor und Regisseur Hans Weingartner über seinen Roadmovie-Liebesfilm „303“, über magische Momente und seine inneren Überzeugungen

Herr Weingartner, Sie erzählen eine recht klassische Liebesgeschichte …
Wann im Leben hat man sich jemals lebendiger gefühlt als in dem Werben um eine Frau? Da läuft man zur Höchstleistung auf, ist geistreich und witzig, schläft kaum noch. Man stürzt übergangslos vom Himmelhochjauchzend ins Zu-Tode-betrübt, schreibt seitenlange Liebesbriefe. Ich habe das früher sehr oft gemacht, dieses „Before Sunrise“-Ding: Durch Wien zu schlendern und stundenlang zu quatschen. Ich wollte das immer schon als Film umsetzen.

Welche Rolle spielte Koautorin Silke Eggert?
Silke war primär dafür zuständig, dem Ganzen Struktur zu geben, die Dramaturgie zu bestimmen und so meinem eher chaotischen Naturell entgegenzuwirken. So hat sich auch herauskristallisiert, dass Jule und Jan erst mal über politische Themen reden: die Natur des Menschen, Gesellschafts­systeme; und sich danach dann an persönlichere Themen herantasten, wie die Angst vor Nähe oder Sex. Es war wichtig, eine Frau als Koautor zu haben.

Stimmt mein Eindruck , dass Sie sich bei den Argumenten, die ausgetauscht werden, eher auf der weiblichen Seite bewegen?
Ja, schon. Ich bin eher Jule. Aber wenn man beim Schreiben die prokapitalistische oder pro-sozialdarwinistische ­Position einnimmt, merkt man auch, dass ­diese ­Argumente nicht so leicht von der Hand zu ­weisen sind und auch ihre Logik haben.

Hans Weingartner
Kino ist sein Element: Hans Weingartner, 47
Foto: kahuuna films

Schlagen dann zwei Seelen in Ihrer Brust?
Nein, eigentlich nicht. Ich bin schon sehr stark davon überzeugt, dass die Menschheit nur glücklich sein kann in Gemeinschaft und einer sozialen Aufgehobenheit.

Wobei der Eindruck entsteht, Ihnen ist die Kommunikation zwischen den zwei Individuen genauso wichtig wie Meinung und Haltung.
Es ist beides. Jede Gesellschaft braucht zur Weiterentwicklung den Konflikt. Wir brauchen die Gegenmeinung, die Pubertät, die jungen Menschen, die erst mal alles ­scheiße finden, was die Alten machen. Das ist ja auch die Grundidee einer Demokratie: Aus der Gegenüberstellung der ­Standpunkte sollte im Idealfall eine funktionierende ­Theorie herauskommen. Da gibt es heutzutage leider große Defizite.

Wie muss man sich die Dreharbeiten vorstellen: Es gab dieses alte Hymermobil, und dahinter noch einen Bus mit Team?
Ja. Ich habe genau diese ­Reise 2013 unternommen und dabei Drehorte festgelegt. Und ich habe die Tour auch mit weiblicher Begleitung gemacht.

Sind damals auch einige der Dialoge entstanden?
Nein, das nicht, ich habe eher Stimmungen und Situationen übernommen. Meine Begleitung zum Beispiel war es, die dieses Kloster im Film ansehen wollte. Bei den Dreh­arbeiten fuhren wir dann mit dem „303“ -Bus und drei weiteren Fahrzeugen, zwei Hymer-Wohnmobilen und einem Kombi. Das Team bestand aus nur sieben Leuten.

Man kommt Ihren Figuren unglaublich nahe. Aber warum zeigen Sie keinen Sex?
Ich finde Sexszenen langweilig. Dafür bin ich zu katholisch. Außerdem, wenn ich die Schauspieler schon so gut kennengelernt habe, ist es mir megapeinlich, ihnen beim Rammeln zuzuschauen. Die Sexszene zwischen Daniel Brühl und Julia Jentsch in „Die fetten Jahre sind vorbei“ war einer der schlimmsten Momente in meiner beruflichen Laufbahn. Ich gucke ja gern mal einen Porno, der hat ja auch seinen Zweck. Aber im Film finde ich Sexszenen überflüssig, sie haben keinen dramaturgischen Sinn. Wenn es thematisch nicht um Sex geht, langweilen sie mich extrem. Ich weiß noch, wie ich als Jugendlicher „Top Gun“ gesehen habe – nach dieser Sexszene hatte ich mir geschworen, so etwas in der filmischen Arbeit wenn möglich zu vermeiden. Es ging so offensichtlich nur um den Schauwert. In „303“ hat das nichts verloren, es findet ja ein andauernder geistiger Austausch statt, da wollte ich nicht auf die rein körperliche Ebene wechseln.

Sind Sie gläubiger Katholik?
Katholik nicht unbedingt, aber ich ­glaube an „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst“ – mit „deinen Nächsten“ sind alle Lebe­wesen gemeint, nicht nur Menschen. Würden wir aufhören Kühe zu essen, wäre die Erderwärmung sofort vorbei, denn 60 Prozent werden von der Massentierhaltung verursacht.

Inwieweit konnten sich die beiden ­Schauspieler beim Proben und Drehen einbringen?
Zu 90 Prozent waren die Dialoge so geschrieben, dass sie schon sprechbar waren. Wir haben dann noch an Sätzen geschraubt, sie mundgerecht gemacht und rhythmisiert. Ich bin da überhaupt nicht dogmatisch. Für mich ist die größte Freude am Filmemachen, authentisches Schauspiel hinzukriegen. Und wenn dann magische Momente entstehen – das ist so ein Glücksgefühl, dass man süchtig danach wird.

Magische Momente?
Ja, wenn einfach alles stimmt. Das kennen wir alle aus der Kunst. Es gibt zum Beispiel diese unglaublichen Gesangsaufnahmen, als Jeff Buckley „Halleluja“ sang. Oder Whitney Houston mit „I Will Always Love You“ aus „Bodyguard“ – es ist der größte Kitsch, aber nennen Sie mir jemanden, der da keine Gänsehaut bekommt. Solche Momente gab es auch beim Dreh, der Film ist voll davon: die Kussszene, das Kennenlernen an der Tankstelle. Das muss nicht unbedingt ein turning point sein, wie der, in dem Darth Vader zu Luke Skywalker sagt: „Ich bin dein Vater“ (lacht) – es können auch ganz kleine Momente sein. Wenn die Zeit stehen bleibt und ein Engel durch den Raum schwebt, dann weiß jeder am Set, wir hatten gerade Kontakt. Zum Universum, zu Gott, zum ­Atman – wie man es auch nennen will.

Einfach so?
Sehr wichtig ist es, dass man so lange ­geprobt hat, dass man über die Dialoge nicht mehr nachdenken muss und sich dann voll auf die Emotionen konzentrieren kann. So viel Zeit zum Proben hat man normalerweise nie bei einem Film. Aber ich habe als Produzent dafür gesorgt, dass wir diese Zeit eben haben. Außerdem sind ­beide Schauspieler Sprachgenies. Das ­Gehirn sträubt sich übrigens mit Händen und Füßen, dass du dein Ich verlässt. Für einen Take lang ­jemand anderer zu sein, das erfordert viel Mut. Es besteht jedes Mal die Gefahr, dass du nicht zurückkommst, wahnsinnig wirst. Deshalb muss man schon als Kind damit anfangen. Erst als Erwachsener mit dem Schauspiel zu beginnen, ist sehr schwierig, da ist ­deine Ich-Schutz-Funktion schon sehr stark.

Waren Sie überrascht, sich auf der Berlinale mit „303“ in der Jugendsektion Generation 14plus wiederzufinden?
Ja schon, weil ich dachte: Das ist doch kein Kinderfilm! Ich will in den Wettbewerb, was soll der Scheiß! Aber dann habe ich festgestellt, dass dort ein Begriff von „Jugend“ ­gepflegt wird, der über das biologische ­Alter hinausgeht. Der Vorteil eines ­Nebenprogramms ist zudem, dass da nicht so viel Druck drauf ist. Plötzlich hatte das so eine schöne innere Logik: Ein Film, in dem ständig darüber diskutiert wird, dass wir zu viel Wettbewerb in der Welt haben, der sollte vielleicht nicht im Berlinale-Wettbewerb laufen. Und die Premiere war ein rauschendes Fest! Die Leute waren genau im richtigen Alter, jung und jung geblieben, sie haben gelacht, es gab Szenenapplaus, herrlich!

Für all Ihre Filme gilt: Sie transportieren gerne linke Ideale.
Ich würde das jetzt nicht als linke Ideale ­bezeichnen. Aber etwas über die Welt zu ­sagen, das treibt mich an. Deswegen ­mache ich Filme, es ist eine innere Notwendigkeit. Ich kann es einfach nicht fassen, wie blöd die Menschheit ist, wie konsequent wir diesen Planeten zerstören. Dabei wäre es so einfach, das Ganze organisiert zu ­bekommen. Es ist wie bei einer Riesenschlägerei im Vereinsheim: Die ­komplette Einrichtung wird zerlegt und man kann aber nicht aufhören damit. Und danach ist das Vereinsheim ­kaputt. Nur dass ­unser Vereinsheim nicht einfach wieder aufgebaut werden kann. Ist unser Planet im Arsch, wird das erst mal ein paar tausend Jahre so bleiben. Die Raserei des Kaufens und Verkaufens wird ins Verderben führen. Steht irgendwo in der Bibel. Es kann doch nicht sein, dass wir so blöd sind!

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