Kuratoren

Gabi Ngcobo plant die nächste Berlin Biennale

Am Fenstergriff hängt ein blaurot gefiedertes Vögelchen, Maskottchen oder Souvenir, und schaut auf den kahlen Baum im Hof der Kunst-Werke. Den selben Blick hat Gabi Ngcobo aus Johannesburg, wenn sie sich an ihren Schreibtisch setzt. Ihr kleines Büro unter dem Dach des Kunsthauses wird die Leiterin der Anfang Juni beginnenden 10. Berlin Biennale bald mit ihrem Team aus Kampala, São Paolo, New York und Berlin teilen. Die Schau soll sich Angst, Selbstbehauptung und dem Abbau von Herrschaft widmen, unter einem Motto, das ­einem Song von Tina Turner entlehnt ist: „We Don’t Need Another Hero“ aus dem dystopischen Action­film „Mad Max“ von 1985, der von Wasser- und Benzinmangel handelt. Noch liegen auf den ­Tischen, an denen künftig die Co-Kuratoren arbeiten, Schmerz- und Vita­mintabletten.

Foto: Patricia Schichl
Gabi Ngcobo, kuratorin der 10. Berlin Biennale, stellt auf einer Pressekonferenz der Bundeskulturstiftung ihr Team und die Ausstellungsorte vor . Foto: Patricia Schichl

Gabi Ngcobo kommt, setzt sich, schiebt die Tablettenschachteln zur Seite und erwartet die erste Frage. Kein Small­talk, kein Scherz, no nonsense. Dabei kann ­Ngcobo, 1974 geboren, auch verbindlich auftreten. Es gibt eine TV-Sendung aus Südafrika, in der sie geduldig-freundlich erklärt, was Kura­tieren ist. Vor zwei Jahren beispielsweise wirkte sie im Team der Biennale von São Paolo mit. Umwelt war dort ein Thema. Wird das auch in Berlin so sein? „Umwelt sollte nie kein Thema sein“, sagt sie. Der Wassermangel in Kapstadt… „ist erst international ein Thema, seit er auch die Viertel der Reichen und Weißen trifft. Schwarze in den Townships hatten schon immer damit zu kämpfen“. ­Ngcobo antwortet knapp, sie runzelt die Stirn. Foto­grafieren lassen wollte sie sich nicht. Zu oft hätten sich Weiße von Schwarzen ein Bild gemacht, teilte eine ihrer Sprecherinnen mit. Auf offiziellen Porträts aus dem Biennale-Büro lehnt Ngcobo lachend am Geländer eines Hochhausdachs oder an ­einem Barhocker vor Wohnlandschaft mit roten Sesseln.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Berlin und Deutschland sind ihr bekannt. Ngcobo hatte das Stipendium für Jungkuratoren der Berlin Biennale 2007 inne. In Frankfurt am Main am Weltkulturen Museum richtete sie 2015 eine Ausstellung mit südafrikanischer Kunst aus der Sammlung des Hauses aus, Anfang 2018 ist sie Mitglied der Jury für ein Reisestipendium gewesen, das ein deutscher Autohersteller an Künstler vergibt. 2017 nahm sie an einem Talk in der Kunsthalle der Deutschen Bank teil – obwohl das Geld­institut erst spät seine Verstrickung in das Apartheid-­Regime von Südafrika aufgearbeitet hat? Das habe sie nicht gewusst, antwortet Ngcobo. No nonsense, keine Ausreden.

Die Ausstellungsmacherin scheint zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Das künftige Humboldt Forum, das sich in seiner Planungsphase schwer tut mit Provenienzforschung und Verzicht auf einen euro­zentristischen Blick, erwähnt sie nicht, sehr wohl dagegen die Akademie der Künste, das Institut für Auslandsbeziehung und das Haus der Kulturen der Welt, Kulturorte, die Folgen der Kolonialzeit thematisieren. Berlin sei eine sehr postkoloniale Stadt, sagt Ngcobo, Dekolonisierung aber nicht nur ein Job, sondern eine Verpflichtung. „Sie begründet nicht unbedingt neue Freundschaften, sie kann brutal sein.“

Mitunter knüpft sie dann aber doch Bande. Ngcobo berichtet, und da beginnt sie zu lächeln, von ­einem Projekt schwedischer Studierender, das sie als Dozentin leitet: In Archiven haben sie Briefe von Schweden gefunden, die den ANC unterstützten. Sie hofft, das Projekt nach Berlin bringen zu können, wo sie ebenfalls auf Soli­daritätsaktionen gestoßen ist. Am Geld soll es nicht scheitern. Die kommenden drei Biennalen sind mit je drei Millionen Euro von der Bundeskulturstiftung besser gefördert als jede andere Ausgabe seit 1998. Eine Jubi­läumsfeier plant Ngcobo jedoch nicht. „Ich mag keine ­Partys.“

Anfang März gibt sie auf einer Pressekonferenz der Kulturstiftung per Powerpoint die Spielorte ­ihrer Biennale bekannt: neben den Kunst-Werken die Akademie der Künste am Hanseatenweg, das Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit, das HAU-Theater und den Pavillon der Volksbühne. Die Mitglieder ihres Teams sitzen in der zweiten Reihe, sie sind inzwischen in Berlin eingetroffen. Als Gabi Ngco­bo sie vorstellt, blickt sie von ihrem Manuskript auf und lacht über das ganze Gesicht.

 

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