Berlin

Gabriele Knapstein leitet den Hamburger Bahnhof

Mit einer weiteren Ausgabe der Reihe „Musikwerke
bildender Künstler“ trat Gabriele Knapstein ihren Posten als Leiterin des Hamburger Bahnhofs an

Hätten jene Ranglisten, die mit penetranter Regelmäßigkeit die „einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt“ ausrufen, irgendeine Relevanz, Gabriele Knapstein vom Hamburger Bahnhof müsste ganz oben rangieren. Jetzt erst recht. Seit Anfang September  bekleidet sie die für die zeitgenössische Kunst so wichtige Stelle der Leiterin dieses Museums

Gabriele Knapstein im Durchgang des Museums von der Haupt- zur Rieckhalle. Foto: Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart –
Gabriele Knapstein im Durchgang des Museums von der Haupt- zur Rieckhalle.
Foto: Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart

der Gegenwart der Nationalgalerie, als Nachfolgerin von Eugen Blume.

Geradezu programmatisch für ihre Arbeit wird Knapstein am 27. Oktober eine neue Ausgabe der Reihe „Musikwerke bildender Künstler“ eröffnen, die sie gemeinsam mit Ingrid Buschmann vom Berliner Verein Freunde Guter Musik organisiert. Seit 1999 waren illustre Künstler wie Hanne Darboven, Rodney Graham, und Susan Philipsz zu Gast. In diesem Jahr – dem 20. Jubeljahr des Hamburger Bahnhofs – geben sich Christian Marclay sowie die in Berlin lebenden Künstler Saâdane Afif, Ari Benjamin Meyers und Jorinde Voigt die Klinke in die Hand. Unter dem Titel „Scores“ („Partituren“) thematisieren Ausstellungen und Konzerte das Verhältnis zwischen Notation und Aufführung von Musik.

Am Aufbau des 1996 eröffneten Hamburger Bahnhofs war die bedachte, darum jedoch kaum weniger leidenschaftliche Kunsthistorikerin an unterschiedlichen Positionen beteiligt. Schon 1985 wirkte sie bei der Organisation von Dieter Honischs epochaler Ausstellung „Kunst in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1985“ in der Neuen Nationalgalerie mit. Nach ihrer Tätigkeit als Kuratorin am Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) war sie zunächst Wissenschaftliche Museumsassistentin und freie Kuratorin an der Nationalgalerie, bis sie zur Wissenschaftlichen Mitarbeiterin und 2012 zur Ausstellungsleiterin des Hamburger Bahnhofs aufstieg.

Ihr Interesse an Neuer Musik und performativen Formaten war groß: Knapstein promovierte zu den Event-Partituren des amerikanischen Fluxus-Künstlers George Brecht. Dazu passt, dass die 1963 geborene Freiburgerin die Initiative des Hamburger Bahnhofs unterstützt hat, statt Audio-Guides täglich kostenlose Führungen anzubieten. „Das Sichtbare und das Hörbare beziehen sich wie die Bildende Kunst und die Musik der Nachkriegsmoderne explizit aufeinander. Das ist ein Erfahrungsraum, in dem ein Kopfhörer nur stört“, kommentiert sie in ihrer trocken-humorvollen Art.  Doch zu einfach will sie es ihrem Publikum nicht machen. Rückendeckung erhält sie von höchster Stelle: „Ich bin überzeugt, mit ihr lässt sich unser gutes Programm der letzten Jahre ideal fortsetzen“, sagt ihr Vorgesetzter, der Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann.

„Wie lässt sich performative Kunst sammeln?“ lautet eine von Knapsteins drängenden Fragen, die sie auch gemeinsam mit anderen Institutionen thematisieren will. Ausstellungen wie die von Ingrid Buschmann mitorganisierte „Quobo“, in der Knapstein für die ifa-Galerie Berliner Projekträume in den Hamburger Bahnhof holte, oder „Black Mountain“, mit denen sie Einzelwerke aus Happening und Fluxus mit einer guten Portion Humor in Szene setzte, haben über Berlin hinaus Maßstäbe gesetzt. Würde das fortgesetzt, wäre das schon mehr – fast eine Vision.

28.10.–13.11.: Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Sa+So 11–18 Uhr, 14/erm. 7 €, bis 18 Jahre frei