Coole Kindermusik

Ihr Kinderlein, rocket!

Lange waren Kinderlieder die Hölle für Eltern. Bands wie Die Gäng und Sampler wie „Unter meinen Bett“ zeigen aber: Lieder für Kinder können auch Erwachsene erfreuen. Und dann geht’s in den Club

Natürlich sind Kinderlieder toll. Zumindest für manche Kinder. Für popaffine Eltern sind sie das Grauen. Immer druff auf den Schädel mit der Reimkeule. Hässchen, Igel, Bi-ba-Butzemann. Wer jetzt noch steht, kriegt Rolf Zuckowski ab. „Eine riesengroße Kleckerei/ In der Weihnachtsbäckerei.“ Es gibt übrigens einen Bierzelt-Bumsfallera-Verschnitt dieses Liedes von Wolfgang Petry, der ist sogar noch schlimmer. Hölle, Hölle, Hölle.

Dass das Unglück zurückgeschlagen werden kann, bewiesen als eine der ersten deutschen Bands die Rapper Deine Freunde um den einstigen Echt-Drummer ­Florian Sump, die ihre jungen Fans tatsächlich ernstnehmen, seit 2012 vier Alben rausknallten und neulich das Tempodrom ausverkauften. Ursprünglich wollten sich die Hamburger übrigens „Rolf Zuckopfnicks“ nennen.

Die Gäng
Die Gäng beim ZITTY-Dachkonzert
Foto: Joe Metzroth

Und etwa sieben Jahre ist es her, dass Ben Pavlidis, Kopf der Berliner Gyp-Hop-Band Ohrbooten, mit ­seiner damals fünfjährigen Tochter Chaja das Spiel „Lied ausdenken“ erfand. Über die Jahre entstanden immer mehr Stücke. Einmal sang Chaja etwa „Ich bin gar nicht müde“ gegen den Ins-Bett-geh-Befehl an. Pavlidis ließ das Handy mitlaufen. „Irgendwann habe ich gedacht, jetzt müssen wir die Songs aufnehmen, sonst hat Chaja keine Lust mehr, sie einzusingen“, sagt er. Er schickte die Stücke an ein paar Musiklabel. Und hatte binnen einer Woche einen Plattenvertrag. So entstand Die Gäng.

Im März letzten Jahres erschien das Debütalbum beim Hörspiellabel Oetinger. Die anderen Ohrbooten musizierten mit, auch Johnny Strange (Culcha Candela), Robert Gwisdek (Käptn Peng) oder Sissi Perlinger. Und eine lustige Kinderhorde tobte durch ­witzige, freche Ska- und Reggae-Stücke. Darin machen die ­Großen nur blablabla, verliebt sich Frosch Flori in eine Nacktschnecke, tanzen Buchstaben pogo: „Klecker wingel“, „Poffer kacken“. Und die Kids „sind gar nicht müde“. Das Konzept: Erwachsenenmusik mit Kindertexten. Am 2. Dezember spielt Die Gäng live im Lido, ein paar neue Songs werden auch dabei sein, im Mai 2019 soll das zweite Album erscheinen. Ein Konzert wie ein eskalierender Art Kindergeburtstag im Klub. Generationsübergreifendes Abhotten. Da wird keiner müde.

D!E GÄNG spielte auch live auf unserer Dachterrasse

Wie überhaupt diese neuen Kinderlieder nicht ­dafür da sind, in Kita oder Grundschule den ­nächsten Tag der Offenen Tür zu beschallen. Sondern in ­Locations abgefeiert zu werden, wo gemeinhin nur Eltern rein­gehen. Vor allem, bevor sie Eltern wurden.

2011 gründete Patricia Parisi in Berlin den Milch­salon, der sich auf Kinderkonzerte in Clubs spezialisier­te. Sie veranstaltet etwa die Berliner Konzerte zu den großartigen „Unter meinen Bett“-Kinderlied-Compilationen, auf denen Francesco Wilking (Tele, Die Höchste Eisenbahn) seit 2015 die besten deutschen Singer-Songwriter versammelt. Gerade ist die vierte Auflage erschienen, etwa mit Tobias Siebert und dem traumpoppigen „Fledermaus“ oder Desiree Klaeukens, die sich mit dem Regisseur Dietrich Brüggemann unter dem tollen ­Namen „Theodor Shitstorm“ zusammengetan hat.

Einige sind bereits das zweite Mal dabei, wie Dota, Locas In Love, Gisbert zu Knyphausen – oder Bernd ­Begemann mit seiner Tochter Belinda, die gemeinsam das Berliner Releasekonert im Januar im Kesselhaus ­moderieren. Patricia Parisi sagt jedoch auch, dass die steigenden Preise, die manche Clubs mittlerweile für Kinderkonzerte aufriefen, ihr zusetzten: „Ich muss mich dringend nach einer Förderung umsehen, sonst kann ich das nicht mehr lange machen.“ Das wäre bitter.

Denn im Genre geht noch was. Ende September ­legte der „Tiere-streicheln-Menschen“-Actionlesermusiker Sven van Thom sein erstes Kindermusikalbum „Tanz den Spatz“ vor, das Cover schuf der Zeichner Mawil. Es ist ganz und gar wunderbar, wie der Berliner einem Geschwisterpaar zur Akustikgitarre sanfte Streicher herbeizaubert („Wenn niemand zusah, waren wir für einander da“) oder den schwarz-weißen Kater „Cowie Harpendale“ feiert. Es gibt auch Spaghetti-Western-Hommagen und einen Battle-Rap über Pupse. Kürzlich wurde van Thom in Essen mit dem neuen Kindermusikpreis „Das Weberlein“ geehrt, für das Lied „Mein kleiner Bruder“ – das zuerst 2017 auf „Unter meinem Bett 3“ erschien.

2019 will Sven van Thom mit der Platte auf Clubtour gehen. Etwas vorsehen muss er sich nur beim Titeltrack. Von „Ich tanz den Spatz“ gibt es eine ältere Erwachsenenversion. Darin singt er noch: „Ich tanz den Junkie.“ Und klopft sich mit der flachen Hand auf die Vene. Was für Kids dann doch zu arg wäre. 

  • Die Gäng: So 2.12., 12 Uhr, Lido, Cuvrystr. 7, Kreuzberg, Tickets 13/11 €
  • Diverse: „Unter meinem Bett 4“, Oetinger Audio, 17 €, ­
    Release-Konzert: So 27.1., 15 Uhr, Kesselhaus/Kulturbrauerei, Knaackstr. 97, Prenzlauer Berg, Tickets: 22/14 €;
  • Sven van Thom: „Tanz den Spatz“, Oetinger Audio, 13,79 €
  • Diverse: „Milchsalon Vol. 1“, Karussell (Universal), 12,99 €