Allende-Viertel

Der Garten der Hoffnung in Köpenick

Wie ein Stück Erde Flüchtlingen hilft, in ihrer neuen Heimat Wurzeln zu schlagen

Text und Fotos: Jens Hollah

Petra ist da!“, jubeln die Kinder und umringen sie. Petra Strachovsky begrüßt sie mit High-Fives und holt Schaufeln und Schubkarren aus dem bunten Schuppen, aus einem offenen Fenster dringt orientalische Musik. Noch bevor alles ausgeräumt ist, fangen die ersten Kinder an zu arbeiten. Sie sind Flüchtlinge. Und mitten in einer Hochburg Berliner Neonazis basteln sie an einem kleinen Paradies, dem Garten der Hoffnung.

So bunt ist es im Allende-Viertel II sonst nirgendwo. Die Plattenbausiedlung rund um das Flüchtlingsheim ist eine Neonazihochburg
So bunt ist es im Allende-Viertel II sonst nirgendwo. Die Plattenbausiedlung rund um das Flüchtlingsheim ist eine Neonazihochburg
Foto: Jens Hollah

2014 entstand in Treptow-Köpenick das erste Containerdorf für Flüchtlinge in Berlin. Nicht einmal vier Kilometer entfernt von der NPD Bundesparteizentrale, in einem Bezirk, wo mit 305 Fällen die Zahl der rechtsextremen Vorfälle 2015 auf einem Höchststand war, in keinem Bezirk gab es mehr Vorkommnisse. Treptow-Köpenick ist ein Zentrum der rechten Szene. Trotz einer engagierten zivilgesellschaftlichen Gegenbewegung ist die Gegend für Zuwanderer immer noch ein gefährliches Pflaster. Ein Drittel der dortigen rassistischen Vorfälle wurden 2015 im Ortsteil Köpenick begangen. Genau dort, inmitten der bis zu 20-geschossigen Plattenbauten des Allende-Viertels II, steht nun ein Flüchtlingsheim.

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Viele der Nachbarn waren anfangs gegen das Containerdorf. Schon im Vorfeld gab es Proteste: „Hier standen sich Hunderte Rechte und Linke gegenüber“,sagt Peter Hermanns, der Leiter des Heims. Auch nach der Eröffnung gab es immer wieder Demonstrationen, es flogen Flaschen gegen die Unterkunft, es wurde gedroht, das Heim abzufackeln. Mittlerweile hat sich die Situation beruhigt, auf der wöchentlichen Mahnwache treffen sich nur noch vier bis fünf Rechte, statt wie früher 20 bis 30, unter denen auch bekannte Neonazis wie Sebastian Schmidtke waren.

Der Garten der Hoffnung ist mitten im Allende-Viertel

Der Garten der Hoffnung ist mitten im Allende-Viertel

Es ist wenig los auf den Straßen zwischen den grau-braunen Hochhäusern. Vor dem Altersheim sitzt eine Gruppe Rentner auf ihren Rollatoren, vereinzelt bringt ein Bus eine Ladung Menschen, die schnell in ihren Hauseingängen verschwinden. Die bunten Container und ihre 380 Bewohner, hauptsächlich aus Syrien und den Balkanländern, bringen Farbe in das sehr deutsche Wohngebiet. Ihr Camp ist ein Vorzeigeobjekt geworden. Der „Garten der Hoffnung“, –mehrere Beete und Holzkübel, die sich über die Freiflächen zwischen den Containerbauten verteilen – ist ein beliebtes Beispiel dafür, wie man den Kontakt zwischen den Kulturen fördern kann. Auf diesen rund 50 Quadratmeter blühen Menschen auf und wachsen gemeinsam, hier fühlen sie sich als ein Teil des Ganzen, als Teil der deutschen Gesellschaft, anstatt ihre bloße Verwaltung im Massenlager zu erleben.

Garten der Hoffnung

Im Garten der Hoffnung
Foto: Jens Hollah

Es riecht nach Erde, in der prallen Sonne toben Kinder. Ein syrischer Junge steht neben einem Hochbeet, sucht jemanden, der ihm hilft. Ein Mädchen aus dem Balkan kommt zu ihm, gemeinsam wuchten sie die Schubkarre über die Kante und kippen die Erde hinein. Die Mütter servieren Kaffee und Kuchen, die Männer sind eher an den handwerklichen Tätigkeiten interessiert, die Hochbeete beispielsweise wurden von ihnen gezimmert.

„Beim Gärtnern sind Herkunft oder Religion egal. Die Menschen kommen ins Gespräch – und darum geht es uns“, sagt Petra Strachovsky, sie hat das Projekt mit initiiert. Seit dem Frühling letzten Jahres kommt sie einmal die Woche in das Heim, um mit Flüchtlingen, Anwohnern und Interessierten im Garten zu arbeiten. „Es war ein schöner Anblick, als ich letzten Sommer eine deutsche Frau in knappen Klamotten neben einer verschleierten Muslima zusehen konnte, wie sie gemeinsam in der Erde buddelten“, sagt Strachovsky.

Hinter ihr fangen in einem großen Beet gerade Narzissen an zu blühen, daneben stehen Holzkübel, in denen Kräuter, Möhren, Zwiebeln oder Erbsen wachsen, an den Holzlatten, die in die Höhe ragen, sollen schon bald Weinreben heranreifen. Die Geflüchteten bauen auch Gewürze aus ihren Ländern an, in der Erde ihrer neuen Heimat. Sie arbeiten nicht nur im Garten, sondern planen ihn mit. Das nächste Projekt ist ein Pavillon.

Hand anlegen, Selbstbewusstsein schaffen, ankommen: So einfach scheint es zu sein
Hand anlegen, Selbstbewusstsein schaffen, ankommen: So einfach scheint es zu sein
Foto: Jens Hollah

Heimleiter Hermanns unterhält sich gerade. Zwei Jungen rennen auf ihn zu, zupfen an seinem Jackett: „Chef, wie wäre es mit einer kleinen Hütte dort oben?“, fragt einer, während er auf die Baumkronen zeigt. „Ein Baumhaus? Super Idee“, sagt Hermanns und spricht mit den Kleinen darüber, wie genau sie sich das Projekt vorstellen. Nur einige Meter weiter lauscht der Junge, der eben noch Hochbeete befüllte, einem Gespräch über eine Flüchtlingsfamilie, die bereits eine eigene Wohnung gefunden hat. Trotzig steckt er die Schaufel in die Erde und ruft: „Ich will hier gar nicht weg, das ist mein Zuhause!“ Er ist auf diesem Stückchen Erde angekommen.

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