Kunst

Liebe mit Farnen

„ Garten der irdischen Freuden“ spannt im Gropius Bau den ganz großen Bogen: 20 internationale Künstler*innen zeigen Pflanzen in Paradiesen, Nutzbeeten oder Saatgut-Tresoren – und als beseelte Wesen

Eine frühe Version von Hieronymus Boschs berühmtem Gemälde „Garten der Lüste“ steht am Anfang der Ausstellung. Der Garten galt lang als Ort des Wohllebens, der Freuden und Idylle. Das aus dem Persischen entlehnte Wort Paradies meint ­einen Garten als umhegten und eingefriedeten Ort. Der Garten ist damit das Urbild von Kultur.

Courtesy: der Künstler & kamel mennour, Paris / London
Wenn der Nachtjasmin duftet: Hicham Berradas „Mesk-ellil“, 2015: Installation, Ensemble von 7 Glasterrarien, Cestrum Nocturnum, Gartenbaubeleuchtung, Mondlicht, Timer, hier in einer Ansicht sus Paris. 2015 Hicham Berrada, Foto: Courtesy: der Künstler & kamel mennour, Paris / London

Von Boschs dreiflügeligem „Garten der Lüste“ (um 1500) sieht man im Gropius-Bau jedoch nur die mittlere Tafel, der Garten Eden links und die Hölle rechts fehlen. Und damit fehlt auch Boschs eigentliche Pointe. Die v­­ielen wollüstigen Szenen mit Tieren, Früchten und nackten Menschen waren für den spätmittelalterlichen Maler eine Mahnung: Zügellose Lust wird am Ende bestraft. Bei Bosch ist der Garten nur eine Zwischenstation vom Paradies in die Hölle.

Aber wie sieht es mit dem Garten als Metapher für die Welt von heute aus? Diese Frage – „in einem sehr (zeit- oder orts)spezifischem Sinn“ – stellt Stephanie Rosen­thal, Leiterin des Gropius Baus, mit ihrer Ausstellung. Aktuelle Schlagworte wie Anthropozän, Migration, Kolonialismus oder Dystopie dürfen da natürlich nicht fehlen. 20 internationale Künstler und Künstlerinnen liefern die passenden Werke. Das Wollüstige findet sich auch darunter: Der Chinese Zheng Bo legt den Besuchern erotische Beziehungen mit Farnen nahe, stellt die Pflanzen bereit und zeigt in Videos, wie es geht. Diese „queere“ Beziehung muss wohl erst noch erlernt werden. Pflanzen haben ohnehin ihre Unschuld verloren, weil Menschen mit ihnen heute schlimme Dinge machen. Blumen sind Rohstoffe für Pharmakonzerne und ihre Verwertung zerstört „indigene Wissenssysteme“. Deshalb lässt Libby Harward Pflanzen aus dem Botanischen Garten von Brisbane miteinander kommunizieren, in den Sprachen der „First Nation People“.

Das Wesensmerkmal des Gartens, ­seine Abgeschlossenheit, markiert vielerorts eine gesellschaftliche Spaltung: die Armen draußen, die Wohlhabenden drinnen, wie in Südafrika. Lungiswa Gqunta hat zerbrochene Glasflaschen, mit denen Reiche dort Gartenmauern bewehren, in Grünland verwandelt: bedrohlich scharf, abstrakt, grün schimmernd. Es ist ein Hinweis da­rauf, dass der Garten eine gefährlich politische Dimension haben kann. In Pipilotti Rists Video dagegen hat der Garten noch eine paradiesische Note, vor allem deshalb, weil er nur von Frauen bevölkert wird. Rists neue Vision: Ohne das männlich Böse wird fast jeder Garten zum Paradies. Auch eine Art Wunschbild liefert der Nachtjasmin von Hicham Berrada (Foto). Von künstlicher Nacht umgeben, verströmt die Pflanze ihren betörenden Duft. Zugleich zeigt sich damit, wie der Mensch die Natur gefügig macht.

Der Garten ist problematisch geworden. Man weiß nicht mehr, ob die paradiesische Sehnsucht, die im Garten steckt, das Sinnbild für die Ausbeutung der Erde überstrahlt. Diese Ambivalenz spiegelt die Kunst der Ausstellung in aller Vieldeutigkeit wieder. Vielleicht wird man eher im Rahmenprogramm praktisch erfahren, was einem der Garten gibt – etwa beim Umbau eines Parkplatzes zu einem Beet. 

Bis 1.12.: Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, Hausticket 15/ 10 €, bis 16 J. + Lichthof frei. Workshops: www.gropiusbau.de

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