Essay

Restaurant zu: Gastronomin Claudia Steinbauer erzählt

Als die Corona-Krise anklopfte, kochte Claudia Steinbauer gerade Weißkohl und bestellte Schnaps und Wein. Jetzt sind alle Restaurants geschlossen. Doch sie lässt sich vom Virus nicht ins Herz treffen. Ein Essay.

Das Horvath ist geschlossen. Und auch die Gastronomin Claudia Steinbauer bewirtet zurzeit keine Gäste. Ihr Essay zur Corona-Krise. Foto: White Kitchen/Horvath
Diese Lichter sind erloschen: Das Horváth am Paul-Lincke-Ufer steht exemplarisch für diese Zwangspause des kulinarischen Berlins. Foto: White Kitchen/Horvath

Guten Tag, sagte die Krise höflich und machte eine Ghettofaust, nachdem sie bei uns anklopfte. Wir verdrehten unsere Augen ein bisschen und warfen uns diese: „Was ist mit der?“-Blicke zu. Wir wussten in unserer Bio-Seifen-Bubble (noch) nicht, was die Krise längst genoss: Die menschliche Solidarität scheiterte da schon am Desinfektionsmittel. Später am Toilettenpapier. Jedenfalls klopfte also die Krise und gab sich cool und wollte sich unbedingt mal mit uns treffen. Nee, sagten wir. Es ist noch zu, wir machen erst ab 18 Uhr auf und überhaupt, wir haben zu tun, wir probieren gerade die neuen Gerichte und ja, der verbrannte Weißkohl braucht ein bisschen mehr Crunch.

Unantastbarkeit: ein hohes Gut

Gut, dachte sich die Krise und lächelte, so glauben wir heute, vor sich hin. Zählte alle Gäste, tänzelte um die 18 Uhr Schlange herum, trank Champagner mit denen, die so ab 20.30 Uhr ein bisschen warteten.

Wir verfeinerten den Weißkohl, bestellten Wein und Schnaps, drehten die Musik laut und erfreuten uns jeden verdammten Tag an uns, an den Gästen, den Freunden, dem Laden, dieser Heimat für irgendwie alle. Die Krise winkte noch ein paar mal von draußen, wir fragten uns weiter, was sie will, und irgendwann verzog sie sich. Dachten wir.

Was sie aber tat – sie änderte ihren Aggregatzustand. Sie wurde atmosphärisch. Sie waberte durch alle Ritzen im Gemäuer, durch die offenen Fenster, durch die Lüftung; sie roch ein bisschen nach Sagrotan, sie bestimmte die Gespräche, obwohl sie nicht zu fassen war. Sie machte sich breit, heftete sich einen Hashtag an die Brust, sie hielt uns das Würstchen Hoffnung hin, nachdem wir gar nicht schnappten, sondern es im Vorbeigehen in Senf tunkten. Unantastbarkeit – welch hohes Gut.

Ach, dachten wir noch. Machen wir eben zwei Wochen zu. Dann betreuen wir tagsüber die Kinder und kochen abends für die Nachbarschaft. Treffen endlich die Gastrokollegen und gründen die kulinarische Partei Deutschlands, kurz KPD.

Wer, wenn nicht wir.

Nein. Auch wir nicht.

Corona-Krise: Jetzt ist zu

Ab heute ist zu. Mit der Kaffeemaschine an. Vielleicht kochen wir und posten, dass man sich noch ein bisschen Essen holen kann. Brot. Wein. Schnaps und Amore. Toilettenpapier. Vielleicht singen wir vom Balkon jeden Abend um 18 Uhr „Ausgeh’n“ von AnnenMayKantereit. Und Marianus, unser Küchenchef, bläst Waldhorn dazu.

Krisen treffen. Aber nicht ins Herz. Nicht. In. Unser. Verdammtes. Herz. Das schlägt, das wird Wege finden. Und Worte.

Schnaps & Amore.

Zur Person

Claudia Steinbauer bewirtet wegen der Corona-Krise zurzeit kein Gäste.
Zurzeit kann Claudia Steinbauer keine Gäste bewirten. Foto: Philipp Külker

Claudia Steinbauer lebt und imkert am Griebnitzsee. Seit dem vergangenen Jahr ist sie aber auch Gastgeberin im sehr wunderbaren Hamburger Restaurant Klinjer. Berliner*innen könnten die Berlinerin etwa aus dem Grill Royal, der Cordobar, der Söhnel Werft oder dem PeterPaul kennen. Diesen Text hat sie eigentlich ihren Facebook-Kanal geschrieben und nun mit uns geteilt.


Ihr träumt jetzt schon vom Essengehen nach der Krise? Bei ChunKing Noodles gibt’s ein Gericht für alle. Ihr steht auf vietnamesisch, habt aber ein schlechtes Gewissen, wenn ihr daran denkt, dass Wasserspinat über tausende von Kilometern eingeflogen werden muss? Freshtasia baut Wasserspinat an der Havel an.