Die Helden der Häftlinge

Gefängnisradio in Berlin

Sie sind verurteilte Diebe, Räuber und Erpresser – und haben ­in einem ­Gefängnis am Rande von Berlin ihren eigenen Rundfunksender. So etwas gibt es nirgendwo sonst in Deutschland. Ein Besuch bei „Radio Prison Beat“
Text: Philipp Wurm Fotos: Lena Ganssmann

Sobald die Aufnahmelampe rot aufleuchtet, vergisst Oliver seine Schwermut. Davor war er nur ein gewöhnlicher Knastbruder, eingebuchtet wegen einer schweren Straftat. Jetzt fühlt er sich frei. Für die kommenden Stunden darf Oliver, ein bärtiger Mittzwanziger mit Nike-Klamotten von der Wollmütze bis zur Jogginghose, seine eigene Radio-­Musikshow produzieren. Er kann dabei spielen, sagen, machen, was er will. Zumindest fast.

Hier wird "Radio Prism Beat" gemacht
Hier wird „Radio Prison Beat“ gemacht

„Moin“, grüßt er seine Hörer, serviert kurz die Fanfaren aus Europes „Final Countdown“,  murmelt ein paar Worte, startet seine Playlist, darunter Tracks von Deichkind und den Atzen. Er nickt mit dem Kopf, rudert mit den Armen. „Zwei Stunden pure Party“, knarzt er ins Mikro.

Oliver ist einer von knapp 600 Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt Heidering, einem Neubau der Berliner Justiz in der Nähe von Großbeeren, umgeben von Kreisverkehr und Gewerbegebiet. In der Betonburg sitzen Diebe, Räuber, Erpresser und sonstige Straftäter, die keine Kapitalverbrechen begangen haben. Die Radiosendung, die Oliver aufnimmt, ist Teil eines großen sozialen Experiments: des einzigen Gefängnisradios in Deutschland.

Nachfahren von John Peel

Das Radio ist für die DJs eine Flucht aus der Monotonie hinter den MauernFoto: Lena Ganssmann
Das Radio ist für die DJs eine Flucht aus der Monotonie hinter den Mauern
Foto: Lena Ganssmann

Der Gefängnis-Kanal, der 2014 gestartet ist, sendet aus einem unscheinbaren Raum in der JVA. Die Wände sind kahl, die Tische poliert; um die Aufnahmegeräte sind graue Schallwände gespannt. In dieser Kammer verwandeln sich Oliver und andere Knackis in Nachfahren von John Peel: Sie werden zu DJs und Moderatoren, die Bögen von Rock bis Rap schlagen. Ganz ohne Wumme, dafür mit Wumms. Unterstützt werden die Graswurzel-Radiomacher von Experten der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft – sowie einem erfahrenen Radiomann, der sonst als Techniker für den öffentlichen Rundfunk arbeitet. Außerdem sind Pädagogen dabei.

Der Sender heißt „Radio Prison Beat“, die Formate nennen sich „Stahlsaiten“ oder – wie Olivers Sendung –„Triple HHH“, ein Kürzel, das für „HipHop Heidering“ steht. Der Kanal ist von morgens bis abends on air, mit Erstausstrahlungen und Wieder­holungen, zu empfangen über die TV-­Geräte in den Zellen.

Auf dem Index steht alles, was Gewalt verherrlicht. Darunter Songs von Bushido und Frei.Wild. Weiteres Tabu, logischerweise: der immer irgendwie befürchtete Aufruf zum Gefangenenaufstand. Zum Feuilleton darf „Radio Prison Beat“ aber durchaus werden. So lange der Inhalt das Prädikat ­„besonders wertvoll“ verdient. Es wurde zum Beispiel schon Uli Borowka eingeladen, der Ex-Fußballer, der vor ein paar Jahren seine Suchtprobleme öffentlich gemacht hat. Er las aus seiner Suff- und Reue-Autobiografie „Volle Pulle“. Auch eine Talkshow landete schon im Programm, ihr Thema: „Eins auf die Fresse, oder geht’s auch anders?“ Könnte beinahe bei Maischberger laufen.

Flucht aus der Monotonie

Oliver nennt die Stunden im Aufnahmeraum eine „Premium-Freizeitmaßnahme“. Nachdem die letzten Beats in seiner Session verklungen sind, sagt er: „Wenn ich meine Musik spielen kann, habe ich bessere Laune.“ Ein Betreuer spricht von einem Gefühl der „Selbstbestätigung“. In der Gefängniswerkstatt schraubt Oliver sonst Stoßstangen zusammen, „für einen deutschen Autobauer“, wie er etwas angewidert erzählt.

Seit knapp zwei Jahren ist die JVA sein Zuhause. Verurteilt ist er wegen einer Tat, die mit „purer Zerstörung“ zu tun hatte und „gegen Gegenstände“ gerichtet war. Mehr will er nicht verraten. Das Radio ist für ihn und die anderen DJs vor allem dies: eine Flucht aus der Monotonie hinter den Mauern, mit den Mitteln einer aufgeklärten ­Pädagogik. Es gibt in der JVA natürlich noch andere Strategien, um den Stumpfsinn zu eliminieren – Sport, Yoga, Kunst. Außerdem kann man im Anti-Aggressionstraining lernen, den Frust abzubauen. Doch nichts davon dürfte so progressiv sein wie das Gefangenenradio: Es setzt auf den guten Willen der Inhaftierten und erlaubt ihnen vorübergehend Unabhängigkeit und Autonomie. Die Folge, zumindest in der Theorie: mehr Selbstwertgefühl.

„Schlechte Menschen werden nicht dadurch besser, dass man sie schlecht behandelt“, sagt Martha Pomirski, eine Pädagogin, die mit ihrer eindringlichen Art die Radiomacher motiviert. Ihre Überzeugung: „Man wird Inhaftierte nicht dazu bringen, zu verantwortungsbewussten Bürger zu werden, indem man ihnen das Leben schwer macht.“ Die Losung lautet: Resozialisierung statt Hospitalisierung.

Es passiert noch immer viel zu oft, dass Straftäter nach der Haftentlassung wieder kriminell werden. Im Erwachsenenstrafrecht liegt das Rückfallrisiko zwischen 40 und 50 Prozent, im Jugendstrafrecht sogar bei 70 Prozent. Für Kritiker sind diese Zahlen die Quittung für eine altmodische Law-and-Order-Praxis im Vollzug. Das Kittchen degeneriert demnach zur Verwahranstalt. Oliver erinnert sich an seine Haftperiode im Untersuchungsgefängnis Moabit – ein Albtraum. „Dort herrscht das Prinzip: Ab in die Zelle mit dir und zerbreche. Man wird desozialisiert.“

Das Gefangenenradio beweist, dass ­andere Wege möglich sind. Es ist nicht das einzige Praxisbeispiel für eine Philosophie, die an die Inhaftierten und ihre Talente glaubt: In der JVA Tegel inszenieren sie Theaterstücke. Und hunderte Kilometer weiter südlich, in München, lernen Verbrecher, ein Unternehmen zu gründen.

Oliver scheint die Experimentierlust nicht zu schaden. Redselig erzählt er von seinen Zukunftsplänen: mittlere Reife ­nachholen, eine Ausbildung zum IT-Fachmann machen. Vielleicht raus aufs Land ziehen, zu seiner Oma in der Nähe von Magdeburg.

Knapp zwei Jahre seiner Haft hat er schon verbüßt. Etwa dieselbe Zeitspanne muss er noch absitzen.

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