Was mich beschäftigt

Gehören BDS-Fans boykottiert?

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-Autoren große und kleine Alltagsfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteurin Julia LorenzImmerhin, sie haben es geschafft. Das Pop-Kultur-Festival steht bevor, und kaum einer redet über das Konzertprogramm, über die erfreuliche Künstlerinnenquote von 60 Prozent, überhaupt: über Pop. Stattdessen reden wir über BDS. Mal wieder. Schon 2017 hatte das Bündnis, das zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Boykott Israels aufruft, das Festival attackiert, weil die israelische Botschaft es mit einem Reisekostenzuschuss von 500 Euro unterstützte. Dieses Jahr sind es 1.200 Euro. Und erneut stehen die Brüllhälse auf der Matte.

Fünf Künstler haben ihre Teilnahme schon abgesagt, darunter der schwer angesagte US-Musiker John Maus. Wer die Lesart, Israel sei der ultimative Schurkenstaat, nicht unterstützen mag, darf sich da schon fragen: Muss ich Künstler wie Maus jetzt blöd finden? Kann ich noch ohne schlechtes Gewissen ihre Platten kaufen, auf ihre Konzerte gehen?

For the record: Nein, die Regierung des Staates Israel ist nicht sakrosankt. Sie darf kritisiert werden – so wie jede Regierung dieser Welt. Aber die Boykotteure messen mit zweierlei Maß. Unterstützt Israel ein Festival, das im Übrigen jährlich Künstlern aus dem arabischen Raum eine Bühne bietet, muss die Absicht in der BDS-Logik natürlich eine niederträchtige sein: Der Jude will sein Image aufpolieren, eh klar. Nix Antizionismus, nix „Israelkritik“ – diese Denkweise ist schlicht antisemitisch.

Und doch hat sie viele Anhänger: die englische Rapperin Kate Tempest etwa, die Philosophin Judith Butler, die Aktivistin Naomi Klein und Thurston Moore, früher Gitarrist und Sänger von Sonic Youth. Wer alle BDS-Fans aus dem Platten- und Bücherregal verbannen will, müsste gewaltig aufräumen.

Ob man’s tut, sei jedem selbst überlassen – aber einen Künstler aus dem Diskurs zu verbannen, weil er BDS unterstützt, kann nicht die Lösung sein. Denn dann lässt man sich ein auf den Kulturkrieg. Genauso wenig gerecht wird der Sache allerdings, wer hier stur auf die Trennung zwischen Autor und Werk verweist. Schließlich heben Künstler, die ihre Reichweite nutzen, um sich als politische Akteure zu Wort zu melden, diese Trennung selbst auf.

Deshalb: Lasst die Boykotteure halt auf die Bühne – sie müssen dort ja nicht kritiklos stehen. Gut, auf Hardliner wie den Pink-Floyd-Mitbegründer Roger Waters könnte ich verzichten, immerhin ließ der auf Konzerten Schweineballons mit aufgemaltem Davidsstern steigen.

Aber nehmen wir die Palästinenser-Versteherin Kate Tempest: Wäre ich Festivalveranstalterin, ich würde sie trotzdem einladen. Vielleicht würde ich auf meiner Website, in meinen Programmvorschauen mit einem Satz auf ihren Aktivismus verweisen. Soll jeder Fan selbst entscheiden, ob er kommen mag, es sein lässt – oder seiner Heldin ein kritisches Plakat entgegenhält.

Julia Lorenz stellt die Gewissensfrage
Julia Lorenz
Foto: lena Ganssmann

Was ich sonst noch tun würde: gerade jetzt Künstler wie Kate Tempest oder John Maus, übrigens promovierter Politologe, auf Podiumsdiskussionen einladen. Und sie dort fragen, welche Länder außer Israel sie sonst noch medienwirksam zu boykottieren gedenken, weil dort Unrecht geschieht. Wenn dann das große Schweigen folgt, hört man den Groschen bestimmt deutlicher fallen als im Handgemenge.