»Das heutige Berlin hätte Zwille besonders nötig!«

Gerhard Seyfried im Interview

Gerhard Seyfried war der berühmteste Comiczeichner West-Berlins, seine Geschichten von Freaks, Bullen und Hausbesetzern prägten eine ganze Generation. In den letzten Jahren widmete er sich vor allem seinen historischen Romanen, jetzt erschien mit „Zwille“ wieder ein Comic. Wir sprachen mit Seyfried, der gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, über Stadtplanung, Gentrifizierung, den Mythos Kreuzberg, den Flughafen Tegel, die legendäre Polizeisternsammlung, seinen Ärger über Graphic Novels und das Verschwinden der Kieze

Seyfried in seinem Atelier
Foto: Patricia Schichl

Herr Seyfried, Sie haben seit Jahren keinen Comic mehr gezeichnet, jetzt erschien mit „Zwille“ eine Geschichte, die direkt ins Seyfried-Universum führt. Hatten Sie wieder Lust auf Kreuzberg, blöde Bullen und schräge Typen?
Eigentlich nicht. Ich habe immer wieder Comics gezeichnet, Zwille ist allerdings vor 20 Jahren das letzte Mal in „Let the bad times roll“ aufgetaucht, darin lebt er mit McÖko zusammen. Mit Ziska habe ich danach noch andere Comics gemacht, der letzte war 2012 „Kraft durch Freunde“, der auf Facebook erschienen ist. Es ist ja so, dass ich gerne nur Comics und meine Romane gemacht hätte. Aber das geht nicht.

Warum nicht?
Weil ich auf Aufträge angewiesen bin. Das ist die Misere, dass ich von Monat zu Monat lebe und die Miete nur durch solche Arbeiten zahlen kann. Meine Wahlplakate, das Motiv für den Innovationspark Tegel, solche Sachen. Die schleppen mich durch die Jahre, lassen mir aber nicht die Zeit, einen Comic zu machen. Denn das bedeutet bei mir ein Jahr Arbeit, ohne Wochenende und Urlaub. In dieser Zeit kann ich aber sonst nichts einnehmen. Für „Zwille“ gab es jetzt dankenswerter Weise einen Vorschuss, so hat es funktioniert.

Was halten Sie denn persönlich von dem Innovationspark Tegel und der Tegel-Schließung?
Ich glaube eigentlich nicht daran. Der BER ist in meinen Augen ein Desaster, eine ungeheure Geldverschwendung, die natürlich uns Steuerzahlern aufgebürdet wird, und eine Blamage für Berlin. Tegel ist ein hervorragend konzipierter Flughafen, der eine erstaunliche Leistungs­fähigkeit an den Tag gelegt hat, vielleicht hätte man hier investieren sollen. Mir ist klar, dass der Fluglärm eine schlimme Belastung für die Anwohner darstellt, aber unter dem BER werden andere Anwohner ebenso leiden. Man hätte einen Großflughafen in dünner besiedelten Bereichen planen sollen, weit außerhalb des Stadtgebietes.

Sie werden dieser Tage 70, und vor 40 Jahren erschien Ihr erster Comic „Wo soll das alles enden“. Ein Doppeljubiläum! Ist die Wut mit 70 eine andere als mit 30?
Das ist nicht mehr dieselbe Wut. Wut würde ich sowieso nicht sagen, aber was uns allen auf der Seele liegt, ist die verdammte Gentrifizierung und das wahnsinnige Ansteigen der Mieten. Völlig ungebremst. Das macht auch vielen Leuten in meinem Freundes- und Bekanntenkreis Sorgen. Man kann sich die Wohnung nicht mehr leisten, nur wo geht man dann hin? Selbst der Speckgürtel ist mittlerweile unbezahlbar geworden. In billigen Ländern wie Somalia will man ja auch nicht leben.

Fühlen Sie sich auch persönlich als Mieter von der Gentrifizierung bedroht?
Ja.

Die Zeiten ändern sich: Zwille und sein Kumpel McÖko erleben im durchgentrifizierten Kreuzberg eine böse Überraschung
Comic: Seyfried/Westend Verlag

Geht es Ihnen jetzt darum, Angst und Schrecken zu verbreiten? Das zumindest wird in „Zwille“ behauptet.
Absolut! (lacht). Der Comic ist allerdings auf heftigen Druck meiner Fans entstanden, die immer wieder fragten, wann ich denn wieder was mit Zwille mache. Da die Pause so lang war, nehme ich in der Handlung auch immer wieder Bezug auf ältere Comics und Cartoons von mir. Das gibt es viele Andeutungen, dazu gehört auch die legendäre Polizeisternsammlung.

Seyfrieds „Hall of Fame“, oben rechts sieht man einen Polizeistern
Fotos: Patricia Schich

Die sich so angeblich in Ihrem Besitz befinden soll.
Offiziell ist das so, tatsächlich besaß ich insgesamt nur vier Polizeisterne. Einer war handgeklaut, aber nicht von mir, die anderen hatte ich vom Flohmarkt. Auch den aus Kalifornien.

Zwille ist ein alternder, arbeitsloser, kiffender Kreuzber­ger Sponti, der gerade aus einem besetzten Haus geflogen ist. Kaum jemand passt wohl heute weniger zu Berlin als Ihr Held.
Ich finde, dass gerade das heutige Berlin Zwille besonders nötig hätte, ihn und seinesgleichen. Damit etwas Humor und Spaß in die Geschichte kommt. Zwille ist ja kein Gewalttäter, er schmeißt nicht mit Molotowcocktails. Es geht darum, dass etwas Widerspenstigkeit in der Bevölkerung auftaucht, vor allem der Jugend. Das würde ich mir wünschen. Mir ist aber schon klar, unter welchem Druck die Jugend heute steht. Angst vor Arbeitslosigkeit, Erfolgsdruck.

Wie viel Zwille steckt denn in Seyfried?
Fast genauso viel wie Seyfried in Zwille.

Ist überhaupt noch was von dem alten Kreuzberg übrig? In Ihrem Comic stellen Sie den Bezirk als eine supergentrifizierte Hölle dar.
Man muss es ja etwas auf die Spitze treiben, es ist aber das, was ich kommen sehe. Eine Dystopie wenn man so will. Ich selbst lebe ja seit 16 Jahren nicht mehr dort. Ab und zu fahre ich dorthin und da fällt mir schon der Kontrast zwischen der Rudi-Dutschke-Straße und dem Lausitzer Platz auf. Die Rudi-Dutschke-Straße sieht ganz scheußlich aus, wie Mitte, und am Lausitzer Platz sind die alten Kneipen weg, die kleinen Läden auch. Zumindest wird Kreuzberg aber nicht von Glas- und Stahlwürfeln komplett zuradiert. Die Renovierungen machen ja Sinn, andererseits kann sich die neu renovierten Häuser aber niemand mehr leisten.

Die Gentrifizierung der Stadt und die Veränderung der Comiclandschaft sind zwei Hauptthemen in „Zwille“. Die Gentrifizierung nicht zu mögen, kann man ja nachvollziehen, niemand mag Mieterhöhungen …
Außer den Hausbesitzern … (lacht)

… aber warum hassen Sie Graphic Novels? Es sollte Sie doch freuen, wenn sich mehr Menschen für die grafische Erzählform interessieren.
Ja, aber nicht mit so einem schmutzigen Trick. Was Graphic Novels angeht, bin ich da einer Meinung mit dem schottischen Comicautor Alan Moore („Watchman“, „V wie Vendetta“), der sagt, dass die Verlage mit dem Begriff Graphic Novel allen möglichen Schrott einfach nur teurer verkaufen wollen. Das ist keine richtige Feindschaft, ich verdamme die auch nicht, aber ich selbst bleibe bei „Comic“, weil mir der Begriff „Graphic Novel“ zu hochgestochen ist, zu snobistisch. Mein Anspruch ist ohnehin, das Bild sprechen zu lassen, deshalb habe ich sogar die Textblasen aufgelöst. Es gibt aber Graphic Novels, da ist das Verhältnis von Bild zu Schrift fifty-fifty. Das ist für mich illustrierte Literatur.

Sie beziehen Ihre Inspiration als Zeichner von ­Comic-Künstlern wie Gilbert Sheldon, der die „Freak Brothers“ erfunden hat, und Robert Crumb. Gibt es heute noch so einen Comic-Underground?
Nicht wirklich. Selbst meine ersten Comics waren keine Underground-Comics, denn das setzt voraus, dass Comics verfolgt, zensiert und verboten wurden. Das kommt von der „Comics Code Authority“, die in den USA der 1950er-Jahre, mitten in der McCarthy-Ära Comics zensierte, und etwa alles was mit Sex zu tun hatte, in Comics verbot. Da durfte ja nicht einmal Donald Duch der Vater von Tick, Trick und Track sein, weil das ein Verweis auf Sex wäre. Darauf spielt in „Zwille“ die „Graphic Novel Authority“ an. Aber derzeit haben wir so eine repressive Situation in Deutschland nicht.

Auch nicht damals, als Sie in den 1970er Jahren angefangen haben, im linksalternativen Umfeld Ihre Comics zu zeichnen?

Das durchgentrifizierte Kreuzberg
Comic: Seyfried/Westend Verlag

Ja, sicher. Diese Form der Unterdrückung, genauer: mehrere vom Amtsgericht München eingeleitete Strafverfahren und Anklagen, dazu Beschlagnahmungen und Festnahmen, haben wir beim Münchener Stadtmagazin „Blatt“ erlebt. Da habe ich anfangs meine Cartoons publiziert und das war wirklich Underground. In Berlin zeichnete ich so weiter, aber der Rotbuch-Verlag hat mir insofern einen Strich durch die Rechnung gemacht, als dass er 1978 meine gesammelten Cartoons in Buchform veröffentlichte und in normalen Buchläden verkaufte. Das war kein Underground mehr und „Wo soll das alles enden“ hat sich 300.000 mal verkauft. Der Vorschuss hat mich dann nach Amerika katapultiert.

Was haben Sie dort gemacht?
Ich bekam von Rotbuch die Unsumme von 3.000 DM und bin mit dem Geld nach New York geflogen. Das Flugzeug kreiste eine Stunde über der Stadt, es war dunkel und ich habe Angst bekommen und hab mich nicht vom Flughafen rausgetraut. Also kaufte ich einen Weiterflug nach San Francisco, in der vagen Hoffnung, dass ich dort die Westküsten-Zeichner treffe. Wir sind dann bei Sonnenaufgang gelandet, da sah die Sache schon anders aus, Palmen, Blumen, Sonnenschein. Ich bin zu Fuß zum Mission District gelaufen und fand dort die Rip Off Press, den US-Underground-Comicverlag schlechthin, und bin dort erst einmal eingeschlafen. Aber so bin ich in der Zeichner-Szene gelandet und blieb.

Wie in „Zwille“ geht es in Ihren frühen Comics auch um die Veränderung der Stadt: Hausbesetzungen, Wohnungsnot, Modernisierungen. Das Thema zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch Ihr Werk. Sehen Sie das auch so?
Kann man so sagen. Das war schon in München so, wo Anfang der 1970er Kopfsteinpflaster und Gaslaternen ausgerottet wurden, alles was für mich eine Art Heimatoptik war. In Berlin gab es das noch, solche lauschigen Winkel, das ruinierte Kreuzberg. Ein toller Abenteuerspielplatz. Mich ärgert aber, wie Berlin sich scheinbar ohne jede Planung zubaut. Oder die Planung ist einfach nur verteufelt schlecht. Jeder Investor kann irgendwelche Klötze irgendwohin stellen. Berlin hat sich stadtplanerisch immer an Paris orientiert, an den Sichtachsen und so weiter. Das ist alles weg, da werden einfach grauenvolle Bauten hingestellt, wie etwa diese BND-Zentrale in Mitte. Das ist Stammheim hoch zwölf!


zur Person

Gerhard Seyfried
Foto: Patricia Schichl

Gerhard Seyfried wurde 1948 in München geboren wo er ein Studium der Malerei aufnahm und es 1969 abbrach. Er begann in dieser Zeit, als selbstständiger Grafiker zu arbeiten. 1976 zog er nach West-Berlin und bewegte sich im Umfeld der Hausbesetzer­szene. Seyfried veröffentlichte seine Cartoons, in denen er Themen wie Besetzungen, Demos und Drogen behandelte, in verschiedenen Zeitschriften, auch in der ZITTY. 1978 erschien sein erstes Buch „Wo soll das alles enden“, es folgten unter anderem „Freakadellen und Bulletten“ (1979), „Invasion aus dem Alltag“ (1980), „Das Schwarze Imperium“ (1984) und „Flucht aus Berlin“ (1990)


Warum baut man in Berlin so hässlich?
Offensichtlich lernen die Architekten nur noch Würfel und wenn es hochkommt, dann mal einen Zylinder. Das ist schade, weil Berlin eine schöne Stadt ist. Man braucht sich aber nur das Spreeufer anzuschauen, jede anständige Stadt hat wunderbare Uferpromenaden und hier setzt man diesen Wohnturm gegenüber der Mercedes-Benz-Arena ans Ufer. Was ist mit diesem Städtebau los? Entweder sind die Politiker strohdumm oder sie sind feindselig Berlin gegenüber oder sie sind korrupt bis ins Mark. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Hat dieser vermasselte Städtebau in Berlin nicht eine richtige Tradition, wenn man etwa an die 1960er- und 1970er-Jahre zurückdenkt?
Diese Jahrzehnte haben in Berlin mehr Schaden angerichtet als die Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs. Heute ist es aber nicht besser, die Touristen kommen hierher und stehen dann blöd am leeren Potsdamer Platz herum. Tote Viertel.

Vermissen Sie die alten West-Berliner Zeiten?
Nein, die sind vorbei. Die Stadt ist immer noch rasend interessant. Und auch um 1900 haben sich alle über Baustellen, Baudreck und den ständigen Lärm aufgeregt. Selbst Fontane äußert sich schon darüber, vermutlich gehört das zu jeder Großstadt. Wenn man sich aber diese ganzen neuen Bauprojekte anschaut, die neuen Viertel, die Apartmenthäuser, Grünanlagen, Plätze, dann merkt man, dass es irgendwie alles tot wirkt. Da gibt es kein Leben, wie man es in den Kiezen kannte, mit den Kneipen und den Nachbarn, die man kennt, und dem Zusammenhalt. Das stirbt aus. Die Zentren bestehen nur noch aus Konzernzentralen, Banken und Hotels. Nur dass das Leben in Randgebieten keine Kieze bilden kann. Der Kiez verschwindet.

Ist Zwille einer, der sich dem Verschwinden der Kieze entgegenstellt?
Natürlich steht er dafür.

Welche Politik würden Sie sich denn für Berlin wünschen?
Das kann gefährlich werden, wenn ich mir da etwas ausdenke. Politiker sind für mich, bis auf sehr wenige Ausnahmen, Leute, die nur der Macht und dem Geld hinterher sind. Da erwarte ich längst nichts mehr, sei es Senat, sei es Bundesregierung. Keine Hoffnung. Außer vielleicht, es kommt eine neue Totalzerstörung von Berlin, die ist aber nun auch nicht wirklich wünschenswert.

Gelegentlich gestalten Sie aber auch Wahlplakate. Ist das nicht ein Widerspruch?
Gewissermaßen. Aber ich bin von Aufträgen abhängig. Ich muss Mieten, Rechnungen und Steuern zahlen, wie jeder andere auch. Ich nehme ohnehin nur Aufträge an, die meinem Gewissen nicht widersprechen.

„Zwille“ von Gerhard Seyfried, Westend Verlag, 64 S., 16 €
Comic: Seyfried/Westend Verlag

Was bleibt uns angesichts dieser Hoffnungslosigkeit, die Flucht aus Berlin?
Ja, die auch. Sie findet in dem „Zwille“ zum zweiten Mal statt (nach Seyfrieds Comic „Flucht aus Berlin“, Anm. d.Red.) und ich selbst habe sie mit längeren Auslandsaufenthalten auch praktiziert. Ursprünglich wollte ich nur ein halbes Jahr in Berlin bleiben und bin jetzt 42 Jahre hier. Ich mag Berlin, das ist immer noch das Beste, was wir hier an Großstädten haben. Nichts gegen Hamburg oder München. Aber Berlin ist immer noch Berlin.