Literatur

Geschichte als Konjunktiv

Alternativwelt-Romane oder die Frage: Was wäre, wenn?

Geschichte fasziniert uns. Doch wirkt sie oft wie in Stein gemeißelt. So lange, bis Autoren abweichende neue Zeitlinien schaffen und die Annalen umschreiben. Die Möglichkeiten, das Bekannte zu verändern, den Leser zu manipulieren und sein geschichtliches Halbwissen auflaufen zu lassen, sind schier unbegrenzt. Der Zeitstrom, sonst ein fester Strang, wird plötzlich nicht nur zu einem reizvollen roten Garn, sondern auch zu einer frei formbaren Masse. Was natürlich voraussetzt, dass der Autor selbst seine Quellen kennt. Einer der besten Alternativweltromane ist der bereits 1966 erschienene „Wenn das der Führer wüsste“ des Österreichers Otto Basil (1901-1983), der gerade erst vom Wiener Milena Verlag neu aufgelegt wurde. Basil, der Probleme mit der Gestapo und sogar Schreibverbot hatte, rechnet in seinem satirischen Roman mit dem Nazi-Regime ab. Das Buch zählt zu den wichtigsten Werken der deutschsprachigen Science Fiction.

Geschichte der Geschichtsklitterung
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Beschäftigung mit alternativen Zeitströmen noch ein Thema von Wissenschaftlern und Historikern. In Sir John Collings Squires früher Sammlung „Wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte …“  von 1931 war sogar Winston Churchill mit einem Aufsatz vertreten und fragte sich, was in Amerika bei einem anderen Ausgang der Schlacht von Gettysburg passiert wäre. Der britische Geschichtsforscher G. M. Trevelyan spürte schon 1907 in einem Essay Collings Squires Napoleon-Frage nach. Seit sich die Science Fiction der Sache angenommen hat, ist das Interesse der Wissenschaft an den geschichtsklitternden Gedankenspielen zurückgegangen. Stephen Frys „Geschichte machen“ oder das von Militärhistoriker Robert Cowley herausgegebene „Was wäre geschehen, wenn? Wendepunkte der Weltgeschichte“ sind immerhin noch ein paar Beispiele, die zwischen Forschung und Unterhaltungsliteratur vermitteln – ansonsten dominiert heute die Science Fiction das Feld, mit Alternativweltgeschichten, Steampunk und Zeitreise-Romanen.
Ward Moore ließ 1953 die Konföderierten den amerikanischen Bürgerkrieg gewinnen, was in seinem Genreklassiker „Der große Süden“ dazu führt, dass die Welt weder Elektrizität noch Autos kennt. Philip K. Dick veröffentlichte 1962 seine Dystopie „Das Orakel vom Berge“, in der Japan und das Dritte Reich den Krieg gewonnen und die USA aufgeteilt haben, während die Deutschen bereits zum Mars geflogen sein sollen. In Fritz Leibers gleich mehrfach preisgekrönter, ziemlich postmoderner Kurzgeschichte „Versäum nicht den Zeppelin!“ von 1975 – einem der wenigen optimistischen Gedankenspiele – wird der große Fantasy- und SF-Altmeister in einem Tagtraum selbst zu Adolf Hitler. Und das in einer utopisch-liberalen Parallelwelt, deren abweichende politische und wissenschaftliche Entwicklung nach 1918 zu einer befriedeten Welt des Fortschritts geführt hat. Darin ist „Dolf“ ein deutscher Zeppelinexperte, der den USA das Geheimnis der Luftschiffe schenken möchte. In der Story unterhalten sich Fritz Leiber und sein Sohn über die Wendepunkte, die zu dieser schönen neuen Welt führten, und die mögliche Alternative – ein verhasstes Nazideutschland. Ebenfalls unverzichtbar: Norman Spinrads „Der stählerne Traum“ von 1972. Die erste deutsche Auflage von 1981 wurde kurz nach einer lobenden Besprechung im „Stern“ indiziert, da Heyne es mit den SS-Runen auf dem Cover doch etwas übertrieben hatte und die Bundesprüfstelle Spinrads Ansatz eines Buchs im Buch und eines ausgewanderten Hitlers als preisgekrönter SF-Autor und Verfasser von „Der Herr des Hakenkreuzes“ einfach nicht schmeckte. Erst 1987 wurde die Indizierung aufgehoben.
Der wichtigste neuzeitliche Alternativweltroman ist Robert Harris’ „Vaterland“ von 1992. Schon kurz nach Erscheinen international erfolgreich, scheuten sich die Verlage hierzulande, den Roman zu veröffentlichen, in dem die Nazis vom Rhein bis zum Ural herrschen. Der Polit-Thriller fand dann auch nur über den Schweizer Haffmans Verlag zu einer deutschen Ausgabe. Erst vier Jahre später traute sich Heyne an den Bestseller, der viel für die Akzeptanz diesem Genre gegenüber getan hat, das sich mit einem anderen Ausgang des Zweiten Weltkriegs beschäftigt.

Nicht immer Nazis
Natürlich gibt es auch Werke, deren Dreh- und Angelpunkt nicht der Zweite Weltkrieg ist (obwohl dieser einen großen Reiz zu haben scheint). Jeder Epoche kann ein alternativer Geschichtsverlauf entspringen. Das Interesse an Gegenvorschlägen zu unserer Historie ist universell und immer groß. „Der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt, interessiert eben doch“, sagt der in Berlin lebende Autor Siegfried Langer, der mit „Alles bleibt anders“ einen der meist gelobten Alternativweltromane der letzten Jahre geschrieben hat, in dem er Berlin kurzerhand zu Germania umfunktioniert hat. „Geringfügige Veränderungen der Vergangenheit können den Lauf der Dinge erheblich beeinflussen. Die Leser lieben die intellektuell herausfordernden Gedankenspiele alternativer Geschichtsschreibung.“

Ein amerikanisches Genre

Nur noch ein Bruchteil der in den USA erhältlichen Gattungsvertreter erscheint auf Deutsch. „Es gibt nicht so viel, was man da bringen könnte, weil viele dieser Werke eher US-spezifisch sind“, weiß Verleger Guido Latz, der allerdings im Atlantis Verlag gleich eine Handvoll deutscher Autoren im Programm hat („Alles bleibt anders“, Oliver Henkels „Im Jahre Ragnarök“, Dirk van den Booms „Kaiserkrieger“). Wenigstens gibt es mit Philip Kerrs „Berlin-Trilogie“ und Christian von Ditfurths „Das Luxemburg-Komplott“ aktuell ein paar Titel bei größeren deutschen Verlagen. Nicht zu vergessen Christian Krachts düstere Vision „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, in der sich das Sowjetreich von der Schweiz bis nach Afrika erstreckt.
Es sind nicht nur verlegerische Vorbehalte gegenüber triumphierenden Rassisten und Faschisten, die das Erscheinen neuer Genre-Romane auf Deutsch verkomplizieren. Denn so formbar die Geschichte in der Fiktion oft auch ist: Gegen die Realität kommt sie selbst heute nicht immer an. So lässt zum Beispiel Harry Turtledove, der produktivste zeitgenössische US-Autor von Alternativweltromanen, seine Bücher nicht ins Deutsche übersetzen – seine Großeltern sind, so weit man weiß, im KZ gestorben. Turtledove allerdings sagt schon seit einigen Jahren nichts mehr zu diesem Thema.
Die wahre Geschichte ist eben doch mächtiger als die spekulative, mit Fiktion und Fantasie angereicherte Variante. Letztere hat dann aber wenigstens die Chance auf ein Happy End und ist mit Sicherheit die vergnüglichere Option.

Otto Basil: Wenn das der Führer wüsste, Milena, Wien 2010, 400 S., 23,90 Euro

Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 160 S., 16,95 Euro

Robert Harris: Vaterland, aus dem Englischen von H. Haefs, Heyne, München 1994, 384 S., 8,95 Euro

Ward Moore: Der große Süden, aus dem amerikanischen Englisch von W. Brumm, Heyne, München 2001, 285 S., nur noch antiquarisch

Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge, aus dem amerikanischen Englisch von N. Stöbe, Heyne, München 2008, 352 S., 9,95 Euro

Norman Spinrad: Der stählerne Traum, aus dem amerikanischen Englisch von W. Brumm, Heyne, München 1981, 300 S., nur noch antiquarisch