Bühne - Vorbericht

Geschichten aus dem Nichts

Die Bandbreite des boomenden Improvisationstheaters zeigt das Internationale Festival „Impro 08“ vom 27. März bis 6. April. Und es landet dabei einen Coup.

Text: Friedhelm Teicke

Wer langweilt, stirbt sofort den Bühnentod. Aber nicht stilvoll wie Hamlet, sondern kurz und bündig durch ein Händeklatschen. Raus aus dem Rampenlicht heißt das, zurück in die Kulisse. Das Spielangebot hat nicht interessiert. „20 Sekunden“, sagt jemand, so lange dauerte dieses Bühnenleben, bis der Mitspieler es, nun ja, kurzerhand beendete. Der Nächste bitte. Die Stoppuhr wird wieder angeschmissen, Auftritt, Klatsch: „23 Sekunden“. Ein Bühnenleben ist zu kurz, um zu langweilen. Zumindest hier, wir sind schließlich nicht im Berliner Ensemble, sondern im Workshop „Improvisation und Theater“ des englischen Schauspiellehrers und Regisseurs Keith Johnstone.

Johnstone ist der Godfather des Impro-Theaters. Seine Bücher „Improvisation & Theater“ und „Theaterspiele“ (auf Deutsch erschienen im Alexander-Verlag) gelten als die „Bibeln der Improvisation“. Teuer sind die Workshops, die der inzwischen 75-Jährige in Europa allerdings immer seltener gibt. Doch seine Saat ist längst aufgegangen. Spontantheater erfreut sich als „Theatersport“ seit Jahren wachsender Beliebtheit. In Berlin und weltweit. Es wird von Australien bis Brasilien, von Skandinavien bis Japan gespielt und natürlich in Kanada, seit Jahrzehnten die Wahlheimat Keith Johnstones.

Seit sieben Jahren sorgen die Profis der Impro-Gruppe „Die Gorillas“ mit dem von ihnen organisierten Festival „Impro“ dafür, dass sich diese Internationalität auch in Berlin zeigt. Die hiesige Szene tummelt sich an immer mehr Spielorten, vom Admiralspalast bis zum Ratibortheater, selbst das Theater am Kurfürstendamm mischt inzwischen kräftig mit. Ein Indiz für die Publikumszugkraft dieser Theaterform.

Erstaunlich, dass das Berliner Ensemble da noch nicht dabei ist. Schließlich vertrat deren Hausgeist Bertolt Brecht einst die bildungsbürgerlich provokante These „Theater muss wie Fußball sein“. Die weihevolle Institution Theater soll sich der rohen Institution Fußball angleichen. Doch da zuckt nicht nur Claus Peymann zusammen, auch Keith Johnstone runzelt die Stirn. Zwar zielt er darauf, populäre Formen für die etablierten Künste nutzbar zu machen, will die besonders in Deutschland gern gepflegten Grenzen von Hoch- und Populärkultur aufbrechen. Nur setzt ihm die europäische Impro-Szene viel zu sehr auf sketchartige Comedy-Formate. Johnstone will Theatersport auf sämtliche Darstellungsformen wie Sprech-, Bewegungs- und Musiktheater bezogen wissen – bis hin zur abendfüllenden Impro-Langform über fünf, sechs Akte. Das ist dann nicht mehr lustig, jedenfalls nicht unbedingt.

„Ich verbringe mein Leben damit, die Dinge gefährlich zu machen, während die meisten Schauspieler um Sicherheit kämpfen“, sagt der grauhaarige Spontanaktivist. „Im Theatersport geht es darum, Geschichten zu erzählen, keine Komiker zu trainieren.“ Es muss deshalb geradezu als Coup gelten, dass beim diesjährigen „Impro“-Festival Johnstones eigene Gruppe dabei ist: das Loose Moose Theatre aus Kanada.

Ist das nun eine Anerkennung der langjährigen Impro-Theaterarbeit von Gorillas und Theatersport Berlin? „Da läuft viel über persönliche Kontakte“, erklärt „Impro 08“-Leiter Christoph Jungmann nüchtern. „Ein Schauspieler des Loose Moose Theatre war vor zwei Jahren als Mitglied der kanadischen Nationalmannschaft bei der ,Theatersport-WM’ zum Kunst- und Kulturprogramm zur FIFA-WM dabei und hat die hiesige Szene kennen gelernt. Später trafen auf einem Festival in Norwegen Mitglieder von Loose Moose und Berliner Theatersportler aufeinander.“ Die Wertschätzung war danach wohl gegenseitig, weswegen das Loose Moose Theatre nun sogar zu den finanziellen Bedingungen eines Low-Budget-Festivals angereist kommt.

Aber auch Keith Johnstone selbst soll nach einer Vorstellung des Gorilla-Theaters seinem Übersetzer zugeflüstert haben: „They are not horrible.“ Das ist mit britischem Understatement durchaus ein Lob. Johnstone hat sich inzwischen aus Altersgründen aus der künstlerischen Leitung seines Theaters zurückgezogen. Er lehrt an der Uni von Calgary seine vor 40 Jahren am Londoner Royal Court Theater entwickelten Improvisationsübungen und -modelle, die übrigens niemand geringerer als George Tabori allen Theatermachern zur Nutzung empfahl. Dramatiker wie Moritz Rinke, Polemiker wie Henryk M. Broder oder Schauspielstars wie Manon Staché zählen zu erklärten Fans des Theatersports. Staché tritt sogar, wenn sie nicht „Lindenstraße“ oder „Traumschiff“ dreht, regelmäßig mit Theatersport Berlin auf.

Neben dem legendären Loose Moose Theatre kommt noch eine zweite Gruppe aus Kanada zu „Impro 08“ nach Berlin: Die Crumbs aus Winnipeg sind bereits alte Bekannte in der Stadt, ihr Mitglied Stephen Sim kann sich rühmen, 13 Berliner Spielstätten von der Bühne aus zu kennen. Diesmal verstärken sie sich durch DJ Hunnicutt, was das Aufeinandertreffen von Clubkultur und Improtheater verheißt. Der Mitbegründer der kanadischen HipHop-Label Peanuts und Corn Records ist bei einer Leserumfrage des Musikmagazin „Uptown“ zum beliebtesten DJ Winnipegs gewählt worden.

Weitere Teilnehmer reisen aus Frankreich, Slowenien, Tschechien, Schweden, Holland, Österreich, Schweiz, den USA, aus Hamburg, Mannheim, München und Würzburg an und treffen bei „Free Play“ aufeinander, einer Show, die – wie sich das gehört – erst auf dem Festival entsteht. Benannt ist das Spontan-Format nach dem Titel eines Buches von Stephen Nachmanovitch, in dem die schöpferische Freiheit zum Zentrum der Improvisation erklärt wird. Autor und Musiker Nachmanovitch trainiert höchstselbst in einem Workshop das aus Abgesandten aller Gruppen bestehende „Festivalensemble“, der Zuschauer am Abend bestimmt allerdings den Rahmen der Geschichten aus dem Nichts. Das Geschehen wird so hoffentlich weniger esoterisch als es der deutsche Buchtitel „Tao der Kreativität“ befürchten lässt.

Ansonsten lässt sich ja prima das Prinzip von Keith Johnstones eingangs beschriebener Workshop-Übung anwenden. Das Manna des Schauspielers, der Applaus, muss eben nicht Anerkennung sein, sondern nur ein einzelnes kurzes Klatschen. Hart und unerbittlich: Raus aus dem Rampenlicht, zurück in die Kulisse, du Langweiler!

„Impro 08 – 7. Internationales Improvisationstheater Festival“, 27.3.-6.4., Ratibor, Theater am Kurfürstendamm, Mehringhof Theater, Admiralspalast, Schlot, Vaganten.

Eintritt (je nach Ort) zwischen 9 und 19 Euro