Das Mädchen aus der Disko

Gespräch mit Lara Schützsack

Lara Schützsack schreibt Drehbücher, spielte eine Wasserleiche im Lietzensee und hat jetzt einen mitreißenden Roman publiziert

In „Die fetten Jahre sind vorbei“, dem Film von 2004, hat Lara Schützsack einen klitzekleinen Auftritt. Als Mädchen in der Disko. Googelt man heute ihren Namen, findet man die 32-Jährige immer noch unter dem Schlagwort Schauspielerin. Das ist aber nicht korrekt. Zwar jobbte Lara Schützsack während ihres Studiums als Statistin im Filmbetrieb und spielte auch mal eine Wasserleiche, die im Lietzensee herumtrieb. Ihr Fach an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin aber hieß Drehbuch, und mit Drehbuchschreiben verdient sie inzwischen auch ihr Geld. Im letzten Jahr lief ihr erster Film „Draußen ist Sommer“ in den Kinos. Jetzt legt sie mit dem mitreißenden und verstörenden Coming-of-Age-Roman „Und auch so bitterkalt“ nach, der absolut das Zeug dazu hat, zum Kultbuch zu werden.

„Es geht in meinem Buch um Grenzüberschreitungen, um ein unaussprechliches Gefühl und einen immerwährenden Schmerz, den man dabei empfindet, vielleicht mal erwachsen zu werden“, erklärt die müde wirkende, sehr offene, unprätentiöse Autorin, die sich selbst – „nur wegen eines veröffentlichten Buches“ – nicht gleich als Schriftstellerin verstanden wissen will. „Ich freue mich über jugendliche Leser“, sagt sie. Ihre eigenen Teenagerjahre verbrachte die gebürtige Hamburgerin in Tübingen, wo ihr Vater als Physiker bei Bosch arbeitet. Wir treffen uns in der Friedenauer Wohnung ihrer Eltern, die sich während des Gespräches um Lara Schützsacks vor Kurzem geborenes Kind kümmern, dem Grund ihrer Müdigkeit. Ihre Schlafdauer sei in den letzten Wochen um die Hälfte geschrumpft. Mit dem Berliner Nachtleben, in das sie sich früher gerne gestürzt hat, ist es erst mal vorbei.

Als Tochter einer aus Berlin-Westend stammenden Mutter habe sie ein Faible für West-Berlin. Ihr eigentliches Revier aber sei Mitte, sagt sie. 2001, nach dem Abitur, zog sie her und studierte zunächst Literaturwissenschaften. In Mitte, wo sie mit Freund und Kind lebt, ist Lara Schützsack das Mädchen in der Disko geblieben. Sie hänge an den Plattenläden und den Freaks, die es dort immer noch gebe. Die helfen ihr dabei, den Eindruck des allzu Schicken zu verschleiern, den der Bezirk erweckt, sagt sie. Gemeinsam mit ihren Schwestern legt sie in Berliner Klubs auf, sie ist für die Indie-Sparte zuständig. Am liebsten hält sich die Autorin in Cafés und Bars auf, auch wenn sie das als junge Mutter nun ein bisschen reduzieren muss. „Natur ist nicht so meins, ich brauche Orte, wo Menschen sind – und am besten auch Musik.“

Musik ist auch Thema in ihrem Roman, der aus der Perspektive der dreizehnjährigen Malina erzählt ist. Die bewundert ihre ältere Schwester Lucinda, eine jugendliche Femme fatale, die an Magersucht leidet und depressiv-teilnahmslos einen Jungen nach dem nächsten verführt, bis sie sich schließlich in den Nachbarsjungen Jarvis verliebt. Was Britpop-Fans schnell ahnen: Ihr gemeinsamer, destruktiver Kosmos ist bestimmt durch die Musik des britischen Sängers Jarvis Cocker und seiner Band Pulp. Die Geschichte der beiden launenhaften Teenager ist wie ein gefährlicher Strudel, der auch die unmittelbare Umgebung mitzureißen droht – allen voran Malina, die kleine Schwester – und schließlich furchtbar tragisch endet.

Biografische Parallelen zu ihren Roman-figuren gebe es keine, betont sie, die im Roman verhandelten Themen seien ihr dennoch sehr vertraut, und nicht nur das „feeling blue“ eines Teenagers. „Das Gefühl, erwachsen zu werden, kam mir als Jugendliche sehr öde vor“, erinnert sich die Autorin. In ihrer Romanfigur ist dieses Gefühl der Ödnis bis ins schmerzlichste Extrem gesteigert. Musik kann tröstend, ja lebensrettend sein. In „Und auch so bitterkalt“ ist ihre Wirkung zerstörerisch. „Zerstören? Ja, das kann Musik auch“, sagt Lara Schützsack, die neben Pulp auch gerne die Beatles und Leonard Cohen hört. „Sie hat einige meiner Beziehungen zerstört, andere angefeuert. Je mehr Musik ich höre, desto weiter drifte ich von der Realität ab. Ich habe durch weniger Musik-hören mehr Ordnung in mein Leben gebracht – und durch falsche Musik könnte ich es schnell wieder durcheinanderbringen.“ Und speziell Pulp? Lara Schützsack, die auch als Filmmusikberaterin tätig ist, lacht. „Die Songs von Pulp sind nicht gerade erdend, da hebt man eher ab!“

Ursprünglich ist „Und auch so bitterkalt“ aus einem Drehbuch hervorgegangen, das wiederum auf einer Kurzgeschichte basierte. Aber für das Zustandekommen eines Films ist die jeweilige Zielgruppe ausschlaggebend und das Genre ihres Werkes war nicht ganz klar. Also schuf Schützsack auf Anraten ihres Agenten aus dem Stoff einen Roman. Hat man den nun gelesen, weiß man, dass die Entscheidung in Richtung Literatur nur gut und richtig war. Und eine Verfilmung ist auch gar nicht nötig.

 

Lara Schützsack: „Und auch so bitterkalt“. Fischer, Frankfurt/Main 2014, 175 Seiten, 14,99 Euro

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