Berlin

Gibt es Sicherheit beim Feiern?

Auf linken Festivals und in linken Clubs spricht man gern von Safe Spaces. Werden die Veranstaltungen dadurch mit höherem Maß gemessen? Und kann es irgendwo so etwas wie hundertprozentige Sicherheit geben? 

Foto: imago images/Frank Brexel

Es war bislang, mit Verlaub, ein ernsthaft beschissenes Jahr für Frauen, die gerne feiern gehen. Erst vor Kurzem wurde bekannt, dass ein Mann auf dem Technofestival Monis Rache drei Sommer lang heimlich Besucherinnen auf Dixi-Toiletten gefilmt und die Aufnahmen auf der Pornoseite „xhamster“ hochgeladen hat. Nun hat auch das Festival-Schlachtschiff Fusion ein Problem: Auch dort hat ein Mann Frauen bespannt und beim Duschen gefilmt, auch diese Videos landeten im Netz.

Irritierend erscheint mir, wie oft in der Berichterstattung herausgestrichen wird, dass sowohl Monis Rache als auch die Fusion dezidiert linke Veranstaltungen sind. Entweder mit hämischem Subtext (Seht her, sogar bei den Moralaposteln gibt’s räudige Spanner!) oder, oft aus den Fan-Reihen, mit verwundertem Unterton: Unfassbar – und sowas bei UNS!

Immerhin gelten Festivals, Veranstaltungen und Clubs, deren Betreiber*innen sich gegen Rassismus, Sexismus, Hass auf Homosexuelle, trans oder behinderte Menschen positionieren, vielen als sogenannte „Safe Spaces“. Der Begriff hat sich in linken Kreisen für Orte etabliert, an denen sich Marginalisierte vor den Zumutungen der Mehrheitsgesellschaft sicher fühlen können. Fernab der Grundsatzfrage, was ein linkes Festival überhaupt sein soll (Müsste das nicht kostenlos sein? Zumindest ein solidarisches Bezahlmodell bieten? Haben Mitglieder der Jungen Union am Ende Zutrittsverbot?), ist das Problem an der Sache: Solche Orte sind eine Utopie.

Übergriffe können überall passieren

Links sein heißt, Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen, Kapitalismus und die damit verbundenen Grausamkeiten nicht für alternativlos zu halten, im Alltag Solidarität zu erproben. Diesem hehren Vorhaben ist die Möglichkeit des Scheiterns immer eingeschrieben – schließlich wurden auch Linke geprägt von der Gesellschaft, die sie in ihren Grundfesten erschüttern wollen. Eine lesbische Frau kann sich bei einem rassistischen Gedanken erwischen, ein behinderter Mensch bei einem homophoben. Man sollte also am besten gar nicht erst so tun, als könne es einen Ort geben, an dem wirklich alle jederzeit sicher vor den Hässlichkeiten ihrer Mitmenschen sind. Nicht in der Gegenwart, leider nicht mal in einer freundlicheren Zukunft. Zumindest glaube ich das – wäre allerdings froh, eines Besseren belehrt zu werden.

Auf jedes Festival, in jeden Club, in jede Bar oder Fahrradwerkstatt kann sich ein*e potentielle*r Täter*in einschleichen. Nicht alle ekligen Vorfälle und Delikte sind also zwangsläufig repräsentativ für Schieflagen in der linken Szene. Aktuell ist die Sache aber komplizierter. Denn der „xhamster“-User, der auf Monis Rache heimlich Besucherinnen filmte, soll aus dem Umfeld des Festivals stammen. Trotzdem ließ das Statement des Festivals nach Bekanntwerden des Falls aus Sicht vieler Empathie für die Opfer vermissen – und das Eingeständnis, in den eigenen Reihen vielleicht zu unaufmerksam gewesen zu sein. Sicher: Es tut weh, zuzugeben, dass der Täter eben kein Betriebsunfall, kein Fremdkörper im linken Glitzerkosmos ist, sondern der schlimmste Auswuchs des sexistischen Systems, in dem wir uns alle bewegen. Und vielleicht ein Kumpel. Das Dümmste aber wäre nun, sich nach der Aufarbeitung der Falls zufrieden zurückzulehnen.

Das Fusion-Kollektiv reagierte im Übrigen souveräner, mit mehr Willen zur Selbstkritik. Zumindest ein Lichtblick bei all dem Mist. Denn obwohl es absolute „Safe Spaces“ nie geben kann, bedeutet das nicht, dass man nicht versuchen sollte, sich diesem Ideal anzunähern.