Gisbert zu Knyphausen

Mit dem Herzen singt man besser

Der wunderbare Liederpoet Gisbert zu Knyphausen bringt nach sieben Jahren wieder ein Solo-Album heraus. Es wurde auch höchste Zeit

Und dann schnürt es dir plötzlich die Kehle zu. Du schluckst. Du könntest fast heulen.

„Kommen und Gehen“ heißt der Song, ziemlich genau nach der Hälfte des neuen Albums von Gisbert zu Knyphausen „Das Licht dieser Welt“, seinem ersten Solo-Album seit sieben Jahren. Es ist eines dieser Lieder, bei dem man merkt, wie sehr er gefehlt hat.
Ein Mensch, 90 Jahre Leben, zittrige Hände, den Kopf noch voller krummer Ideen, nimmt Abschied. Aber dann: kippt das Lied,
mit einem Schlag. Ein süßes Mädchen, eben geboren, liegt tot in seiner Mutters Armen.
Und Gisbert zu Knyphausen singt, seine sparsamen Klaviernoten tasten sich ins Unfassbare vor, eine dieser Zeilen, in denen sich alles verdichtet, Schmerz, Trauer, Verzweiflung, Linderung: „Ich lasse ein Licht brennen, damit du uns findest, wenn du’s dir doch noch einmal anders überlegst.“

Gisbert zu Knyphausen
Und zum Album einen Wein: Winzersohn und Saitenzauberer
Foto: Dennis Williamson

„Kommen und Gehen“ ist wahrscheinlich das traurigste Lied, das er je schrieb. Erste Reaktionen darauf seien heftig gewesen. Beim Label, bei seiner Freundin. Aber warum sollte er diese Themen ausklammern?

Sagt also Gisbert zu Knyphausen,38, mit aufgeräumtem Siebentagebart-Gesicht und dieser irgendwie lichtscheuen Stimme, die dabei klingt, als sei er eben erst und viel zu früh aufgestanden. Einer der außergewöhnlichsten Liederpoeten des Landes, mit Songs von zauderhaftem Fatalismus, melancholischer Unstetigkeit, grüblerischer Sehnsucht.

2008 erschien sein Solodebüt, nur mit seinem Namen betitelt. Da war er einer dieser halbjungen Poeten, die ihre Gitarre in den Weltschmerz tauchten, wie Philipp Poisel, Olli Schulz, Dota Kehr, Max Prosa. Zwei Jahre später stieg „Hurra! Hurra! So nicht.“ auf Platz zwölf in den Charts ein.

Damals, 2010, zog Knyphausen – aufgewachsen auf einem Winzerhof im Rheingau, dritter von fünf Söhnen eines Barons, ganz alter ostfriesischer Landadel – von Hamburg nach Berlin. Wo er schon mal ein Jahr gelebt hatte, bevor er in Holland ein Musiktherapiestudium schmiss. Jetzt tat er sich mit dem 15 Jahre älteren Hamburger Songwriter und Künstler Nils Koppruch zusammen, einst Kopf der Indie-Band Fink. Als Kid Kopphausen brachten die beiden im Herbst 2012 das Album „I“ heraus, gingen mit Band auf Tour. Sie spielten auch ein wunderbares Konzert im Heimathafen Neukölln. Drei Wochen später blieb Nils Koppruchs Herz eines Nachts stehen. Einfach so.
Die Band tourte noch vier Wochen weiter. Trauerarbeit auf der Bühne. Dann verschwand Knyphausen. Reiste seinem Fernweh hinterher. Russland, Iran, Albanien. Sortierte die Trauer, den Verlust, sich selbst auch. Tauchte hin und wieder auf, gab einige Konzerte. Spielte Bass in Olli Schulz’ Band. Rumpelte auf dem „Unter meinem Bett“-Kinderlieder-Sampler lustig drauflos: „Immer muss ich alles sollen!“ Sang mit Moses Schneider und Der Dünne Mann (Tobias Friedrich) beim Vinyl-EP-Projekt „Husten“.

Vor zwei Jahren fuhr er nach Südfrankreich, verbrachte zwei Monate in einem etwas heruntergekommenen Chateau zu Füßen der Pyrenäen, er nennt es „Seelenort“. Als Startrampe für neue Songs. Aber die Songs wollten einfach nicht kommen. Er machte Quittengelee, fütterte Pferde, guckte in die Natur. „Mach’ ich sowieso gern.“

Irgendwann bat ihn Andreas Dresen, der Filmregisseur, um einen Song, als er den Klassiker „Timm Thaler“ neu verfilmte: „Das Licht dieser Welt“ ist das sonnige Gegenstück von „Kommen und Gehen“: Wieder wird ein Kind geboren. Hinein in eine Welt voller Chaos, Liebe. Und: Wunder.

Wenn das Licht uns fängt

Seinem Vater war früh klar, dass aus seinem dritten Sohn kein Winzer wird. Der junge Gisbert färbte sich die langen Haare schwarz und trug Löcher in den Jeans. Zu Weihnachten bekam er Geld geschenkt. Er solle sich etwas Vernünftiges zum Anziehen kaufen.
Jetzt findet auf dem Weingut jährlich das Festival „Heimspiel“ statt, dieses Jahr kamen zum Beispiel Knyphausens Jugendhelden Element of Crime, mit dem großen Vorbild Conor Oberst hat es aber nicht geklappt. Und zu jedem Soloalbum gibt es eigens eine Wein-Edition, jetzt einen Riesling.

Früher sei er viel schüchterner gewesen, sagt Knyphausen. „Ich kann das jetzt alles ein bisschen bewusster genießen, dass ich ein Songwriter bin, der auf der Bühne steht, viele Leute anzieht, ein Album aufnehmen darf und auch noch davon leben kann.“
Auf dem Debütalbum von 2008 findet sich dieses Lied „So seltsam durch die Nacht“, mit einem Gitarren-Crescendo am Ende, so scharf wie Sägeblätter. Über Melancholiker, die viel zu viel rauchen, viel zu viel trinken, gut aussehen. In der Hoffnung, dass noch etwas passiert. Aber da ist diese Angst vor dem Ende der Nacht. „Wenn das Licht uns fängt und der Tag uns bloß müde verlacht.“

Und jetzt ist dieser Morgen da, fast zehn Jahre später. Dann muss man eben gucken, was übrig bleibt. Damit leben. Wird schon werden. „Es dauert lange, bis man lernt, ein Niemand zu sein“, singt Gisbert zu Knyphausen in „Niemand“. Mit offenem Herzen.

Er holt seine Geschichten nicht mehr nur aus sich selbst. So kommen mehrfach einsame Großstadtmänner vor. Einer wartet auf die Tochter, die erst zu Weihnachten aus Thailand kommt. Ein anderer kriegt Blumfelds „Verstärker“ nicht aus dem Kopf.

Vielleicht hat es mit Knyphausens Hassliebe zu Berlin zu tun. Einerseits mag er das Gewusel auf den Straßen Neuköllns, wo er wohnt. Aber wenn er Ruhe braucht, fährt er raus in den Norden. Auf einem Hof hat er einen Bauwagen gemietet. „Wie eine Datsche.“

Die komplett neu formierte Band, unter anderem mit Jean-Michel Tourette (Wir sind Helden) und Karl Ivar Refseth (Live-Musiker bei The Notwist), gibt den Songs eine verspieltere, nur selten ausbrechende Note. Bei zwei Stücken macht sich sein vor eineinhalb Jahren gekauftes Klavier bezahlt. Zwei Liebeslieder sind von ironiefreier, ungeschützter Klarheit. Und zwei Songs, fast die poppigsten, erstmals auf Englisch.
Und fast am Ende bollert ein Lied los, das nicht so richtig zu passen scheint. „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“ Die Songidee stammt noch von Nils Koppruch. Knyphausen schrieb ihn fertig.

Zum Schluss blendet das Stück auf eine Demo-Version über. Da singt Koppruch selbst. Eine Stimme aus dem Jenseits.
Und du hörst es. Du fühlst es, das noch viel mehr. Und könntest wieder losheulen.

Gisbert zu Knyphausen: „Das Licht dieser Welt“ (Pias Germany/Rough Trade“, ab 27.10., Konzerte: Lido, Cuvrystr. 7, Kreuzberg, 27./28.10., 20 Uhr (beide ausverkauft)