Benedikt Erlingsson, REgisseur von "Gegen den Strom"

»Glotzen und Sehen«

Der Isländer Benedikt Erlingsson über Bertolt Brecht, klassische Clowns und seinen neuen Film, den tragikomischen Ökothriller „Gegen den Strom“

Glückwunsch, Herr Erlingsson: Ihr Film -„Gegen den Strom“ ist der erste, der bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck vier Preise gewonnen hat!
Danke schön. Dabei ist mein Debütfilm „Von Pferden und Menschen“ 2014 leer ausgegangen. Ein Skandal! (lacht)

Es taucht in beiden Filmen dieselbe Figur auf: ein südamerikanischer Tourist auf einem Fahrrad, der stets zur falschen Zeit am falschen Ort ist.
Damit wollte ich den universellen Umstand andeuten, dass es immer leicht ist, -einem Fremden die Schuld zu geben. Diese Figur ähnelt auch einem Clown im Zirkus – ein bewährter Trick des Erzählens.

Jüngst ist der Clown in Filmen und der Öffentlichkeit eher zum Monster mutiert.
Ich bin altmodisch, der Clown ist für mich derjenige, der die Wahrheit erzählt. Er ist in Kontakt mit seinem inneren Kind. Der Clown trägt aber auch den Schmerz in sich, trotzdem können wir über ihn lachen.

Sie haben gesagt, dass Sie immer zuerst nach dem Schmerz Ausschau halten.
Das stimmt. Ich suche nie zuerst nach dem Witz, der ist ein Nebenprodukt. Der Schmerz zeigt einem den Weg, wo die -Geschichte hingehen soll.

Welchen Schmerz hat dann Ihre Hauptfigur Hella?
Hella ist im Grunde eine Politikerin, sie will ihre Überzeugung verbreiten. Sie hat verstanden, dass Ideen sehr gefährlich sein können, übernimmt die Philosophie von Gandhi oder Mandela und anderen Revolutionären. Aber warum will sie die Welt retten? Warum will sie ein Kind adoptieren? Weil sie ihrem Leben einen Sinn geben will.

Gibt es ein konkretes Vorbild für Hella?
Ja, diverse. Von ökologischen Aktivistinnen bis zu unserer berühmten Sängerin Björk, die sich für einen Nationalpark engagiert. Und auch Halldora Geirharðsdottir, die -Hella spielt, hat sich zum Beispiel stark in der #MeToo-Bewegung eingesetzt.

Benedikt Erlingsson
Benedikt Erlingsson
Erst mit 44 Jahren hat der Autor, Schauspieler und Thea­terregisseur 2013 mit „Von Pferden und Menschen“ sein Filmregiedebüt vorgelegt. In „Gegen den Strom“ erzählt er nun von einer Frau, die mit Sabotageaktionen gegen die örtliche Aluminiumindustrie vorgeht. Und der Islandpullover ist Pflicht

Worum geht es Hella mit ihren Sabotageakten konkret?
Wir haben diese wunderbare ökologische Energie mit der Wärme, die aus dem Boden kommt. Und damit wird nun Aluminium verarbeitet, jenes Zeug, dass ein Jahr später in den USA weggeworfen wird. Durch diese grüne Energie werden unglaubliche Mengen an Kohlendioxid in die Luft gepustet! Die drei „grünen“ Anlagen in Island -machen den Isländer zum -Weltrekordhalter an produziertem Kohlendioxid: Wir furzen 16 Tonnen Kohlendioxid pro Person in die Luft! Bei Ihnen dürften es um die sechs Tonnen sein. Und unsere Heldin will nun diesen multinationalen Konzernen schaden. Durch ihre Aktionen wird es für diese -Firmen gefährlich, in Island zu investieren.

Warum haben Sie Ihre Filmregie-Karriere so spät begonnen? Was ist beim Film anders?
Ich fühle mich beim Schreiben viel freier als beim Verfassen von Literatur – da ist kein Männchen mit einem Rotstift in meinem Kopf. Ich habe mich schon mein ganzes -Leben mit dem Geschichtenerzählen -befasst. Aber wem erzähle ich das: Sie kommen aus Deutschland, hier gibt es das beste Theater der Welt!

Das führt uns zu Bert Brecht: Sie lassen in „Gegen den Strom“ immer wieder die Musiker des Soundtracks im Bild auftreten. Hatten Sie keine Angst, dass Sie damit den Zuschauer aus der Fiktion katapultieren?
Genau das wollte ich ja, ganz im Sinne von Brechts „Verfremdung“ (er benutzt das deutsche Wort): Es gibt einen Unterschied zwischen Glotzen und Sehen. Aber hinter dem sehr akademischen Begriff der Verfremdung steckt auch eine Verspieltheit, ein Lächeln: die Regeln brechen, den Rahmen sprengen! Man geht zuerst mit dem Zuschauer ein -Abkommen ein: Dies ist ein Film, bei dem man die Musiker sieht, aber die Protagonisten sehen sie nicht. Und dann bricht man dieses Abkommen! Das ist -intellektuell sehr stimulierend. Außerdem spielt hier auch das Prinzip des „griechischen Chores“ mit hinein. Schon Shakespeare hat uns gelehrt, das man das Narrativ nicht vereinfachen darf. Man muss den Schurken und seine Motive verstehen. Auch wenn man zu Beginn ein Propagandist und Moralist sein will, ist man gezwungen, alle Stimmen zuzulassen, auch des Entertainments wegen.

Gegen den Strom