Düstertheater

Gothland

Das NIE-Kollektiv schwankt zwischen Splatter-Live-Video-Avantgarde und schlechtem Schülertheater

Sehr frei nach C. D. Grabbe: Vincent Kadus – Foto: Hannah Rumstedt

Die Erwartungen sind groß. Der komplett entkernte Theaterraum des ­Hauses der ­Statistik, mehr karge Baustelle als bourgeoiser Kunstgenusstempel, ist prall ­gefüllt mit Partyvolk und Theatergängern. Das NIE-Kollektiv, eine künstlerische Ausgründung der Volksbühnenbesetzer Staub zu Glitter, hat zur Premiere eingeladen.

Das Spektakel fängt hübsch düster an. Drei blutverschmierte Gestalten werden von der Kamera verfolgt, wie sie sich auf einen Trümmerberg schleppen und Schlacht- und Todesbeschreibungen deklarieren, die offenbar Christian Dietrich Grabbes Erstlingswerk „Herzog Theodor von Goth­land“ entstammen. Das ist eine fast 200 Jahre alte Vorlage für einen soliden ­Splatterfilm, mit viel Mord, Intrige und Schrecken.

Und so lange sich die Inszenierung auch auf die Splatteraspekte konzentriert, mit bluttriefenden Gestalten und Ausflügen ins Säurebad und das Bild auf den Ausschnitt der Kamera begrenzt bleibt, blitzt das Talent einiger Darsteller, ganz besonders das von Paul Boche, immer wieder auf. Und die Wut auf die Zustände, die das NIE-Kollektiv offensichtlich antreibt, hat auch eine ästhetische Form. Sobald das Geschehen sich aber auf die Bühne verlagert, in eine unsägliche Show-Parodie, glaubt man sich jedoch in einem durchgeknallten Schülertheater wiederzufinden. Da ist dann nur noch Wille sichtbar, ganz ohne Form und Sinn. TOM MUSTROPH

29.2., 18 Uhr, Haus der Statistik, Alexanderplatz, Mitte. Produktion: Jakob Gerber; mit Andrew Clarke, Hannah Rumstedt, Paul Boche, Vincent Kadus, Elena Marschenko, Maxim Michaelis, Niels Willberg. Eintritt 10 €