Glaube, Lüge, falsche Hoffnung

Gott ist doof.

Während die einen nach den Anschlägen in Paris einen Kampf der Kulturen wittern und die Religionen gegeneinander auszuspielen versuchen, ist Berlin schon ein Stück weiter. Ein Plädoyer für eine postideologische Gesellschaft

Zuerst ging die Gebetsmühle los. Nach ein paar Tagen begann die Gebetsmühle zu knarzen. Dann war die Schonzeit vorbei. Die Gebetsmühle ging so: Die Attentäter von Paris waren Verbrecher, Verirrte, Wahnsinnige, ihre Taten zu verurteilen. Die Pressefreiheit galt es zu verteidigen gegen diese Mörder, die Demokratie stand auf dem Spiel, aber mit der Religion Islam habe das alles rein gar nichts zu tun.

Juden 160.000 Juden wohnten 1933 in Berlin, heute umfasst die jüdische Gemeinde rund 10.000 Mitglieder. Weltweit bekennen sich 14 Millionen Menschen zum jüdischen ­Glauben.

Erst als die Schonzeit endete, wurden Fragen gestellt. Und nicht mehr nur von Pegida-Demonstranten, sondern auch von „Heute Journal“-Moderatorinnen, die muslimische Funktionäre in die Defensive drängten und ihren Glauben abklopften. Wird da im Koran nicht irgendwo ausdrücklich erlaubt, Ungläubige einen Kopf kürzer zu machen? Ist der Islam mit einer modernen Demokratie überhaupt vereinbar? Hat der Muslim womöglich ein grundsätzliches Problem mit der Gewalt? Und im Internet sprach Volkes Stimme aus, was die in den traditionellen Medien herrschende Etikette eben noch verhindert: Der Muselmann schlägt doch schon jetzt seine Frau, frisst kleine Kinder und soll gefälligst wieder dorthin gehen, wo er hergekommen ist, dahin, wo der Pfeffer wächst.

Das geht natürlich gar nicht.

Nein, das muss gehen. Das ist nicht schön, nicht intelligent, nicht richtig, nicht mal witzig oder amüsant. Aber man muss es sagen dürfen. Man muss alles sagen und denken dürfen. Wir nennen es Meinungsfreiheit.

Diese Meinungsfreiheit hat eine lange und schöne Tradition. Nicht zuletzt in Berlin. Um nicht zu sagen: Berlin wäre ohne diese Tradition nicht Berlin. Hätte der alte Fritz damals nicht versprochen, dass jeder nach seiner Façon glücklich werden soll, wären die Hugenotten nicht in die Stadt gekommen. Später kamen Künstler und Intellektuelle, Freidenker und Glückssucher. In den Zwanzigerjahren kam die ganze Welt, um hier sexuelle Freiheiten zu erproben. Nach dem Krieg kamen die westdeutschen Jugendlichen, die vor Bundeswehrdienst und provinzieller Enge flüchteten, und die ostdeutschen Freidenker, um Nischen im DDR-Mief zu errichten. Und heute kommen, ja, irgendwie alle. Die Folge: Gerade mal 40 Prozent der Berliner sind noch gläubig.

Christen In Deutschland machen Christen etwa 60 Prozent der Bevölkerung aus, in Berlin sind es nur halb so viele: Knapp jeder dritte der 3,4 Millionen Einwohner bezeichnet sich als Christ, die meisten davon sind Senioren. Die größte Anhängerschaft besitzt dabei die evangelische Kirche: Die 800.000 Mitglieder bilden die größte Gruppe im Gegensatz zu den 300.000 Katholiken.

Berlin ist ein Versuchslabor

Berlin ist nicht nur eine säkulare Stadt. Berlin ist auch ein post­ideologisches Versuchs­labor. Die ersten Forschungs­ergebnisse: Ein Zusammenleben ohne eine Leitkultur kann funktionieren. Trotz aller Schwierigkeiten, trotz aller Deso Doggs, die aufbrechen, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Trotz der Ehrenmorde, die hier begangen werden. Trotz der Bärgida-Aufmärsche. Dass die aber marginal bleiben, dass Tausende zu den Gegendemonstrationen kommen, zeigt: Berlin ist eine libertäre Stadt.

Spätestens mit dem Mauerfall wurde Berlin zum postideologischen Museumsdorf. Ein Vierteljahrhundert nachdem der Kalte Krieg zwischen Kapitalismus und Sozialismus beendet wurde, mag es nur noch wenige Bruchstücke des antifaschistischen Schutzwalls zu besichtigen geben. Aber auf die Spuren dieser exemplarischen Auseinandersetzung zwischen zwei Glaubens­richtungen, die eine ganze Ära prägte, stößt man noch überall: hier Karl-Marx-Allee und Tiergarten, Volksbühne und Fernsehturm, dort Karl-Marx-Straße und Zoo, Freie Volksbühne und Funkturm. Einst Symbole im Kampf zweier Weltanschauungen, heute Symbole eines überwundenen Konflikts. Mit ihnen ist dem Berliner nicht nur die Vergangenheit ständig mahnend präsent, sondern vor dieser Hinter­grundfolie wird das nicht immer unproblematische, aber weitgehend dann doch geglückte Zusammenwachsen von Ost und West zum Präzedenzfall, wie ein ideologischer Konflikt aufzulösen ist.

Libertär zu sein, das heißt aber auch: was aushalten können. Denn Meinungs­freiheit heißt nicht nur, dass jeder das Recht hat, seine Meinung zu sagen, dass jeder das Recht hat, Witze über alles und jeden zu machen, egal, ob die Witze was taugen. Meinungs­freiheit zu leben in einer pluralistischen Gesellschaft, das heißt vor allem: dazu­gehören. Denn jeder hat nicht nur das Recht, jemand anderen zu verarschen. Jeder hat vor allem das Recht darauf, verarscht zu werden. Durch den Kakao gezogen zu werden, das bedeutet: Du wirst ernst genommen. Du bist angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Dann gehörst du, lieber Islam, wirklich dazu. Zu Deutschland. Zu dieser pluralistischen, freiheitlichen Gesellschaft.Was nicht bedeutet, dass es nicht weitere Konflikte gibt in dieser Stadt. Neue und alte, und nicht zu knapp. Aber es gibt eben auch eine schnoddrige, pragmatische, sehr berlinerische und erstaunlich erfolgreiche Art, damit umzugehen. Nennen wir es Berlins libertären Geist, der jeden Tag auf dem Spiel steht und gegen Bärgida, Flüchtlings­heimgegner und andere Extremisten verteidigt werden muss, der aber hauptverantwortlich ist für die Anziehungs­kraft der Stadt auf junge Menschen aus aller Welt.

Das müssen einige noch begreifen. Selbst das versöhnliche Titelbild der aktuellen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ mit einem trauernden Mohammed und der Zeile „Alles ist vergeben“ ist vielen Gläubigen schon wieder ein Dorn im Auge. Auch mit dieser Darstellung des Propheten, um mal die Argumente der Beleidigten von ägyptischen Religions­wächtern bis zu den üblichen viralen Amok­läufern radikal zu verkürzen, werden reli­giöse Gefühle verletzt. Und wer religiöse Gefühle verletzt, der darf sich nicht wundern, wenn die religiös Verletzten mithilfe von Kalaschnikows auf ihre verletzten Gefühle aufmerksam machen.

Gegen die einfachen Wahrheiten

Dies ist nicht ein Problem des Islam. Das ist nicht mal ein Problem aller Religionen. Das ist ein Problem aller Ideologien. Jede in sich geschlossene Welt­anschauung, gründet sie nun auf den Glauben an einen Gott, an den historischen Materialismus oder die Macht der Finanzmärkte, neigt nicht nur dazu, andere Denkweisen auszuschließen und nicht mit ihr vereinbare Lebens­entwürfe zu diskriminieren, sondern sie besitzt scheinbar auch die unvermeidliche Tendenz, an den Rändern auszufasern in Gewalt­bereitschaft. Das wiederum liegt daran, dass Ideologien so von ihrer eigenen Richtigkeit überzeugt sind, dass sie unweigerlich zur Heils­lehre mutieren, die davon überzeugt ist, die Welt müsste an ihr gesunden. Das mündet dann in eine penetrante Besserwisserei, für die Religionen sogar ganz offiziell einen Begriff definiert haben: die Missions­arbeit.

Muslime Mit mittlerweile 249.000 Gläubigen und um die 80 Moscheen bilden die Muslime die dritt­größte Religionsgemeinschaft in Berlin – und 6,5 Prozent der Stadtbevölkerung. Die Hälfte kommt aus der Türkei, ein Drittel besitzt einen deutschen Pass. Laut Senat leben 570 fundamentale Salafisten in Berlin. 290 von ihnen gelten als gewaltbereit.

Man muss man nicht einmal zurückgehen bis ins Mittelalter, in die Zeit der Kreuz­züge, um zu sehen, was diese Arbeit anrichten kann. In Indien massakrieren Anhänger einer Religion, die sich bei westlichen Sinn­suchern aufgrund ihrer sanften Weisheit großer Beliebtheit erfreut, noch heute gern mal Nachbarn, die lieber an diesen Allah glauben. In Syrien und im Irak wird ein islamisches Kalifat errichtet, das alles, vor allem aber andere Muslime dahin­metzelt. Die Islamisten von Boko Haram versklaven Kinder und bringen Tausende um. Aber auch das angeblich so erfolgreich domestizierte Christentum, die Religion der Nächsten­liebe, hat immer noch ihre Sekten, die in Nord­irland Christenblut vergießen. Christen führen auch immer noch ihre Kreuzzüge, die Zehntausenden das Leben kosten: Die religiösen Fundamentalisten, die hinter dem wieder­geborenen Pappkameraden George W. Bush junior standen, führten die Weltmacht USA in diverse Kriege. Die waren in Personal­union dann gern auch noch neoliberale Markt­radikale, die noch das letzte afrikanische Armenhaus destabilisieren, um einen möglichst unbehelligten Raubtierkapitalismus exportieren zu können, dem dann auch egal ist, ob Menschen verhungern. Merke: Schlimmer als Radikal­ideologen sind nur noch Radikale, die gleich zwei Ideologien auf einmal anhängen.

Aber warum sind Ideologien dann so erfolgreich? Warum verbannt der moderne Mensch sie nicht einfach aus seinem Leben? Warum legt der die gedanklichen Zwangsjacken nicht einfach ab?

Einfache Antwort: Weil sie bequem ist, die Zwangsjacke. Ein bisschen abgetragen vielleicht, aber vertraut. Und wenn man rausgeht ins Leben, das jeden Tag komplizierter wird, hält sie schön warm.

Sie bietet mir Schutz vor all den Fragen, die mich umtreiben: Wo komme ich her? Warum lebe ich? Wo gehe ich hin? Fragen, auf die die Wissenschaft keine befriedigenden Antworten hat. Außer den Philosophen, aber deren Antworten sind so verdammt schwer zu verstehen.
Dass es Milliarden Menschen gibt, die an etwas glauben, aber wahrscheinlich nur ein paar Tausend, die die „Kritik der reinen Vernunft“ tatsächlich von vorne bis hinten durchgelesen haben, hat seinen Grund. Der Erfolg aller Ideologien beruht nicht zuletzt darauf, dass – daran ändern auch noch so schlaue theologische oder wirtschaftswissenschaftliche Gedankengebäude nichts – es eben nicht darum geht, etwas zu wissen, sondern darum, an etwas zu glauben. Sei es nun der liebe Gott, die unendliche Weisheit des Genossen Mao oder die von der FDP immer wieder beschworenen Selbstheilungs­kräfte der kapitalistischen Wirtschaft.

Was aus der FDP geworden ist, weiß man ja. Aber es gibt ja noch genug andere, die nach einfachen Antworten auf komplizierte Fragen suchen. Dass auch der moderne Mensch nur schwer ohne sie auskommt, kann man in Berlin an jeder Ecke beobachten. Das ist eben auch Berlin: Helikopter­eltern, die in Prenzlauer Berg neue Gemeinden gründen. Moscheen, in denen ein Islam mit mittel­alterlichem Frauenbild gepredigt wird. Jesuitenpater gehen mit ihren Exerzitien auf die Straße, andere verlegen ihre Gottesdienste ins Kino und lassen eine Rockband aufspielen. Auch Berliner suchen natürlich nach Erlösung, nach einem Sinn im Leben.

Renaissance im Bio-Bürgertum

Denn das ist schon geil als Gläubiger: Für jedes noch so verwirrende Problem gibt es eine Lösung. Notfalls kann ich einfach meinen Pfarrer, Rabbi, Imam, Karl Marx oder die Börsenaufsicht fragen. Dass dann, bei ein paar wenigen, besonders kniffligen Fragen, aber womöglich ausgerechnet solche Typen wie Osama Bin Laden, Pol Pot oder Adolf Hitler antworten, das ist dann ja nicht mehr mein Problem. Sondern das von anderen. Von uns allen.

Deshalb ist es zu einfach, zu sagen, dass 99,9 Prozent aller Muslime vollkommen friedliche Menschen sind. Das stimmt zwar, aber hält die restlichen 0,1 Prozent nicht davon ab, seine Mitmenschen notfalls mit Gräueltaten von den eigenen Überzeugungen überzeugen zu wollen. Keine Ahnung, ob dieser Bruchteil der Menschheit davon abzuhalten wäre, andere Menschen umzubringen, wenn es keine Ideologien mehr gäbe, mit denen sie ihre Taten scheinbar rechtfertigen könnten. Wahrscheinlich nicht. Aber einen Versuch wäre es wert. Denn die Fronten verlaufen nicht zwischen den Religionen. Die Antwort auf islamistische Gewalttaten ist nicht ein Mehr von Christentum. Das ist auch kein Kampf der Kulturen, in dem das Abendland verteidigt werden muss. Die Auseinandersetzung verläuft zwischen Ideologen, ob sie für Bärgida marschieren, für den IS oder für andere Scheinheilige, und den Libertären, denen nichts heilig ist außer ihrem Recht, nichts heilig finden zu müssen.

Andere Religionen

Nur 0,4 Prozent gehören anderen Religionen an. Mit 6.300 Mitgliedern und zehn Versammlungs­räumen bilden die Buddhisten die größte Gruppe, kurz gefolgt von den Hindus mit geschätzten 6.000 Gläubigen. Der Rest besteht aus sehr kleinen Gemeinschaften, wie zum Beispiel der Bahai-­Religion mit rund 250 Anhängern. 59,3 Prozent der Berliner fühlen sich gar keiner Konfession zugehörig.

Humanistische Union

Die Bürger­rechts­vereinigung setzt sich seit 1961 für die strikte Trennung von Kirche und Staat ein, unter anderem in der Steuerpolitik und in der Bildung.

Brights-Bewegung

Diese weltweite Bewegung vertritt ein ­naturalistisches Weltbild, das frei von übernatürlichen Elementen ist.

IBKA

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten wurde 1976 in Berlin gegründet. Die Ziele: Trennung von Staat und Kirche, die Förderung des vernunft­geleiteten Denkens sowie die Aufklärung über Herrschaftsansprüche von Religionen.

Sunday Assembly

Die sonntäglichen Happenings finden an wechselnden Orten statt und feiern mit kirchenähnlichen Gesängen eine „gottlose Gemeinschaft“.

Aber Vorsicht. Es ist ganz schön anstrengend, seine Zwangsjacken abzulegen. Ein post­ideologisches Leben hält keine einfachen Antworten mehr bereit, keine vorgefertigten Argumente, keine kuschelige Gedankensicherheit. Die absolute Freiheit ist kein Zuckerschlecken, sondern eine verantwortungsvolle Aufgabe. Jeden Tag, jede Minute, wenn es sein muss, müssen wir bereit sein, unsere Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Unsere Meinungen zu verteidigen. Die Freiheit, die echte Demokratie und echter Pluralismus versprechen, ist vor allem das Ende des Rechts auf gedankliche Faulheit. Aber irgendwann vielleicht werden die Gebetsmühlen dann für immer verstummen.