Musical

Greatest Showman

Der Zusammenbruch des klassischen ­Holly­- wood-Studiosystems Ende der 1950er-Jahre machte dem Musical fast den Garaus. Als die Fabrik der Träume das Produkt Genrekino nicht mehr regelmäßig herstellte, ­gingen nach und nach all jene Spezialisten in den Ruhestand, die das Musical noch kurz ­zuvor zu einer künstlerischen Blüte geführt ­hatten. Nachwuchs gab es keinen mehr – kein Bedarf.
Das Musical überdauerte in Nischen: in ­einigen wenigen Großfilmen der 60er (wie „Hello Dolly“), den Disney-Animations­filmen, ein paar Teenie-Musikfilmchen. Aber bald gab es einfach keine ­zugkräftigen Filmstars mehr, die beides konnten: singen und tanzen.

Muss sich nicht hinter Tanzensembles verstecken: Hugh Jackman als P.T. Barnum
Foto: twentieth century fox

Bis zu Hugh Jackman. Dass der australische Superstar gut bei Stimme ist, wusste man bereits seit „Les Misérables“. Doch in „Greatest Showman“ tanzt er mit Frack und Zylinder auch derart ansprechend, dass es keines die Räume eng machenden Ballett­ensembles ­bedarf, um einen auf der Stelle tretenden Star zu kaschieren.

Das Langfilmdebüt des australischen ­Regisseurs Michael Gracey erzählt frei (und ziemlich geschönt) die Biografie des US-Zirkuspioniers P.T. Barnum (Jackman), der Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer Show menschlicher Kuriositäten für Aufsehen sorgt. Dabei nimmt der Film gegenüber den Kleinwüchsigen, den Siamesischen Zwillingen und der bärtigen Dame die politisch korrekte Haltung von Tod Brownings ­Zirkusklassiker „Freaks“ (1932) ein: Die Monstren sind die anderen – jene, die Menschen mit physischem Handicap als widerwärtig erachten.

Die Verachtung der Snobs ist jedoch die Triebfeder für das der Geschichte innewohnende Drama: Der aus armen Verhältnissen stammende Barnum sehnt sich nach der Anerkennung der feinen Gesellschaft. Als er mit der berühmten schwedischen Sängerin Jenny Lind (Rebecca Ferguson) auf Tournee geht, um sich als seriöser Promoter zu etablieren, entfernt er sich immer weiter sowohl von seinen Zirkusfreunden als auch von ­seiner Frau (Michelle Williams).

„Greatest Showman“ steht nun in mehrfacher Hinsicht in der Tradition des klassischen Filmmusicals: Die Barnum- Biografie bietet Anlass für spektakuläre Shownummern, während die Liedtexte als sogenanntes „integrated musical“ die Dialoge weiterführen und über Gefühle, Ambitionen und Träume der Protagonisten Auskunft geben. Obwohl die Handlung um 1850 spielt, ­gestaltet sich die ­Musik ­dabei durchweg ­modern: Selbst die ­Opernsängerin Jenny Lind schmettert ­keine ­Arien, sondern reüssiert mit einem Song, den in ähnlicher Weise auch jemand wie Adele vortragen könnte.

Mit den seit Jahren in aller Welt so ­furchtbar beliebten kitschigen Bühnen­musicals ­sollte man das Genres des Filmmusicals dabei nicht in einen Topf werfen. Es ist eine ganz individuelle Kunst, die im besten Fall dem, was das Kino ­eigentlich ausmacht, ganz nahe kommt: ­maximale Stilisierung und maximale ­Verdichtung. In „Greatest Showman“ wird in den drei oder vier ­Minuten eines Songs ein halbes Leben erzählt. „Greatest Showman“ ist das beste Filmmusical seit ­Jahrzehnten – trotz „La La Land“. 

USA 2017, 105 Min., R: Michael Gracey,  D: Hugh Jackman, Zac Efron, Michelle Williams, Zendaya, Rebecca Ferguson, Start: 4.1.

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