Rundgang

Große Ausstellungen in kleinen Räumen

Der Duft der Stadt: Öffentliche und private Kunstorte sind im Frühjahr zu Hochform aufgelaufen. Feministische, queere und quere Arbeiten punkten dabei ganz vorn

Die Top Shots dieses Berliner Kunstfrühjahrs heißen Pauline Boudry und Renate Lorenz. Ein Künstlerinnenduo – Schweizerin die eine, Wahlberlinerin die andere –, das seit langem zusammen ist und zusammenarbeitet. Bisher war für eine ­breite ­Öffentlichkeit nicht viel von ihnen zu ­hören, nun aber kommt das Kunstpublikum nicht mehr an ihnen vorbei.

© Pablo Gimenez-Zapiola. Courtesy of Ellen de Bruijne Projects and Marcelle Alix, Paris
Pauline Boudry / Renate Lorenz: „Telepathic Improvisation“, 2017, Installation mit HDProjektion, 20’. Ausstellungsansicht: Telepathic Improvisation, Contemporary Art Museum, Houston, 2017/2018
© Pablo Gimenez-Zapiola. Courtesy of Ellen de Bruijne Projects and Marcelle Alix, Paris

Bei der Venedig Biennale, die am 11. Mai eröffnete, vertreten sie die Schweiz, und in Berlin sind sie jetzt gleich in zwei Ausstellungen präsent. Die Julia Stoschek Collection richtet ihnen mit vier großen Video­installationen und einigen Objekten ihre bisher umfangreichste Einzelausstellung aus. Und sie sind in der Schau „Straying from the line“ im Schinkel Pavillon dabei, die feministische Positionen von der Klassischen Moderne bis heute zeigt.

Der Hype ist leicht nachzuvollziehen. Boudry und Lorenz spiegeln den Zeitgeist wie kaum Zweite, gerade weil ihre Anleihen bei Queer- und Drag-Szenen, Gender-Politiken und Performancekunst in perfekten Präsentationen oft stolpernd und unbeholfen daherkommen. Sie drängen sich den Betrachtenden nicht auf und überzeugen mit Humor. So spielt die Künstlerin Sharon Hayes in dem aberwitzigen Loop „I Want“ (2015) die längst verstorbene radikalfemi­nistische Literatin Kathy Acker. Die im ­Video behauptet, die WikiLeaks-­Aktivistin Chelsea Manning, vormals Bradley Manning, zu sein, der mit seinen Enthüllungen zu den US-Schweinereien im Irakkrieg auch enthüllte, eine Frau zu sein, die wiederum behauptet, Jackie Onassis zu sein.

©Andrea Rossetti
Schinkel Pavillon: „Straying from the line“ Berlin, April 2019 ©Andrea Rossetti

Lässig auf wulstigen Fat-Boy-Kissen lümmelnd kann das Publikum den gewitzten Reigen aus Konstitution, Re- und Dekonstruktion von Identitäten betrachten. Dessen Accessoire und Fetisch, die Perücke, isolieren Boudry und Lorenz dann auch als ­eigenständige Objekte, und zwar in Form großflächiger, künstlicher Haarteile wie bei „Wig Piece“ (2017). Ein solches „Wig Piece“ („Perückenteil“) finden Besucher auch an zentraler Stelle im Schinkel Pavillon: in der Schau „Straying from the line“, gegenüber einer schweren Bodenplastik aus Bronze. Diese stellt einen amorphen Haufen von Eingeweiden dar: „EAT MEAT“ (1969-75) von Lynda Benglis. Welch Gegensatz!

Er überzeugt, wie die ganze Schau in ­ihrer Fülle und Reichhaltigkeit auf kleinstem Raum, versammelt sie doch 53 ­Arbeiten von 46 Künstlern und Künstlerinnen. Nichts ist zu viel. Von Gabriele Münters Bleistiftzeichnungen aus den ­1920er-Jahren über Arbeiten von Eva Hesse und Marianna Simnett bis zu der großartigen und groß ausgebreiteten Melkmaschinen-Schlachthaus-Video­installation „Uterusland“ (2017) von Raphaela Vogel. Vogel kann hier als die dio­nysische Antagonistin zu Boudry und Lorenz auftreten: Die Arbeiten stehen in ­einem konzentrierten und erhellenden Gespräch miteinander – thematisch und kuratorisch überaus gelungen.

© Julia Zimmermann
„22 – Molecular Communication“ von Sissel Tolaas in der Schering Stiftung
© Julia Zimmerman

Die Stimme der Berliner Künstlerin und studierten Chemikerin Sissel Tolaas, in Norwegen geboren, hätte gut dazu gepasst, liegt sie doch ästhetisch und politisch so quer wie kaum eine ihrer Künstlerkolleginnen. Tolaas setzt sich gründlich mit der olfaktorischen Seite der mensch­lichen Existenz auseinander, das heißt mit dem Geruchssinn, und weiß ihn gekonnt zu inszenieren. Nach der 3. Berlin Biennale 2004 war es ­ruhiger um sie geworden, doch jetzt hat sie an gleich zwei Orten einen Auftritt: im wunderbaren expressionistischen Backsteinbau des Rathaus Wedding – unbedingt das Foyer besuchen! – und am städtischen wie sozialen Gegenpol: in den Ausstellungsräumen der Schering Stiftung Unter den Linden.

An beiden Orten präsentiert Sissel Tolaas jeweils eine aufwändige Installation, respektive Versuchsanordnung. Auf unterschiedliche Weise bringen sie die spezifi­sche Geruchsdispositive der sozial- und wirtschaftsgeschichtlich hochkomplexen Müllerstraße niederschwellig zur Anschauung. Wie schon an 52 Orten der Welt zuvor nahm Tolaas Geruchsproben der Umgebung, analysierte und synthetisierte sie in ihrem Labor, um sie durch verschiedene Apparaturen wieder erfahrbar zu machen. In der Galerie Wedding war das in Erinnerung an die einstmals 22 Windmühlen der Müllerstraße 22 Ventilatoren, auf die Maga­zine mit Geruchsträgern montiert wurden. Durch Windmesser in der Umgebung ­gesteuert, wurden diese und damit die jeweiligen Gerüche aktiviert. Nasenfreuden zwischen Bitumen, Kampfer und Zitrone bildeten bis 1. Juni in die Luft geschleudert den unverwechselbaren Duft des Wedding ab.

Schärfer konturiert wirken die 22 Geruchsproben Unter den Linden. Ein beeindruckendes Cluster aus aufgehängten ­Laborgläsern, aus denen die Wohlgerüche des Arbeiterbezirks ausströmen, lässt die Besucherinnen und Besucher über ihre Nasen staunen. Womit bei den meisten auch das sozial-politische Differenzvermögen aufgerufen sein dürfte – eine kluge Inszenierung zur Schärfung der Sinne und der Verstandeskräfte abseits vom Gelärme.

Bis 28.7.: Pauline Boudry/ Renate Lorenz, Julia Stoschek Collection, Leipziger Str. 60, Mitte, Sa/So 12–18 Uhr, 5 €, bis 18 J. frei
Bis 28.7.: Straying from the line, Schinkel Pavillon, Oberwallstr. 1, Mitte, Do–Sa 12–18 Uhr, 5/3 €
Bis 24.6.: Projektraum Schering Stiftung, Unter den Linden 32-34, Mitte, Do–Mo 13–19 Uhr, Eintritt frei