Berlin

Das Grün grünt so grün

In Berliner Ausstellungen blühen und sprießen Pflanzen so kräftig wie nie. Das plötzliche Bewusstsein für das Grün ist Symptom einer Krise

Morgens kurz vor neun kann man Glück haben. Plötzlich steigt zwischen Philharmonie und Gemäldegalerie Nebel auf. Ein Fahrradfahrer stoppt und fragt angesichts der schwarzen, feuchtglänzenden Felsbrocken im Grün, die im Dunst verschwinden: „Wissen Sie, was das ist?“

©Jumana Manna / Marte Vold
Aus der Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“ im Gropiusbau: Jumana Manna: „Still from Wild Relatives“, 2018, 64 min., ©Jumana Manna / Marte Vold

Ein Garten ist es, angelegt auf der Grünfläche vor der St.-Matthäus-Kirche zwischen parkenden Autos. Bis November wachsen hier Pflanzen aus Nord- und Südkorea, oder besser: wachsen zusammen und nehmen so vorweg, was sich die Künstler Han Seok Hyun und Kim Seung Hwoe für ihr geteiltes Land erhoffen. Sie haben Sträucher, Stau­den, Farne aus der bergigen Grenzregion ­Koreas ausgewählt und unter Anleitung ­eines Biologen in Berlin ausgesetzt. Der Garten dient ihnen als lebende Metapher auf eine politische Hoffnung, und doch verkörpert er auch ein Problem: Das Grün ist offensichtlich dazu da, menschliche Projektionen auszuhalten. Doch dazu später.

©Das dritte Land / Keum Art Projects, Stiftung St. Matthäus / Christian Frey

Ein Künstlergarten am Kulturforum Berlin, von Seok Hyan Han & Seung Hwoe Kim
©Das dritte Land / Keum Art Projects, Stiftung St. Matthäus / Christian Frey

Stadtweiter Trend

Zunächst lässt sich festhalten, dass es in Berliner Ausstellungen so heftig grünt wie schon lange nicht mehr. Wenn am 26. Juli im Gropius Bau die Gruppenschau „Garten der irdischen Freuden“ begonnen hat, mit Arbeiten bekannter Künstlerinnen und Künstler wie John Cage, Tacita Dean, Louise Lawler und vielen mehr, dann ist das nur die weithin sichtbare Spitze eines Trends in der ganzen Stadt. So zeigt Ulrike Ludwig in der Schöneberger Galerie World in a Room Farbfotografien von erodierenden Bergen in Norwegen. Henning Kreitel stellt im Kulturhaus Karlshorst ­Fotografien von Morgen- und Abendhimmeln aus. ­Sowieso haben Julius von Bismarck und Julian Charrière mit Naturkunst von Berlin aus ihre Karrieren gestartet. Und eine Arbeitsgruppe der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst will im Spätsommer eine Ausstellung mit dem ­Botanischen ­Museum und den ­Prinzessinnengärten verwirklichen. Der Titel: „Licht Luft ­Scheiße“, also das, woraus Pflanzen ihre Körper bilden.

Offenbar gedeiht in der Kunst desto mehr Grün , je stärker die Ahnung wird, dass ökologische Untergangsszenarien doch einmal Wirklichkeit werden könnten, Fridays­ForFuture sei Dank. Doch die meisten Arbeiten des aktuellen Trends bleiben so anthropozentrisch wie der koreanische ­Garten. Diese Tunnelperspektive bringt die Urania derzeit am besten auf den Punkt, und zwar unfreiwillig.

Im Seitenflügel des Vortragshauses zeigt der Fotograf Michael Wolf ­Aufnahmen aus den extrem verdichteten Städten Hongkong und Tokio: von einem Leben auf ganz wenigen Quadratmetern, auf denen Menschen allein von Menschengemachtem umgeben sind. Gleichsam als ­naturnahen Kontrapunkt pflegt das Haus gemeinsam mit den Expertinnen der Kreuzberger Prinzessinnengärten und Besucherinnen im Hof Urban Gardening, mit Grünberatungsstunde jeden Donnerstag. Doch was da zwischen den Zweckbauten in einigen Kübeln zu wachsen versucht, sind dann nur die ewig gleichen Kräuter, ein paar Bohnen und kümmerliche Obstbäumchen.

©Hwa Ja Götz
Blick in die Ausstellung „Artefakte“ von J Henry Fair mit Landschaftsaufnahmen von Umweltzerstörungen und Handlungsempfehlungen für einen klimaneutralen Alltag ©Hwa Ja Götz

Versuche über das Anthropozän

Doch kein Mitleid nirgends, der Mensch bleibt das Maß aller Lebewesen. Schön sarkastisch überspitzt das Ilkka ­Halso in der Kreuzberger Galerie Taik Persons. Die dystopischen Fotocollagen des finnischen Künstlers, bereits Mitte der 00er-Jahre entstanden, zeigen romantische Wald- und Seenlandschaften, und zwar unter Glas. Das sieht aus, als hätte man über Fichten, Felsen, Flüsse ein Museum gebaut, um sie als letzte ihrer Art lebend zu bewahren. Halsos Fotos nehmen bildlich vorweg, wofür der Schriftsteller Richard Powers soeben den Pulitzer-Preis gewonnen hat: Sein Roman „Die Wurzeln des Lebens“ handelt von der Selbstbezogenheit der Spezies Mensch, dessen Unkenntnis über Pflanzen, Erde, Tiere, Mikroben es ihm unmöglich macht, diese außerhalb künstlicher Archive zu schützen.

Dieses Missverhältnis soll auch manch neuere Arbeit thematisieren, wenn nicht korrigieren. Das geht selten auf. Im ehemaligen Bärenzwinger des Bezirks Mitte zum Beispiel wollen fünf Künstlerinnen und Künstler „die menschliche Konstruktion von Natur“ auseinandernehmen. Doch die blassen Gemälde und der zappelnde Film kommen nicht gegen die engen Käfige und winzigen Auslaufflächen an. Was bleibt, ist entsetztes Staunen: So wurde noch bis 2015 in Berlin ein Bär gehalten.

Schlafen unter Vögeln

©Raisa_Galofre
Katrīna Neiburga und Andris Eglītis haben zusammen mit Jānis Noviks in der Ruine des Franiskanerklosters einen Skulpturengarten zum Thema Unsterblichkeit geschaffen. ©Raisa_Galofre

Im Naturkundemuseum sind die Kura­torinnen weiter. Derzeit stellen hier ­Sybille Neumeyer und Simon Faithfull aus. Neumeyer hat Erzählungen und Geräusche gesammelt, die über die Rolle von Viren in unserer Gesellschaft Auskunft geben. Ein Stockwerk höher nutzt Simon ­Faithfull Vitri­nen, um präparierte Vögel neu zu gruppieren, unter Bezeichnungen für Fantasiegattungen wie „Jene, die Vogelgrippe übertragen“ oder „Jene, die kopfüber hängen, aber keine Vögel sind“. Tote Pinguine, Hühner, Strauße und Fledermäuse schauen durchs Glas. Faithfulls so poetische wie „willkürliche Taxonomie der Vögel“ hat sogar Pointen: Eine leere Vitrine ist jenen Vögeln gewidmet, die die Wissenschaft nicht kennt. Noch nicht genug?

Erschöpft lässt es sich zwischen Holzbalken auf ein riesiges Netz fallen, in der Ruine des Franziska­ner­klosters, auch sie ein Ausstellungsort des ­Bezirks Mitte. Katrina Neiburga, Andris Eglitis und Janis Noviks aus Lettland ­haben das Netz in Kniehöhe gespannt. ­Saftig sprießende Gartenpflanzen in Kübeln ­stehen zwischen den Klostermauern, aber auch Fitnessgeräte und zwei ausgepolsterte Glasröhren. In diesen ­Schneewittchensärgen dürfen sich Besucherinnen unter den ­Augen der schützenden Aufsichtsperson tatsächlich schlafen legen.

„Playground“, wie die Ruineninstalla­tion heißt, soll eine Geborgenheit schaffen, in der sich „neue Rituale“ für die „Inszenierung der eigenen Sterblichkeit praktizieren“ lassen. Nun ja. Aber das mit der Geborgenheit stimmt. Statt in einem der Särge lässt es sich bei trockenem Wetter sogar gut auf dem Netz einschlafen. Während über den Klosterresten die Kastanie rauscht, eine Amsel im Grün flötet, eine Krähe krächzt. Wenn man nur wüsste, was sie da sagen. 

Bis 1.12.: Garten der irdischen Freuden. Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, 15/10 €, bis 16 J. frei

Bis 8.9.: Sybille Neumeyer und Simon Faithfull, Museum für Naturkunde, Invalidenstr. 43, Mitte, Di-Fr 9.30-18, Sa/So 10-18 Uhr, 8/5 €

Bis 31.10.: Playground. Ruine der Franziskaner Klosterkirche, Klosterstr. 73 a, Mitte, Mo-So 10-18 Uhr, Eintritt frei

Bis 15.11.: Das dritte Land. Matthäikirchplatz, Tiergarten, rund um die Uhr

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