Festival

XJazz 2019

Was sucht Max Herre beim XJAZZ? Der Deutschrapper vom Freundeskreis wärmt seine erste große Liebe wieder auf. Nein, wir reden nicht von Anna!

Eine von vielen Hip-Hop-Künstler*innen beim diesjährigen XJAZZ: Kate Tempest
Foto: Neil Gavin

Es muss ziemlich genau im Jahr 1990 gewesen sein, als sich Max Herre in den Jazz verliebte. Schuld daran waren zwei große Entdeckungen. Die erste war eine Platte, die er aus dem Regal des Vaters zog: „Miles in Tokyo“, der Livemitschnitt eines Miles-­Davis-Konzerts von 1964. Mit dem jungen Herbie Hancock am Piano. „Ich dachte ­damals, ich sei ein musikalisches Genie“, sagt Max Herre, „weil ich die Trompeten- Lines von Miles immer richtig antizipiert habe.“ Bis er irgendwann herausfand, dass die Nadel des Plattenspielers die Melodie immer eine Hundertstel-Sekunde früher abspielte. Der noch nicht einmal ­17-jährige Max Herre hörte Davis’ Trompete noch ­bevor er sich dessen bewusst wurde – „wie eine Geistermelodie“. Er war also kein Genie, wie ihm später klar wurde, aber immerhin: Er hatte guten Geschmack. 

Die zweite große Entdeckung war ­Spike Lees Film „Mo’ Better Blues“, der 1990 ins Kino kam: Denzel Washington als Jazztrompeter, Lee selbst als sein Manager, in den weiteren Rollen keine Geringeren als Samuel L. Jackson und Wesley Snipes. Das Setting: Jazz-Nachtclubs in Brooklyn. Die Musik komponiert von Branford ­Marsalis, in der Tradition des New Yorker Bebop. „Alles sehr hip, das fand ich gut“, erinnert sich Herre, der daraufhin die alten Flanell-­Anzüge aus dem Schrank seines Vaters holte, sich auf dem Flohmarkt eine Posaune kaufte und haufenweise Jazz-Konzerte besuchte, im Stuttgarter Jazzclub Rogers ­Kiste zum Beispiel. Die weitere Geschichte ist bekannt, aus Max Herre ist kein Posaunist geworden. Er ging aber wenig später mit der Band des deutschen Jazz-Gitarristen Lothar Schmitz auf Tour und blieb dem freien ­Lebensgefühl des Jazz überhaupt eng verbunden. Apropos: Kam bei seinem großen MTV-Unplugged-Konzert 2013 nicht sogar Gregory Porter zu ihm auf die Bühne, um den Refrain seines Songs „Vida“ zu singen? 

Highlights

Mocky
Der Peaches- und -Gonzales- Kumpel kehrt zurück in seine ehemalige Wahlheimat.
Do 9.5., 19.30 Uhr, Lido


Hania Rani
Die Pianistin und Komponistin löst Genregrenzen auf.
Sa 11.5., 19.30 Uhr, Emmauskirche


Acid Pauli &
Karl Ivar Refseth 

Klangtüftler Martin Gretschmann trifft auf norwegischen -Vibrafonvirtuosen.
So 12.5., 20.30 Uhr, Emmauskirche

Fast 30 Jahre nach seinen ersten Jazz-Erweckungserlebnissen, zu denen man auch John Coltranes überiridisches ­Meisterwerk „Love Supreme“ zählen muss, steht Max Herre nun beim XJAZZ-Festival im Kreuzberger Lido auf der Bühne. Gemeinsam mit seinem alten Freund, dem Münchner Pianisten Roberto Di Gioia und seiner Band Web Web, der im Übrigen auch der ungarische Saxofonist Tony Lakatos angehört. Dreimal haben sie in dieser Formation schon zusammen gespielt, für das nächste Jahr ist ein gemeinsames Album geplant. „Absolute Ausnahme-Instrumentalisten“, sagt Max Herre über seine vier Mitstreiter. Was er an ihnen schätzt: „dass sie die Stücke nicht überspielen, sondern Luft lassen, dass sie atmen können.“ Das mache die Musik dynamisch und erzählerisch. Und erlaube zugleich, dass man sich in die Musik fallen lassen, sich in ihr geborgen fühlen kann. Roberto Di Gioia bezeichnet Max Herre als seinen „Spirit Brother“, als einen emotionalen Menschen, der nicht zu technisch ­denke. „Er setzt sich ans Instrument und ist sofort drin, ohne Anlauf nehmen zu müssen.“ Auf der Setlist für das Konzert im Lido stehen einerseits Stücke aus Di Gioias ­Feder, Vorgriffe auf das geplante gemeinsame ­Album, andererseits auch Songs aus Herres Repertoire, die „verwebwebt“ werden sollen. Und gelegentlich will sich der Rapper selbst mal ans Keyboard setzen und „zwei Akkorde drücken“, wie er sagt. 

Überhaupt ist Hip-Hop prominent vertreten beim diesjährigen XJAZZ-Festival. Aus London kommt die unfassbar kluge und wortgewandte Spoken-Word-Künstlerin Kate Tempest, die auf ihrem grandiosen Album „Let Them Eat Chaos“ aus der Sicht einer Krankenpflegerin über das zerfallende Euro­pa („Europe Is Lost“) rappt, Geschichten von Gentrifizierung, urbaner Einsamkeit und Ketamin zum Frühstück erzählt – poetisch vorgetragene Sozialkritik at its best! Welche Location wäre da passender als das SO36, wo sie Mittwochabend zu Gast ist?  

Spaß am Schmetterlingspimpen

Und dann ist da noch Sepalot: Nach dem Ende seiner Hip-Hop-Band Blumentopf ist der Münchner DJ mit einem Quartett unterwegs, das elektronische Musik mit Jazz mischt – zu erleben am Samstagabend im Privatclub. „Hip-Hop ist ein Enkel des Jazz“, sagt Max Herre über die enge Verwandt­schaftsbeziehung der beiden Genres, deren erste große und weitreichende ­Fusion das „Jazzmatazz“-Album des US-Rappers Guru 1993 war. Und spätestens seit Kendrick Lamars „To Pimp A ­Butterfly“ (2015), auf dem der Saxofonist Kamasi ­Washington eine bedeutende Rolle spielte, sind sich Rap und Jazz wieder so nah wie selten zuvor. „Kendrick denkt auch wie ein Jazzer“, sagt Max Herre, „man merkt das an seinem Flow und an der Art und Weise, wie er Sprache benutzt.“ 

Aus der Posaunisten-Karriere ist dann doch nichts geworden: Max Herre
Foto: Mika Väisänen

Die entscheidenden Impulse kommen also wieder einmal aus Amerika, wie sollte es anders sein, heute stärker aus Kalifornien als aus New York. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen gewonnener Reife, wenn sich Hip-Hop-Musiker wie Herre und Sepalot für die komplexen Strukturen des Jazz interessieren. „Natürlich traut man sich mehr zu“, sagt der 46-jährige Herre. „Und außerdem man hat ein größeres Netzwerk.“ 

So oder so: Es ist durchaus ­überraschend, mit welcher Leidenschaft er sich durch die Geschichte des Jazz fachsimpelt – von „Art-Blakey-mäßigen Hauptthemen“ und „fast tanzbaren ­Ramsey-Lewis-Platten“ schwärmt. Auch wenn man es seinen ­eigenen Songs nur selten anhört: Max ­Herre ist noch immer verliebt in diese so verrückte und freie Musik, die ihm damals aus dem väterlichen Plattenschrank in die Hände fiel und deren Coolness er bei Spike Lee bewunderte. Was soll man sagen? Er hat eben ­guten Geschmack. 

XJAZZ-Festival: Mi 8.5. – So 12.5., diverse Locations in Kreuzberg, u.a. Lido, Bi Nuu, www.xjazz.net