Berlin

Häuser auf dem Tempelhofer Feld?

Die Diskussion um die Bebauung des Tempelhofer Feldes wird wieder aufgenommen. Häuser auf dem Tempelhofer Feld? Unsere Rubrik Love & Hate

Love

Ja, es ist schon eine Wohltat fürs Seelenheil: den Blick übers weite Tempelhofer Feld schweifen zu lassen, wenn man den Himmel sonst nur in Form von Vierecken zu Gesicht bekommt, aus Häuserschluchten nach oben schauend. Und ja, gerade Menschen mit wenig Geld leben in Erdgeschosswohnungen, nur Häuserfronten im Sichtfeld. Das Tempelhofer Feld ist der Heilige Gral von Berlin, von dem aus man den Horizont sehen kann, unantastbar. Dennoch diskutieren Politiker*innen wieder, ob man die Ränder des Feldes nicht doch bebauen sollte. Trotz klarem Bürgerentscheid gegen Wohnhäuser auf dem Feld. Friedrichshain-Kreuzbergs Bau­stadtrat Florian Schmidt will, dass dort jede zweite Wohnung am Gemeinwohl orientiert ist. Und die Wirtschaftssenatorin  Ramona Pop (beide Grüne) kann sich ein ökologisches Modellquartier vorstellen. 


Xenia Balzereit glaubt, dass man auch mit Wohn­häusern am Rand des Feldes noch die Sonne ­untergehen ­sehen kann
Foto: F. Anthea Schapp


Die Politiker*innen stellen mit diesen Plänen den Bürgerentscheid von 2014 in Frage. Zurecht: Laut einer aktuellen Umfrage wollen nun 59 Prozent der Befragten Wohnhäuser an den Rändern des Feldes. 

Bei den 38 Prozent, die jegliche Bebauung ablehnen, frage ich mich, ob sie rational entschieden haben. Mal ehrlich: Kann man überhaupt mit bloßem Auge einschätzen, ob ein paar hundert Meter von der Fläche fehlen? Würde das Gefühl von Weite nicht bleiben, weil das Feld auch mit Häusern am Rand noch verdammt riesig ist? Und ist es nicht Luxus, angesichts von massiver Wohnungsnot eine Fläche von der Größe Monacos nicht mal an den Rändern bebauen zu wollen? 

Eigentlich wäre die Randbebauung doch eine Win-win-Situation: Die freie Sicht bliebe und mehr Menschen hätten eine bezahlbare Wohnung. Nein, eigentlich wäre es sogar eine Win-win-win Situation. Wenn dort Ökoquartiere eingerichtet würden, hätten sogar die Insekten was davon.


Hate

Was könnte hier nicht alles entstehen: ein riesiges Wellenbad für Surfer, eine offizielle Open-Air-Party-Zone, ein innerstädtischer Urwald, ein Zeltplatz, ein Riesen-Dauerferienlager, ein Raumflughafen, ein Prangerplatz für übergriffige Investoren – das Tempelhofer Feld ist eine innerstädtische Potenzialfläche von weltweit unerreichtem Maß. Kein Wunder, dass es immer wieder Diskussionen um seine Bebauung gibt. 


Martin Schwarzbeck hat 2014 beim Volksentscheid für ein freies Feld ­gestimmt

Foto: Patricia Schichl


Doch die sind mit Vorsicht zu betrachten, denn was da gebaut werden soll, steht voraussichtlich für locker 100 Jahre da. Dann ist es vorbei mit der großen Chance, mit dem Platz für Visionen – und natürlich dem endlos weiten Blick. 

Wenn die Feldrandbebauung kommt, die gerade im Senat diskutiert wird, ist das Feld nur noch der Stadtpark der umliegenden, meist besserverdienenden Neubaubewohner. So schlimm, dass wir uns diese einmalige Gelegenheit mit schlichter Wohnblockbebauung nehmen müssten – und den erfolgreichen Volksentscheid, der sich am 25. Mai zum fünften Mal jährt, für ein freies Feld sträflich ignorieren –, ist die Wohnungskrise nicht. Zumindest nicht mehr.  Laut neuesten Daten verliert der Mietenanstieg bereits an Tempo, in den letzten zwei Jahren stiegen die Preise mit jährlich 2,5 Prozent nur noch halb so schnell, wie in den Jahren zuvor. Stadtweit werden Neubauprojekte hochgezogen und bestehende Viertel nachverdichtet. Was ist, wenn jetzt zusätzlich das Bevölkerungswachstum abebbt – und wir haben das Feld trotzdem vollbetoniert?

Wir hätten uns die Möglichkeit genommen, weiterzudenken. Die Fantasie spielen zu lassen. Das Tempelhofer Feld ist eine Chance, aus den gewohnten Bahnen auszubrechen, über die auch unsere Nachfahren noch dankbar sein werden. Die sollten wir uns nicht vorschnell verbauen.