Warenkunde

teure Hühner

Henne oder Ei? An keinem anderen Produkt lässt sich unser schwieriges Verhältnis zum Essen besser zeigen. Warum das halbe Hähnchen oft eine halbe Sache ist

Foto: ei care

Sagt man dazu jetzt: zu viel des Guten? Das unter anderem vom Bio-Verband Naturland initiierte Projekt Ei Care jedenfalls hat ein Problem: Zwar sind die Eier von sogenannten Zweinutzungshühnern aus Freilandhaltung – von Hennen also, von denen sowohl die Eier, als auch das Fleisch verwertet wird – im Bio-Einzelhandel ein Renner. Das Fleisch aber findet zu wenig Abnehmer.
Das ist, zumindest auf den ersten Blick, paradox: Einerseits ist das Ei Deutschlands beliebtestes Bio-Produkt, fast jedes vierte im Einzelhandel verkaufte Ei hat inzwischen ein Siegel. Andererseits wird Hühnerfleisch noch immer verramscht, weshalb die Tiere, prophylaktisch antibiotikagefüllt, in durchrationalisierten Schlachtbetrieben vegetieren. Bis zu 240.000 Hühner will etwa ein Betrieb des Unternehmens Wiesenhof in Königs-Wusterhausen künftig „verarbeiten“. Und zwar pro Tag. Die Anwohnerproteste fanden im vergangenen Herbst eine breite Öffentlichkeit. Aber im Restaurant oder an der Tiefkühltheke drücken wir dann doch lieber beide Augen zu.

„Der Mensch isst 290 Eier im Jahr“, sagt Felix zu Löwenstein vom Dachverband der deutschen Ökoverbände (BÖLW), „lassen Sie das Bio-Ei also 15 Cent teurer sein, dann reden wir von gut 40 Euro im Jahr. Anders beim Brathuhn, das braucht Auslauf, Platz, Bio-Futter und weil nur wenige verkauft werden, steigen die Logistikkosten. Im Laden kostet das Bio-Huhn dann zwölf statt vier Euro. Das wird nicht mehr aus­gegeben.“
„Sollte es aber“, sagt Jörg Förstera von der Handwerksmetzgerei Kumpel & Keule in der Markthalle Neun. Dort liegen französische Maishähnchen in der Auslage, 25 Euro für rund 1,8 Kilogramm Huhn. Ein angemessener und, ja, auch notwendiger Preis für einen besonderen Geschmack. „Man muss und sollte ja nicht jeden Tag Fleisch essen. Schon gar kein Huhn.“

Etwas günstiger geht es auch. Bei Kumpel & Keule gibt es Brust und Keule von Paderborner Kikok-Maishähnchen, die medikamentenfrei aufgezogen werden. Auch der neu eröffnete Hähnchen-Grill vom BRLO im KaDeWe setzt auf diese Rasse. 13,50 Euro kostet das halbe Hähnchen samt Fritten und Salat: Ein Preis, der für Erklärungsbedarf sorgt, woran offensichtlich auch das eindrückliche Geschmackserlebnis nichts ändert. Ist ein fair verzehrtes Huhn, bestenfalls noch bio-zertifiziert, also doch einfach zu teuer?

„Umgekehrt“, sagt Felix zu Löwenstein, „Das konventionelle Huhn ist schlicht viel zu billig. Einen Großteil der Kosten zahlt die Umwelt – die Wasserwerke für Nitrat­über­lastung, die Natur für die Versiegelung von Bodenflächen durch immer größere Betriebe und wir alle für Anti­biotika-­Resistenzen.“ Just hier aber liegt der Hund mit dem Huhn begraben. Hähnchen, das war im Osten der Broiler und im Westen Wienerwald. Das sind einzig vom zugesetzen Phosphat zusammengehaltene Formfleisch-Nuggets. Auch das zum neuesten Street-Food-Trend ausgerufene Fried Chicken kommt in Berlin noch nirgends in akzeptabler Qualität in die Friteuse. Und die Berliner Gastronomie mit der längsten Schlange ist – neben Mustafas Gemüsekebab – noch immer das Hühnerhaus am Görlitzer Park. Ob das zu ändern wäre? Ben Pommer von BRLO Chicken & Beer im KaDeWe empfiehlt, sich auf einen Schenkel zu reduzieren. Genug Fleisch ist da längst noch dran. Richtig gutes zudem.

 

Kumpel & Keule, Eisenbahnstr. 42/42 (in der Markthalle Neun), Kreuzberg, www.kumpelundkeule.de
BRLO Chicken & Beer, Tauentzienstr. 21-24 (im KaDeWe), Schöneberg, www.brlo-brwhouse.de
Ei Care, Informationen und Bezugsadressen über www.aktion-ei-care.de