Berlin

Hakans Welt

Hakan kifft zu viel, er klaut und prügelt sich. Halt findet er im Islam, eine zeitlang zumindest. Heute befürwortet er den Dschihad.
Die Geschichte einer Radikalisierung

Hakans Welt
Foto: Lena Ganssmann

Hakan sagt, er könne sich nicht entscheiden.

Die Typen in den moderaten Moscheen, das seien doch größtenteils Waschlappen. Elitäre Schnösel in schicken Klamotten. Gebildet, arrogant, verschlossen. Eine eingeschworene Gemeinschaft, die am liebsten unter sich bleibt. „Die wollen mit Leuten wie mir doch gar nichts zu tun haben.“

Die anderen aber, die Salafisten, die seien herzlich. Heißen einen mit offenen Armen willkommen, klopfen einem auf den Rücken, behandeln einen als Mann. „Bei denen fühlt man sich wohl.“
Das einzige Problem bei denen, sagt Hakan, sei die Gewalt. Die Attentate, die Videos, der Islamische Staat. Der Prophet habe Probleme ja auch nicht mit Gewalt gelöst, sondern mit Worten. Und überhaupt: Er könnte niemals einen Menschen töten, sagt Hakan, und schaut entschlossen.

Vermutlich nicht ahnend, dass er sich neun Monate später auch da nicht mehr sicher ist.

Was sind das eigentlich für Typen, die sich radikalisieren? Wie werden aus vermeintlich normalen Menschen Islamisten? Und was wissen wir wirklich über diese Leute, die in westlichen Gesellschaften leben, deren Ordnung aber ablehnen? Menschen, die für ihre Überzeugungen mitunter sogar in Kriegsgebiete ziehen.

Rund 50 Dschihadisten sind zurück

Der Verfassungsschutz hat im Oktober 2016 die Hintergründe der behördlich bekannten, nach Syrien und Irak ausgereisten Dschihadisten veröffentlicht: 81 Prozent hatten einen Migrationshintergrund, etwa 66 Prozent waren bereits polizeilich auffällig geworden, ein Viertel davon mit Gewaltdelikten. Das Durchschnittsalter lag bei 25,8 Jahren.

Sagen uns diese Zahlen wirklich etwas über die Menschen selbst? Über ihre Beweggründe, ihren persönlichen Weg in den Dschihad?

Es ist die Welt, in der sie ihre Jugend verbringen. In der sie in Diskos abhängen, ins Schwimmbad gehen, Fußball spielen. In der sie dealen, ­Wohnungen ausräumen, Leute verprügeln.
Foto: Sascha Lübbe

Aus Berlin sind bisher 110 Dschihadisten ausgereist. Etwa die Hälfte ist zurückgekehrt, 19 sind vor Ort getötet worden. Die Zahl der Ausreisen ist im vergangenen Jahr zwar deutlich zurückgegangen (unter anderem, weil der „Islamische Staat“ inzwischen vermehrt zu Anschlägen in Europa aufruft), ein Ende aber ist nicht in Sicht. Erst im Januar wurden in Berlin drei Männer festgenommen, auch sie wollten vermutlich zum „Islamischen Staat“.

Kleinkriminelle radikalisieren sich

Das erste Treffen ist im Mai 2016, ein Café am Leopoldplatz im Wedding. Hakan wirkt wie ein zuvorkommender, höflicher Mann. Graue Jogginghose, blaues, offenes Hemd, zwischen den Fingern glimmt ein Zigarillo.

Wedding, Armut, Radikalisierung. ­Elf der bis 2015 aus Berlin nach Syrien und Irak ausgereisten Islamisten stammen von hier, mehr kamen nur aus Neukölln
Foto: Sascha Lübbe

Hakan, der eigentlich anders heißt, ist 35, muskulös, glattrasiert. Einer, der oft lacht. Eigentlich ein sympathischer Typ. Und dennoch einer, den man nicht provozieren würde. Bei dem man nicht so richtig weiß. Der ständig irgendwelche Sätze zitiert, aber nicht mehr sagen kann, von wem sie stammen. „Ich bin so einer“, sagt Hakan, „ich gehe gern mit anderen mit. Das war schon immer so.“

Hakan kommt aus dem Wedding. Einem der ärmsten und gefährlichsten Stadtteile Berlins. Elf der bis 2015 aus Berlin nach Syrien und Irak ausgereisten Islamisten stammen von hier, mehr kamen nur aus Neukölln.

Es ist eine Welt voll türkischer Cafés und Restaurants, Internetshops und Africa Hair Salons. Frauen mit Kopftüchern schieben Kinderwagen über die Straße, junge arabisch-aussehende Männer lümmeln an Straßenecken, vereinzelt sieht man „Bio-Deutsche“, meist mit Kippe und Bier.

Foto: Sascha Lübbe

Es ist die Welt, in der Hakan und seine Freunde ihre Jugend verbringen. In der sie in Diskos abhängen, ins Schwimmbad gehen, Fußball spielen. In der sie dealen, Wohnungen ausräumen, Leute verprügeln.

Er sei schon als Kind schwierig gewesen, sagt Hakan. Hyperaktiv, aggressiv, ständig gab es Stress mit den Eltern. Er ist das jüngste von sechs Kindern, das schwarze Schaf. Die Eltern, Einwanderer aus der Türkei, arbeiten als Putzkräfte. Es sind moderate Muslime, die wollen, dass ihre Kinder in die Moschee gehen. Aber Hakan sträubt sich. „Ich habe damals an Gott geglaubt“, sagt er rückblickend. „Aber nicht praktiziert.“

Hakans Jugend: Er trinkt, kifft, prügelt sich. Versucht das Abitur, schafft es nicht. Beginnt eine Ausbildung als Erzieher, bricht ab. Eine Ausbildung als IT-Kaufmann, bricht wieder ab. Schuld, sagt er, waren meist Mädchen; deutsche Mädchen aus guten Verhältnissen. „Schlampen“, so sieht er es, „Opfer“. „Wenn ich Liebeskummer hatte, war ich der Ausländer, der überreagiert. Nie der Freund, mit dem man reden sollte.“

Foto: Sascha Lübbe

Was bleibt, ist die Straße, sind die Jungs. Sie sind zu siebt, fast alle Kinder von Migranten. Jeden Tag hängen sie zusammen rum, bis es sie schließlich in unterschiedliche Richtungen verschlägt: zu den Salafisten, zu den Rockern, einige wenige in reguläre Jobs.

Als sie damals kriminell werden, läuft Hakan erstmal mit. Seine Kumpels brechen in Wohnungen ein, überfallen Tankstellen; er, der Fahrer, wartet im Fluchtwagen. Nur einmal ist er direkt mit dabei, 21 ist er da. Die Gruppe will ein Büro ausräumen, wird im Hausflur aber von einem Nachbarn überrascht, muss fliehen. Zurück im Auto bekommt Hakan erst Herzrasen, dann ein schlechtes Gewissen. Dann beschließt er, das mit den Einbrüchen zu lassen. Auch weil die inneren Stimmen immer lauter werden: Ist das wirklich der richtige Weg?

Laut Verfassungsschutz sind es meist Kontakte zu Freunden und einschlägigen Moscheen, die am Anfang einer Radikalisierung stehen. Bei Hakan sind es vor allem Respektpersonen.

Ziad zum Beispiel, der eigentlich auch anders heißt. Der Sprössling einer arabischen Großfamilie ist drei Jahre älter als Hakan und eine echte Kiezgröße. Einer, der sein Geld mit krummen Geschäften verdient; der krasseste Kiffer überhaupt. Beides ändert sich, als er plötzlich anfängt, zu beten, zu fasten und Diskos zu meiden. Die Jungs respektieren ihn dafür. Als Hakan Ziad zu seinem Geburtstag einlädt, winkt der ab, weil Geburtstag feiern unislamisch sei. Das beeindruckt Hakan. Ziad ist der erste entscheidende Faktor.

Der zweite ist die Krankheit. Irgendwann mit Ende 20 rutscht Hakan in eine tiefe Depression. Er lebt zu dieser Zeit allein in Charlottenburg, einer Gegend, in der er niemanden kennt. Er kifft zu viel, geht zu selten raus, führt irgendwann Selbstgespräche. Zwei Wochen muss er deshalb ins Krankenhaus. Seitdem ist er Frührentner, darf nur drei Stunden pro Tag arbeiten.

Die Depressionen, sagt Ziad damals zu ihm, schickt der Schaitan, der Teufel. Da hilft nur eins: beten.

Und so beginnt Hakans Hinwendung zur Religion. Er tingelt durch die Moscheen der Stadt, besucht Koranstunden, spricht mit Imamen. Es ist die Phase, die er seine „Moscheewanderung“ nennt. Eine Phase, die bis heute anhält.

Foto: Sascha Lübbe

Dabei entwickelt er schnell Präferenzen. Mit den Hodschas, Islamgelehrten in türkischen Moscheen, kann er nichts anfangen. Sie sind zu alt, zu abgehoben, die meisten sprechen nicht mal deutsch. Die Salafisten aber erreichen ihn. Sie lehren den Koran 1:1, ohne Rücksicht auf den Kontext. Das ist einfacher. Und sie haben auf alles eine Antwort, auch auf den Tod. Den fürchtet Hakan, wie nichts anderes.

Mehr noch: Wenn sich Hakan in den radikalen Moscheen umsieht, erblickt er alte Bekannte. Schwere Jungs, von oben bis unten tätowiert, nicht selten kriminell. „Das waren die krassesten Menschen“, sagt er, „aber Allah vergibt alles.“ Statt ums Geldmachen geht es im Viertel jetzt um religiöse Hingabe.

Etwa zu dieser Zeit trifft er auch auf Denis Cuspert, den Kreuzberger Kämpfer in Reihen des IS. Auf einer Party im Wedding war das, Cuspert kam da gerade aus dem Knast. „Ein netter Typ“ sei das gewesen, sagt Hakan. Dass Cuspert offensiv für den Islam warb, fand er gut. Nur das mit den Droh-Videos und dem Leichenschänden, das habe er nie verstanden.

Hakan selbst lebt in dieser Zeit zwischen zwei Welten. Fährt noch immer den Fluchtwagen. Inzwischen aber in dem Wissen, dass es falsch ist, was er da tut. „Haram-Geld“ nennen er und seine Freund die Einnahmen, die sie bei den Raubzügen erbeuten. Unreines Geld. „Ich hätte es beispielsweise nie meinen Eltern gegeben.“

Irgendwann ist aber auch das vorbei. Hakan macht einen klaren Break. Kifft nicht mehr, denn Beten erfordert einen klaren Kopf. Respektiert seine Eltern, denn das steht im Koran. Prügelt sich nicht, denn er strebt nach Barmherzigkeit. Er schaut jetzt Videos über den Propheten, einen Mann, der sich nicht von seinem Zorn hinreißen liess. Ein Vorbild. Und ein Vorbild zu haben, sagt Hakan, „macht das Leben leichter“. Es ist auch eine Zeit des Rückblicks. Er reflektiert die Beziehung zu seinen Exfreundinnen, zu seinen Eltern. „Viele Dinge“, sagt er, „wären mit der Religion besser gelaufen.“

Es ist eine Phase, wie es sie in den Biografien von vielen Radikalisierten gibt. Der Moment, in dem haltlose Menschen einen Platz finden. Regeln, an denen sie sich orientieren können. Einen Rahmen, einen Sinn. Das Problem ist nur: Nicht allen genügt das. Einigen wird der Rahmen bald zu eng.

In der gleichen Moschee wie Anis Amri

Ein Exkurs: Jérôme Endrass, Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie an der Universität Konstanz, sagt, das primäre Problem bei Radikalisierten sei nicht die Religion, sondern die Prädisposition der Menschen. Endrass hat Schul-Amokläufer und islamistische Attentäter untersucht – und viele Übereinstimmungen gefunden. Viele von ihnen hätten einen Hang zum Töten, zum Kontrollieren und Dominieren anderer Menschen, einige eine Affinität zu Waffen.

Seine These: Man macht es sich zu leicht, Attentate mit einer Ideologie, etwa einer Religion, zu begründen. Es sei eher andersherum: „Das sind Menschen, die suchen nach einer Legitimation für das Ausleben von Gewalt – und finden diese beispielsweise bei extremistischen Gruppierungen innerhalb des Islams.“ Salafistische Akteure seien zwar bedenklich, weil sie diese Entwicklungen mitunter stützen würden. Die Ideologie selbst aber sei ein Stück weit austauschbar – der Salafismus quasi „Zeitgeist in der extremistischen Szene“.

Hakans Freund Ziad scheint so ein Fall zu sein. Seine Ansichten werden immer extremer, es dauert nicht lange und er hat in vielen Moscheen Hausverbot. Bald sympathisiert er offen mit dem IS. Hakan wird das zu krass, die beiden verlieren sich aus den Augen.

Doch der Kontakt zur Szene bleibt. Es sind zwei andere Männer, Bekannte von Ziad, die ihn jetzt in die Moscheen schleifen. In die Fussilet 33, in der später auch Anis Amri, der Attentäter vom Breitscheidplatz, sitzt, und in die Ar-Rahman-Moschee in Wedding, sie ist inzwischen geschlossen. Die beiden kommen sogar zu ihm nach Hause, auch heute noch, zeigen ihm Videos aus Syrien auf Youtube. Von Assad, dem „alawitischen Schlächter“, der sunnitische Frauen und Kinder bombardiert. Siehst Du, was mit den Muslimen geschieht?, fragen sie Hakan. Willst Du denn gar nichts tun?

Und Hakan schluckt. „Ich bin so ein Typ“, sagt er. „Bei mir funktioniert sowas.“

Und doch bleibt er standhaft. Noch

Bei einem anderen Freund, es ist schon länger her, haben die Extremisten mehr Glück. Nihat, auch dieser Name ist geändert. Einer, der eigentlich was erreicht hatte: besaß ein Internetcafé, fuhr ein dickes Auto. Irgendwann habe er nur noch von der jüdischen Weltverschwörung gesprochen, sagt Hakan, hing ständig in salafistischen Moscheen rum. Dann ging alles ganz schnell: Innerhalb eines Jahres schmiss Nihat  die Spielautomaten aus seinem Café, verkaufte keinen Alk mehr, verscherbelte seinen Jeep. Dann war er ganz weg. Erst in Afghanistan, dann in Syrien. Eine zeitlang hielten Hakan und er übers Internet Kontakt. Als er länger nichts mehr von ihm hörte, ging Hakan in eine der Moscheen, in denen sich Nihat vermutlich radikalisierte.

Ob Nihat tot sei, fragte er dort einen gemeinsamem Bekannten. Der schüttelte den Kopf. Märtyrer, sagte er, leben ewig.

Und ihn, Hakan, wollte man ihn damals auch nach Syrien schicken?

„Man hat es nie offen ausgesprochen“, sagt er, „aber man hätte mich unterstützt, wenn ich gewollt hätte. Da bin ich sicher.“ Immer wieder habe man ihn gemustert, gesagt: „Du bist stabil, das ist gut.“ Deutlicher wurden die Typen in den Moscheen allerdings nicht. Auch in den Predigten sei es nie offen um den Dschihad in Syrien oder Irak gegangen. Solche Dinge besprach man in den Hinterzimmern.

Ob er sich denn vorstellen könne, in den Dschihad zu ziehen?

Hakan verneint. Sagt, Gottes Gesetze seien zwar besser als die Demokratie, aber er lebe in Deutschland und akzeptiere das. Dann zitiert er den Koran: „Wenn man einen Menschen tötet, ist das, als ob man die ganze Menschheit tötet.“ Und dann sagt er noch, dass der wichtigste Dschihad der innere Dschihad sei, der Kampf gegen die eigenen Schwächen.

Dann muss er gehen.

Neun Monate später, im Februar 2017, sieht das alles etwas anders aus: Hakan ist ernster geworden, das Lächeln ist verschwunden, ein Vollbart umrahmt jetzt sein Gesicht. Er wirkt verbittert.

Sein einziger Lichtblick in diesen Tagen, das wird schnell klar, ist jetzt eine Frau. Eine Kindergärtnerin aus Marrakesch. Er hat sie auf einer muslimischen Dating-Seite kennengelernt. Sie chatten einmal pro Woche, ein bisschen auf Arabisch, ein bisschen auf Englisch. Sobald er das Geld zusammen hat, will er hinfliegen, um ihre Hand anhalten, sie mit nach Deutschland nehmen.

Der einzige Lichtblick: eine Frau

Wir sitzen wieder in diesem Café am Leopoldplatz. Nein, sagt Hakan, „seine“ Moschee habe er noch immer nicht gefunden, er könne inzwischen aber damit leben. „Ich finde überall etwas schlechtes“, sagt er, „und picke mir einfach überall das Beste raus.“ Er erzählt von einer neuen, verhältnismäßig moderaten Moschee, die er besucht, von neuen Bekannten. Erwähnt aber auch einen salafistischen Prediger, einen „charismatischen Typen“, wie er sagt. Seinen Namen möchte er nicht in einer Zeitschrift lesen.

Der Mann ist Prediger in einer Weddinger Moschee. Füllig, Mitte 30, ganz in Weiß gekleidet, mit tiefschwarzem langen Bart und braunem Teint. In den Videos, die er ins Netz stellt, fordert er die völlige Unterwerfung unter Allah. „Wie viele von euch würden gern zwei oder drei Frauen haben“, fragt er seine Zuschauer. Die kichern. „Dafür müsst ihr aber alle Pflichten eines Moslems erfüllen. Nicht nur einen Teil davon.“ Worin der andere Teil besteht, sagt er nicht.

Aber Hakan meint, ihn zu verstehen. Für ihn bedeutet es Dschihad. Richtiger Dschihad, nicht nur der innere. „Ich bin jetzt einfach eine Stufe weiter“, sagt er. Attentate lehne er zwar kategorisch ab. Und es sei eigentlich auch falsch, Menschen zu töten. Seine Religion aber würde er inzwischen verteidigen, um jeden Preis.

Auch wenn das heißt, andere Menschen dafür zu töten?

Hakan nickt. Auch dann.

Seitdem er so denkt, klickt es in der Leitung, wenn er telefoniert.

Sitzt da ein Mann auf dem Sprung in den Dschihad? Es gibt diese Momente, in denen wirkt Hakan, der Mitläufer, erstaunlich reflektiert. Etwa wenn er sagt, dass Leute wie er für Salafisten leichte Beute seien, Kanonenfutter. Momente, in denen man merkt, dass er sie ja durchschaut, die ganze Propaganda.

Oder wenn er von dieser Frau erzählt, mit der man ihn damals, kurz nach seiner religiösen Erweckung, vermählen wollte. Eine Konvertitin, quasi neu im Islam wie er. Ein Freund aus der salafistischen Szene hatte das Treffen arrangiert. Ständig habe die Frau den Koran zitiert, sagt Hakan, das habe ihn genervt. „Jeder Esel kann den Koran auswendig lernen“, sagt er. „Man muss ihn auch verstehen.“

Und doch, das spürt man an diesem Februartag: Das Band, das ihn hier hält, ist dünn. Wenn Hakan  aus dem Caféfenster blickt, sieht er eine Welt, die für ihn nicht funktioniert: Ehen, die geschieden werden; Menschen, die ihre Arbeit verlieren. Eine „Welt des moralischen Verfalls“, wie er es nennt. Eine Welt, in der er, der Moslem, sich als Außenseiter fühlt.

„Der IS ist furchtbar, der tötet andere Muslime, das ist kein Dschihad“, sagt Hakan. „Aber was ist mit den Taliban? Was ist an denen eigentlich so schlecht?“

Um den Dschihad zu legitimieren, sagt Jérôme Endrass, der Psychologe, greifen einige Islamisten auf „implizite Theorien“ zurück. Hilfskonstruktionen, mit denen sie ihr Handeln vor sich selbst rechtfertigen können. Bei Pädophilen gebe es das, wenn sie sich einreden, Kinder seien sexuelle Wesen.

Und auch bei Islamisten lasse sich das beobachten, bei denen könnte eine Legitimationskette wie folgt aussehen: Am Anfang lehnen sie Gewalt als Antwort auf Diskriminierung noch ab. Dann wollen sie zumindest ein Zeichen setzen. Wenn sie aber merken, dass das nichts bringt, wollen sie sich wehren. „Am Anfang steht dann meist der defensive  Dschihad, etwa der Angriff auf amerikanische Militär-Einrichtungen“, sagt Endrass. „von da geht es für einige weiter, zum offensiven Dschihad, zum Krieg gegen jeden.“

Und Hakan? Ist er wirklich so weit?

Er überlegt einen Moment, dann winkt er ab. Er würde ja eh nicht gehen. „Wer viel redet, handelt nicht“, sagt Hakan. Das hat er irgendwo mal gehört.

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