Berlin

Hals oder Hoden

Der Berliner Autor Houssam Hamade hat Geschichten von Menschen gesammelt, die in Schlägereien verwickelt wurden. Uns erklärt er seine schmutzigen Straßenkämpfertricks – und was es braucht, um siegreich aus einer handgreiflichen Auseinandersetzung hervorzugehen

Später Freitagnachmittag, ein Kreuzberger Café. Houssam Hamade ist überpünktlich. Als er zur Begrüßung vom Tisch aufsteht, sieht man erst, wie groß der 45-Jährige ist. Und wie athletisch. Wir wollen über sein Buch „Sich Prügeln“ reden. Hamades Hund Goldmann, genannt Goldi, springt um ihn herum, eine Mischung aus Jack Russell, französischer Bulldogge und Mops. Für Goldi habe er auch schon mal gekämpft, sagt Hamade. Der Gegner: ein fremder Kampfhund.

Herr Hamade, wann war Ihre erste Prügelei?

Das war in der Schule, mit sieben oder acht Jahren. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass wir auf dem Boden lagen und uns gehauen haben.

Und die letzte?

Die ist auch schon wieder eineinhalb Jahre her. Da war einer auf meiner Geburtstagsparty, ich kannte den gar nicht. Der hat plötzlich eine Flasche Rum in der Hand gehabt, die ich geschenkt bekommen hatte. Ich sagte, er solle das lassen. Dann hat der die Flasche auf dem Boden zerschmissen. Dem habe ich eine gelangt.

Wie prügelt man sich richtig?

Man braucht eine geistige Einstellung dazu. Man muss sich fühlen wie eine ­Dampfwalze, die den anderen einfach umwalzt. Man muss einen Tunnelblick bekommen.


Houssam hamade
wurde in Beirut geboren und wuchs in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg auf. Nach dem Abitur im Zweiten Bildungsweg studierte er in Berlin an der Humboldt-Universität Politik und Soziologie, war nebenbei Mitbetreiber eines profitlosen Klubs am Schlesischen Tor. Er hat Erfahrungen als Türsteher und in Kickboxwettkämpfen und schreibt für diverse Zeitungen. „Sich Prügeln“ ist sein erstes Buch.
Foto: David von Becker

Sie nennen das: „die weiße Wut“.

Genau. Die Zweifel fallen ab. In der weißen Wut sieht man nur noch die eigene Perspektive. In diesen Zustand muss man kommen. 

Gibt es einen prototypischen Moment, in dem es „Klick“ macht?

Sehr oft, wenn eine Grenze überschritten ist und man denkt: Ich lasse mir das nicht mehr gefallen. Meistens geht es um Gerechtigkeit. Und um Würde. Eigentlich ist es ja fast immer klüger, sich nicht zu prügeln. Aber Menschen machen es ja trotzdem. Etwas ist dann wichtiger als die eigene Haut.

Wie kamen Sie darauf, ein Buch über das Prügeln zu schreiben, in dem 18 Menschen von erlebter Gewalt berichten?

Ich habe mich schon immer damit beschäftigt, ich war lange Türsteher, auch am Schlesischen Tor. Aber der Auslöser war eine andere Geburtstagsparty, da hat jemand eine solche Geschichte erzählt. Wir saßen in der Küche. Der ganze Raum war plötzlich total still. Und ich dachte: Solche Grenzsituationen sagen sehr viel über Menschen aus.

Wie fühlt sich das Prügeln für Sie selbst an?

Ich selbst will eigentlich das Prügeln vermeiden, ich bin ja eher ein Hippie-Typ. Aber ich lass mir eben auch nichts gefallen.

Schon mal selbst derb auf die Fresse bekommen?

Ich bekam zwei Zähne angeschlagen, als ich 16 war. Danach fing ich mit Kampfsport an.

Welche Sportart?

Ich würde Boxen empfehlen. Oder Ringen. Oder auch Krav Maga. Weil das sehr realistisch ist. Wenn du boxt, ist das nicht bloß theoretisch. Da ist einer, der haut dir aufs Maul. Dadurch lernst du, mit dieser krassen Situation umzugehen. Ich habe mich jetzt auch nicht die ganze Zeit durch mein Leben geprügelt. An der Tür hatte ich meist eine defensive Strategie.

Wie geht defensives Prügeln?

Mein Trick ist, dem anderen das Gefühl zu geben: Du kannst rausgehen aus der ­Situation und dabei dein Gesicht wahren. Gleichzeitig vermittele ich aber das ­Gefühl: Ich kann dich zerstören, wenn ich wollte.

Wegrennen oder zuerst schlagen?

Wenn man schnell ist: Rennen.

Hals oder Hoden?

Hoden. Beim Hals kann tatsächlich jemand sterben.

Was würden Sie tun, wenn ich Sie jetzt plötzlich angreife?

Staunen. 

Okay. Und dann?

Dann würde ich versuchen, in Sie reinzugehen und Sie fertigzumachen.

Gibt es den einen Trick, der einen Gegner sofort außer Gefecht setzt?

Nee. Aber gibt schon Griffe. Soll ich Ihnen einen zeigen?

Hamade stellt sich hinter mich. Seine flache rechte Hand fährt unter mein Kinn, schiebt sich vor, bis die Ellenbeuge eng an meinem Hals liegt.

Sie klopfen mir auf den Arm, wenn es ­genug ist, ja?

Seine rechte Hand packt seinen linken Oberarm. Gleichzeitig drückt die linke Hand in einer ­Hebelbewegung von hinten meinen Kopf nach vorn. Langsam. Wenige Sekunden. Mir wird ­komisch zumute. Ich klopfe auf seinen Oberarm. Bisschen früh vielleicht. Aber sicher ist sicher.

Dann schlafen Sie ein. Das geht schnell.

Dieser Griff für den ganz schnellen Schlaf heißt „Rear Naked Choke“. Ein paar Tage nach unserem Gespräch wird Hamade einen Link zu einem Video schicken. Darin demonstriert Bas Rutten, ein niederländischer ehemaliger Mixed-Martial-Arts-Kampfsportler und jetziger Fernsehkommentator, den Griff. 

Was ist denn der „brüllende Gorilla“?

Man sieht manchmal Typen, die sich auf der Straße anbrüllen. Das ist eine Technik, mit der man sich in den Zustand bringt, wo man bereit ist zu kämpfen: den Schmerz auszuhalten, andere zu verletzen.

Und der „Dänemann“?

Ein plötzlicher Kopfstoß mit der Stirn auf die Nase des Gegners.

Gibt es diese Techniken wirklich, oder haben Sie sich die für Ihr Buch ausgedacht?

Die gibt’s. Ich habe denen teilweise Namen gegeben. „Dänemann“ ist ein normaler Begriff. „Brüllender Gorilla“ habe ich mir ausgedacht. Ich habe das Buch aber auch Leuten gegeben, die mit Prügeln Erfahrung haben. Die haben gesagt: Stimmt.

Eine Frau, Lena, die von ihrer Stiefmutter misshandelt wurde, beschreibt die Gewalterfahrung so: „Dein ganze Körper kommt in einen Ohnmachtszustand… Man gibt einfach auf und lässt sich in das Unglück fallen…“. Irgendwann schlägt sie zurück.

Interessant war für mich dabei, wie Lena die Gewalt reflektiert hat. Einerseits: Ich werde ja wie meine Mutter. Andererseits dieses ­Befreiungsgefühl: Ich lass mich jetzt nie mehr schlagen! Da habe ich so etwas wie Stolz auf sie gespürt. Fremdstolz.

Wie viel hat eigene Gewaltbereitschaft mit erlittener Gewalt in der Kindheit zu tun?

Von meinen Erfahrungen her viel. Von ­denen, die richtig harte Geschichten ­erlebt haben, bis hin zum Vernichtungswillen ­gegen den anderen: Die wurden alle in ­ihrer Kindheit geschlagen.

Man liest öfter von Massenschlägereien in Berlin. Ist die Brutalität größer geworden?

Als studierter Politik- und Sozialwissenschaftler gebe ich ja viel auf Statistiken. Danach werden die Gewaltvorfälle weniger, aber die Gewalt, die ausgeübt wird, heftiger. Ich kenne das aus meiner Kindheit noch ­anders. Ich bin in Beirut geboren und als Kind nach Baden-Württemberg gekommen. Auf Bockbierfesten gab es öfter Massenschlägereien.

„Sich Prügeln“ von Houssam Hamade, Books on Demand, 124 S., 10 €

Gehen Sie dank Ihrer Prügel-Expertise jetzt entspannter durch die Berliner Straßen?

Auf jeden Fall. Ich falle nicht gleich um, wenn ich mal eine gelangt kriege. Und ich kann richtig austeilen. Allerdings weiß ich auch, dass es immer gefährlich sein kann.

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