Videoinstallation

Preis der Nationalgalerie 2018: Agnieszka Polska

Agnieszka Polska reflektiert im Hamburger Bahnhof über die Versuchung und Verantwortung jedes einzelnen Menschen

Der tiefschwarze Dämon hat zwei riesige, animierte Kulleraugen, eines lilafarben, das andere dunkelgrün, und einen kleinen grauen Mund. Er spricht mit sanfter Stimme. In Agnieszka Polskas Ausstellung „The Demon’s Brain“ nimmt er die Schlüsselrolle ein. Die Zuschauer können den Dämon von ihren Sitzkissen am Boden mal an der Videowand am Ende der Halle und kurze Zeit später an einer Projektionsfläche sehen, die zum Raum versetzt steht: Die Videoinstallation läuft auf vier Screens in der großen abgedunkelten Haupthalle des Museums Hamburger Bahnhof. Diese Einzelausstellung gehört zu Polskas Gewinn des Preises der Nationalgalerie 2017, und die 1985 in Lublin geborene Berliner Künstlerin spinnt hier die Geschichte eines echten Schriftwechsels im Polen der Feudalzeit weiter, in dem sich bei Polska auch das Echo frühkapitalistischer Verhältnisse wiederfindet.

Polska malt sich die Situation von Salzminenbesitzer Serafins Briefboten aus, der in den historischen Dokumenten zwar gar nicht auftaucht, aber den es als Überbringer wichtiger Schriften gegeben haben muss. Nach einer Begegnung mit dem Dämon im Wald vertauschen sich die Rollen – der Dämon wird zum Boten aus der Zukunft. Er schildert eine Situation, in der nicht Salz, sondern Kohle Wertstoff ist und beschreibt damit die Gegenwart, in der die Menschen durch ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von Gütern wie Öl und Kohle ihre Welt zerstören. Am Ende fordert der Dämon den Betrachter und den mittelalterlichen Briefboten im Video auf zu handeln – „it is not too late“ erklingt wieder und wieder.

Reitet durch Nacht und Wind: der Bote wird in Polskas Arbeit „The Demon’s Brain“ zur Schlüsselfigur. Foto: Agniezska Polska

Die vier Projektionen laufen parallel, die einzelnen Szenen sind so synchronisiert, dass sie auch zusammen eine Geschichte erzählen. Das schafft eine größere Nähe zum Publikum als Polskas Beitrag zur Gruppenausstellung der Kandidatinnen für den Preis 2017, in dem zwei Videos in getrennten Räumen liefen.

Auch der Inhalt ist erzählerischer und weniger abstrakt als der von 2017 mit animierter, sprechender Sonne. Wer die Vorgeschichte der neuen Arbeit kennt, könnte nun zwar kritisieren, dass die aktuelle Ausstellung etwas zu konkret ist: Dass der Bote die zu überbringenden Briefe verbrennt, und so die wirtschaftliche Maschinerie seiner Zeit zum Stottern bringt, ist überflüssig. Die Besucher können ihre Schlüsse allein ziehen. Dass die Künstlerin Verantwortung jedes und jeder Einzelnen gegenüber der Welt einfordert und fragt, wie viel Einfluss jeder Mensch hat, scheint offensichtlich. So oder so bleibt die nur wenige Minuten dauernde Installation mit ihrer Überkreuzung von Sound, Bildern und Situationen im Raum aber interessant.

Dass BMW den Kunstpreis sponsert und sich Polskas Werk in Zeiten des Dieselskandals indirekt gegen solche Unternehmen ausspricht, ist nicht ohne Ironie, aber laut Künstlerin Zufall. Die Idee für die Arbeit habe sie beim Schmökern in Buchläden in Polen vor über zehn Jahren bekommen, als der Schriftwechsel aus dem Mittelalter erstmals veröffentlicht wurde.

Bis 3.3.19, Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, Tiergarten, Di+Mi+Fr 10–18, Do bis 20, Sa+So 11–18 Uhr

https://www.zitty.de/event/kunst/preis-der-nationalgalerie-agnieszka-polska-30002412/