»Ich bin Europäer. Und Migrant. Was bin ich?«

Hammed Khamis im Interview

Der Berliner Schriftsteller und Streetworker Hammed Khamis fuhr mehrfach ins berüchtigte Flüchtlingscamp in Calais. Früher war er Mitglied einer Jugendgang in Osnabrück. Ein Gespräch über den internationalen Slum, tödliche Fluchtwege, eine Narbe am Hals, echte Freundschaft und sein neues Buch „I am not animal“ Interview: Erik Heier

Herr Khamis, wieso haben Sie das berüchtigte Flüchtlingscamp im nordfranzösischen Calais, den „Dschungel“, ausgewählt? Nein, Calais hat mich ausgewählt.

Wie das denn? Ich wurde gefragt, ob ich in einer Moabiter Flüchtlingsunterkunft übersetzen könne. Meine Familie stammt von der syrisch-türkischen Grenze. Dann wollte ich mehr machen, habe gegoogelt, sah die Plastikkirche.

Was für eine Plastikkirche? In Calais haben die eritreisch-äthiopischen Gemeinden eine Kirche aus Kunststoffplanen gebaut. Orthodoxe Christen. Das hat mich so hart erwischt, dass ich hinmusste.

Hammed Khamis Der Schriftsteller und Blogger ist das elfte von 14 Kindern einer Großfamilie aus dem Libanon. In seinem Geburtsort Osnabrück war er Mitglied einer Jugendgang. In Berlin, wo er 2012 hinzog, engagiert er sich für Geflüchtete, leitet eine Integrationsschule. Zudem ist er Referent an der Polizeiakademie Oldenburg und arbeitet in fünf Jugendvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen mit Jugendlichen.Foto: Privat
Hammed Khamis
Der Schriftsteller und Blogger ist das elfte von 14 Kindern einer Großfamilie aus dem Libanon. In seinem Geburtsort Osnabrück war er Mitglied einer Jugendgang. In Berlin, wo er 2012 hinzog, engagiert er sich für Geflüchtete, leitet eine Integrationsschule. Zudem ist er Referent an der Polizeiakademie Oldenburg und arbeitet in fünf Jugendvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen mit Jugendlichen.
Foto: Privat

Der „Dschungel“ ist ein Camp in den Dünen mit 6.000 Flüchtlingen. Sie waren im vergangenen Jahr dreimal dort, für insgesamt 20 Tage. Wie war Ihr erster Eindruck? Man hat großen Respekt. Es ist eine Mini-Stadt, ein internationaler Slum. Ich wurde dort nicht als Deutscher erkannt. Irgendwann hast du einen Dreitagebart, deine Hände sind dreckig. Du siehst aus wie die.

Was genau wollten Sie eigentlich in Calais? Die Kirche sehen. Mehr nicht.

Sie sind doch kein Christ. Das ist egal. Ich bin Moslem. Da ist ein Haus, wo Leute zu Gott beten. Ich habe nicht ans Helfen gedacht. Das kam dann von selbst.

Das Ziel der Flüchtlinge dort ist England. Ich selber würde ja mit einem Jetski über den Ärmelkanal fahren. Wir haben ein Boot und wollen jetzt Leute rüberbringen. Die ganz Armen. Flüchtlinge aus Eritrea. Die sind meistens ungebildet, die haben nichts. Da gibt es Prostitution für drei Euro!

Wie versuchen die Leute im Camp ansonsten, über den Ärmelkanal zu gelangen? Es gibt zwei Wege, rüberzukommen. Der eine ist, sich Zugang zu einem Lkw zu verschaffen. Manchmal kommen Punker. Die sind cool. Sie schmeißen brennende Autoreifen aus dem Auto. Dann stoppen die Lkw.

Der zweite Weg ist der Eurotunnel. In Ihrem neuen Buch über Ihre Calais-Besuche, „I am not animal“, erzählen Sie von einem Totenplakat für Ahmed aus Eritrea, der auf einen Zug aufsprang und dabei starb. Ich habe einen Cousin, der auch Ahmed heißt. Guter Mann, hat Familie. Hatte der andere das auch? Was ist mit der Familie? Wissen die, wo er ist? Dass er tot ist? Warum ist er nicht nach Deutschland gekommen? Spätestens da brichst du zusammen. Ich bin ja Europäer. Ich bin aber auch Migrant. Da denkst du dir: Was bin ich denn nun?

Gute Frage. Wie lautet die Antwort? Ich bin stolz, Deutscher zu sein. Ich liebe Deutschland über alles. Aber in Calais kommen mir die Tränen. Wenn ich da leben würde, wo die Flüchtlinge herkommen, würde ich auch alles tun, um nach Europa zu kommen. Und diese Jungs, diese Männer, die ziehen nicht nur ihre Familien nach. Dann kommen 20, 50 Leute her. Pro Kopf! Freunde und  Verwandte. Entweder sie sterben im Wasser. Oder Europa, wie wir es kennen, ist vorbei. Das ist mein voller Ernst.

Wie ging es Ihnen danach, zurück in Berlin? Sehr schlecht. Ich habe meinen Vater in Osnabrück angerufen, in der Nacht. Ich kann nachts nicht schlafen, seit 14 Jahren nicht.

Ihre Familie floh 1978 aus dem Bürgerkrieg im Libanon. Drei Tage nach der Ankunft wurden Sie in Osnabrück geboren. Ich hatte das Bedürfnis, meinem Vater Danke zu sagen, dass er damals diese riesengroße Entscheidung getroffen hat, zu fliehen. Dieser Mut!  Mein Vater ist mit zehn Kindern in Osnabrück angekommen, ich war das elfte.

Dort waren Sie in einer Gang mit üblem Ruf. Der Kern bestand aus 15 Jungs.  Ich wollte diese Karriere nie. Aber wenn du einmal drin bist, ist alles so einfach. Die Leute in Osnabrück dachten, dass meine Gang aus meinen Brüdern besteht. Aber meine Familie ist voll anständig, das sind alles Kaufmänner. Viele Leute wussten gar nicht, wie ich aussehe. Einer hat mir mal mit mir selber gedroht.

Bitte was? Im Bus. Da hat einer seine Füße auf dem Sitz gehabt. Ich habe sie runtergenommen. Und er: „Jetzt kriegste eine aufs Maul!“ Ich: „Von wem denn?“ Er: „Wirst du sehen.“ Hat irgendeinen angerufen und gesagt: „Jetzt kommt Hammed. Da kriegst du richtig!“

Der Chef Ihres ehemaligen Kampfsportvereins nannte Sie mal seinen Musterschüler. Schauen Sie mal auf meine Narbe am Hals. Da habe ich einen Liter Blut verloren. Ich war 17, ich habe 57 Kilo gewogen. Ein Liter Blut weg. Nur noch 56 Kilo. Da hatte ich Angst. Habe ich manchmal heute noch.

Was ist damals passiert? Eine Massenschlägerei. Diesmal hatte ich gar nichts damit zu tun. Ich habe einfach zugeguckt. Ein Glas hat meinen Hals getroffen. Zum Glück nicht die Halsschlagader. Die daneben. Die ist dicker. Das hat mir das Leben gerettet. Ich dachte, wenn ich kämpfen kann, passiert mir so etwas nicht mehr.

Das hat Sie auf die schiefe Bahn gebracht? Wenn du kämpfen kannst, kommt irgendwann einer und sagt: „Kannst du dem mal ein paar auf die Schnauze hauen? Ich gebe dir 200 Mark.“ Mit 17, 18 findest du das cool. Und andere finden das auch.

Was ist cool? Das Hauen oder das Geld? Beides. Irgendwann wurde es mehr Geld.

Ein Anwalt, den seine Frau mit einem Fußballprofi betrog, wollte, dass Sie diesem eine Lektion erteilen: Benzin aufs Bein. Ich glaube nicht, dass ich sein Bein verbrannt hätte. Ich hätte das Benzin auf sein Bein gegossen und gesagt: „Beim nächsten Mal zünde ich es an.“ Das hätte gereicht.

»Ich hätte das Benzin auf dem Bein
des Fußballprofis nicht angezündet «

Wie kamen Sie da wieder raus? Durch das halbe Jahr, das Sie im Gefängnis verbrachten? Nein. Mein jüngerer Bruder hat Sachen eingeworfen, Leute ohne Grund geschlagen, ist zu schnell mit dem Auto gefahren, hat gar keinen Führerschein gehabt. Und immer diese Anzeigen. Irgendwann habe ich gesagt: Es reicht. Dann haben wir einen Jeansladen aufgemacht. Der lief echt gut.

Wieso kamen Sie dann 2012 nach Berlin? Ich hatte drei Anzeigen und saß vor dem Richter, ich hatte Bewährung. Der fragte: „Was kannst du mir anbieten, dass ich dir noch mal Bewährung gebe?“ Ich sagte: „Ich will weg.“ Da hat er gesagt: „Eine gute Idee. Geh! Wir brauchen dich hier nicht.“

Sie schreiben, das erste Mal nach Calais gefahren zu sein, weil Sie 2014 viel Glück gehabt hätten. Was meinen Sie damit? Ich bekam eine Wohnung. Und ich bekam Freunde. Richtige Freunde. Wenn ich mich ein paar Tage nicht melde, rufen die an: „Hey, wo bist du?“ Voll schön! Und ich habe jetzt ein Ziel. Ich will ein bedeutender deutscher Autor oder Schriftsteller werden.

Anfang des Jahres ist der Dschungel von der französischen Polizei aufgelöst worden. Nicht aufgelöst. 100 Meter vor der Autobahn haben die sauber gemacht, damit sie diese Autobahn besser überwachen können. Aber die Kirche haben die abgerissen, das war echt traurig. Gott wird sie dafür bestrafen, da bin ich sicher!

Hammed Khamis: „I am not animal. Die Schande von Calais", herausgegeben in der Reihe „An einem Tisch“ von Asal Dardan, Christiane Frohmann und Michaela Maria Müller, Taschenbuch: 13 €, E-Book: 4,99 €
Hammed Khamis: „I am not animal.
Die Schande von Calais“, herausgegeben in der Reihe „An einem Tisch“ von Asal Dardan, Christiane Frohmann und Michaela Maria Müller,
Taschenbuch: 13 €, E-Book: 4,99 €

Keine Angst, dass jetzt in Berlin die alten Kumpels irgendwann vor der Tür stehen? Am Anfang hatte ich kein Geld, keine Arbeit, keine Freunde, keine Familie, nur ein WG-Zimmer. Da haben mich zwei Cousins angerufen. Die kamen mit zwei S-Klassen an. Taschen voll Geld,  Mädchen im Auto. „Komm, wir gehen jetzt aus!“ Ich wusste genau: Steigst du jetzt in dieses Auto ein, nimmst eines von diesen Mädchen – dann bist du wieder voll drin. Ich habe mich bedankt und bin weggegangen.

Früher sind Sie Lamborghini und Porsche gefahren. Jetzt besitzen Sie gar kein Auto mehr. Haben Sie denn nie Sehnsucht nach dem alten Lamborghini-Leben? Aber dann hast du auch die Lamborghini-Freunde. Die Fahrrad-Freunde sind besser! Wenn einer auch bei dir ist, wenn du gar nichts hast, weißt du: Der ist dein Freund.


Hammeds Blog im seinsart-Magazin

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