Interview

Hanau und Rechtsextremismus: „Viele haben Angst um ihre Kinder“

Matthias Müller, Experte der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus, über die lange Geschichte rechtsextremen Terrors, Fehler der Polizei – und die Gefühle der migrantischen Community

Matthias Müller sagt: Rechtsextremer Terror war schon immer eine große Bedrohung. Foto: privat
Matthias Müller sagt: Rechtsextremer Terror war schon immer eine große Bedrohung. Foto: privat

ZITTY: Herr Müller, auch in Berlin sind die Menschen nicht sicher vor rechter Gewalt: 2012 wurde Burak Bektaş im Neuköllner Süden auf dem Bürgersteig erschossen. Bis heute ist es denkbar, dass ein Rechtsextremer den Mord verübt hat. Hinzu kommt die Anschlagsserie in der Hufeisensiedlung, wo Neonazis seit Jahren einen ganzen Kiez in Angst und Schrecken versetzen. Könnte es nach dem Anschlag von Hanau weitere Vorfälle geben?

Matthias Müller: Rechtsextremer Terror war schon immer eine große Bedrohung. Überall in der Bundesrepublik. Beispiele sind der Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980, die Morde des NSU-Netzwerkes oder die 200 Todesopfer durch Rechtsextreme seit der Wiedervereinigung. Einige Morde sind übrigens in Berlin begangen worden. Ein aktuelleres Phänomen ist hingegen die Radikalisierung einzelner junger Männer vor allem über das Internet.

ZITTY: Wie gefährdet sind Shisha-Cafés und andere Einrichtungen, wo sich junge Menschen aus migrantischen Communities aufhalten?

Matthias Müller: Die Menschen in den migrantisch geprägten Communities sind höchst verunsichert. Viele haben große Angst um ihre Kinder. Potenzielle Angriffsziele für Rechtsextreme sind auch Shisha-Cafés – sie symbolisieren eine junge, mehrheitlich migrantisch geprägte Freizeitkultur. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, warum vor allem Shisha-Cafés beliebt sind. Dort sitzen oft junge Leute, denen aus rassistischen Gründen der Zugang zu Clubs verwehrt wird.

ZITTY: Was waren die beunruhigendsten Untaten von Neonazis in Berlin in den vergangenen Jahren?

Matthias Müller: Die Morde an dem 22-jährigen Burak Bektaş im Jahr 2012 und dem britischen Wahlberliner Luke Holland im Jahr 2015 wiegen besonders schwer – ebenso wie die Angriffsserien in Neukölln. Rechtsextreme haben mehrmals die Fensterscheiben von Wohnungen eingeworfen, in denen Menschen geschlafen haben. Zudem ereigneten sich 16 Brandstiftungen. Darunter war auch der Anschlag auf das Wohnhaus der Familie des Linken-Politikers Ferat Kocak. Nur durch Glück ist dabei niemand verletzt worden. Weiter nördlich im Bezirk Neukölln war der Brandanschlag auf das Café-Kollektiv K-Fetisch an der Weserstraße ein Schock. Das Feuer hätte sich leicht ausweiten können. Der Tod von Menschen wurde dabei in Kauf genommen.

ZITTY: Was waren die jüngsten Fälle?

Matthias Müller: Vor Kurzem sind Hakenkreuze an mehreren Orten im Norden Neuköllns gesprüht worden. Darunter waren ein Imbiss, ein Späti sowie Hauseingänge an der Wildenbruchstraße, außerdem eine Konditorei an der Sonnenallee. An diesen Orten arbeiten mehrheitlich Menschen mit einer familiären Migrationsgeschichte.

ZITTY: Wie groß ist Ihr Vertrauen in Berlins Politik und Sicherheitsbehörden?

Matthias Müller: Auf politischer Ebene nehme ich das Problembewusstsein als sehr groß wahr. Der Senat hat Maßnahmen in die Wege geleitet, um Einrichtungen zu schützen. Nach Hanau sind zum Beispiel uniformierte Beamte an Moscheen postiert worden. Außerdem sollen Moscheen und Vereine von Menschen mit Migrationshintergrund sicherer werden: mit besseren Schlössern, robusten Türen und Fenstern sowie direkten Meldeanlagen zur Polizei. Dafür ist ein entsprechender Fonds geplant.

ZITTY: Hat die Polizei selbst ein Problem mit Beamten, die rechte Gesinnung zur Schau tragen?

Matthias Müller: Rechtsextreme Vorfälle bei der Polizei verunsichern vor allem Betroffene von rechter Gewalt. Allein 2019 sind 17 Disziplinarverfahren wegen solcher Vorkommnisse bei der Polizei eröffnet worden. In einer Chatgruppe wurde sich mit dem neonazistischen Gruß „88“ verabschiedet, ein LKA-Beamter traf sich privat mit einem Tatverdächtigen der Neuköllner Angriffsserie. Ein Beamter nutzte die Meldedatenbank, um Drohbriefe an Linke zu verschicken. Hier braucht es noch größere Anstrengungen, um das Vertrauen bei Betroffenen wieder aufzubauen.

Matthias Müller ist seit 2004 Mitarbeiter in der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, sein Spezialgebiet ist die Lage in Neukölln.