Musik

Hanne Hukkelberg

Die norwegische Experimentalmusikerin Hanne Hukkelberg hatte eine
beschissene Zeit in Berlin. Mit heilsamen Folgen. Warum eigentlich?

Es ist kein Geheimnis: Künstlernaturen, die als Expats in Berlin leben, drohen hier zu versumpfen – entweder im Rausch des Nachtlebens oder aber in Einsamkeit und Depression. Als die norwegische Musikerin Hanne Hukkelberg im Januar 2005 für sechs Monate in die Hauptstadt des internationalen Hedonistentums zog, passierte ihr wohl leider letzteres. „Ich muss ziemlich deprimiert gewesen sein“, versucht sie sich an die Zeit zu erinnern. „Ich war sehr in mich gekehrt, habe die ganze Zeit Bücher gelesen und Rotwein getrunken.“ Dabei habe sie allein in einer viel zu großen Wohnung gehaust und versucht, Lieder für ihr zweites Album zu schreiben. „Ich war mir sicher, dass alles, was ich hier geschrieben hatte, Müll war.“ Ihr Produzent rettete die Stücke damals vor der Tonne. Zum Glück, denn das Album, das daraus entstand, brachte ihr schließlich den norwegischen Grammy ein. Es hieß „Rykestrasse 68“, wobei Hanne Hukkelberg später herausfand, dass die Rykestraße im Prenzlauer Berg, in der ihr damaliger Freund wohnte, eigentlich bei der Hausnummer 67 endet. So wurde die fiktive Adresse zu einer schönen Metapher für ein vorgestelltes Berlin, in dem sich die ausgebildete Jazz-Sängerin aus Oslo zwar nie so richtig zuhause gefühlt hat, in das sie aber doch immer wieder gerne zurückkehrt.

Hanne Hukkelberg
Hanne Hukkelberg
Foto: Mike R. Cruz Angeles

So wie in dieser Augustwoche, die sich schon so spätsommerlich, fast herbstlich anfühlt. Am Tag zuvor hat sie hier ein Musikvideo für ihr neues Album „Birthmark“ gedreht, nun empfängt sie zum Interview in einem Büro unweit der Rykestraße. 40 Jahre alt ist sie mittlerweile. Und wenn sie so zurückschaut, auch auf ihre Zeit in Berlin, würde sie ihrem jüngeren Ich gern so einiges mit auf den Weg geben. In ihrem neuen Song „The Young And Bold I“ tut sie genau das: „How could you know“, singt sie da in ihre Vergangenheit hinein, den Kopf schüttelnd über diese naive unwissende und unerfahrene Anfang-20-Jährige, die sich darüber wunderte, warum es ihr so schlecht ging, dabei hatte sie schlicht zu wenig gegessen und zu wenig geschlafen. „Solche einfachen Fehler habe ich andauernd gemacht“, sagt sie. „Ich will nie wieder Anfang 20 sein und meine Nerven gegen die eintauschen, die ich heute habe.“ Daher auch das Bedürfnis, eine Art Anti-Nostalgie-Song zu schreiben, in dem sie die Vorteile des Älterwerdens besingt, statt sich ihre Jugendjahre zurückzuwünschen.

Die Akkorde, die diesen Song tragen und die von einem Drum’n’Bass-Rhythmus untermalt werden, hat sie mit einem besonderen Klavier eingespielt. Es gehörte einst ihrer Großmutter, nun steht es bei ihr im Studio. Ein emotionsbeladenes Erbstück, das sie an ihre Kindheit erinnert – daran, mit welch eigenartigem Anschlag die Großmutter darauf gespielt hatte. „Es ist auch nicht richtig gestimmt“, sagt sie, „und ich mag es genauso: ein bisschen schräg.“

Neben den Samples ihres leicht verstimmten Klaviers erklingt in ihrer Musik noch etwas sehr Hanne-Hukkelberg-Typisches, nämlich Geräusche, die nicht so ohne Weiteres zuzuordnen sind und die sie auf der Straße oder im eigenen Haushalt sammelt: klirrende Gläser, knarzende Türen, ratternde Schreibmaschinen, das Klingeling einer Mikrowelle, das Dröhnen von Baumaschinen, das Geräusch ihrer Hand, wie sie über die Tischplatte streicht. „Ich benutze, was immer ich gerade vor mir habe“, erklärt sie. Eine Art Do-it-yourself-Technik, die sie sich angeeignet hat, als sie noch keinen Schlagzeuger und keinen Drumcomputer hatte, aber Rhythmen brauchte.

Hanne Hukkelberg
Hanne Hukkelberg
Foto: Mike R. Cruz Angeles

Für ihre neue Platte hat sie zudem Aufnahmen von einer Backstage-Party ausgegraben, bei der sie mit ihren Bandkollegen das Solo von Totos „Africa“ nachzusingen versuchte. Zu Beginn ihres Songs „Crazy“ lässt sie das Stimmengewirr rückwärts laufen, was lustig und wirklich ein bisschen crazy klingt. „Obwohl das ein so trauriges Lied ist.“

Noch trauriger ist der letzte Song des Albums: „Summer Shadows“, der von einem Paar an einem Strand handelt, der eine im Schatten des anderen – das Ende einer ausklingenden Beziehung. „Summer always brings out the blues in me“, singt Hanne Hukkelberg, die Melancholikerin, mit zarter Stimme zu den dahinwogenden Akkorden des großmütterlichen Klaviers. Eigentlich hat sie das Lied schon vor längerer Zeit geschrieben – in der Zwischenzeit ist es zu einer self-fulfilling prophecy geworden, da ihre eigene Beziehung zerbrochen ist. Irgendwann habe sie erkannt: „Die in dem Lied, das bin ja ich.“

Philosophen behaupten gern, dass das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden muss, aber manchmal ist es umgekehrt: Da ist vorher schon ein Gedanke oder ein Gefühl – und das Leben zieht etwas später nach. Darin liegt vermutlich die Kunst der Hanne Hukkelberg: Dinge intuitiv erahnen und der Wirklichkeit Details ablauschen zu können, die uns oft entgehen. Vielleicht weil wir uns zu sehr ablenken lassen von den Verführungsmechanismen der sozialen Medien, die die Norwegerin überhaupt nicht mag. Oder eben nur bis zu dem Punkt, an dem sie noch Kontrolle darüber hat. „Es geht darum, ein Gleichgewicht zu schaffen“, sagt sie, ein Gleichgewicht zwischen den natürlichen Wesen, die wir sind, und der Technologie, die doch unser Werkzeug sein sollte, uns zu Diensten und nicht umgekehrt. Das ist etwas, das Hanne Hukkelberg im Lauf der Jahre gelernt hat und das ihr mit Anfang 20 vermutlich noch nicht so klar war. Ist es nicht ein großes Glück, 40 Jahre alt zu sein?

Hanne Hukkelberg auf youtube

Mo 14.10., 20 Uhr, Monarch, Skalitzer Str. 134, Kreuzberg, VVK 17,70 €