Christian Ströbele im Interview:

»Ich bin keine moralische Instanz!«

Hans-Christian Ströbele war der erste Grüne, der ein ­Bundestagsdirektmandat ­holte.  Inzwischen gewann er den Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg vier Mal in Folge. Nun hört er auf. Der Mitbegründer der Grünen, der am 7. Juni 78 Jahre alt wird, will bei der Wahl am 24. September nicht mehr kandieren. Im Herbst endet eine bemerkenswerte Karriere, die vor genau 50 Jahren ihren Anfang nahm: mit dem 2. Juni 1967. Wir sprachen mit Ströbele über seine Rolle als APO-Anwalt, Eierlikör mit Milch, seine Western-Leidenschaft, den Rausch der anderen, Politik als Droge, die Folgen des Alters – und was er selbst bei einer Revolution zu verlieren hätte

Interview: Julia Lorenz und Erik Heier

Hans-Christian Ströbele in seinem Büro
In seinem Bundestagsbüro hat Ströbele mehr als 600 Leitz-Ordner. Die mit dem roten Punkt kommen in sein Anwaltsbüro, die anderen ins Archiv der Grünen
Foto: F. Anthea Schaap

Herr Ströbele, im Herbst verlassen Sie den Bundestag – 50 Jahre, nachdem Sie in die Politik gegangen sind. Lassen Sie uns über den Auslöser dafür reden: den 2. Juni 1967, als Benno Ohnesorg erschossen wurde.
Vorher war ich politisch interessiert, habe regelmäßig die „Welt“ gelesen …

Eine Springer-Zeitung!
… Ich habe mich zum Beispiel auch hochschulpolitisch engagiert. Ein Highlight war, als ich half, Eberhard Diepgen, damals Asta-Vorsitzende an der FU, in einer Urabstimmung abzuwählen, weil er in einer schlagenden Verbindung war. Aber darüber hinaus war mein politisches Engagement bescheiden. Ich habe anfangs auch Fluchthelfer unterstützt.

Wie haben Sie den 2. Juni 1967 persönlich erlebt?
Ich war damals schon im Referendardienst. Zur Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus vormittags kam ich zu spät. Als die Schläger vom persischen Geheimdienst mit Stangen auf Studenten einschlugen, war ich noch nicht da.

Abends besuchte der Schah dann die Deutsche Oper.
Ich kam bei der Demonstration an, als die Menschen schon zurückströmten. Den Tod von Benno Ohnesorg habe ich nicht mitbekommen. Als ich in der  Nacht davon erfuhr, war ich empört und fand keine Ruhe mehr. Am nächsten Tag habe ich mich im Büro des APO-Anwalts Horst Mahler, der damals schon sehr berühmt war, gemeldet und meine Hilfe angeboten: Als Referendar konnte ich schon die Verteidigung von Studenten und sonst juristischen Beistand für die APO übernehmen.

Das hat also dieser Tag mit Ihnen gemacht.
Ich war so entsetzt! Es war ja nicht nur die Erschießung von Benno Ohnesorg. Es war das gesamte Verhalten von Politik und Polizei in Berlin. Der Polizeichef rühmte sich der „Leberwursttaktik“. Das hieß: die Demonstration auf beiden Seiten durch Polizei abriegeln und in der Mitte draufschlagen, bis es dort die Menge auseinanderplatzt – da waren Menschen gemeint! Oder es waren Gerüchte gestreut worden, die bösen Studenten hätten einen Polizisten erstochen. Und dann kam raus, dass ein Polizist einen Demonstranten erschießt!

Der Todesschütze Karl-Heinz Kurras wurde Jahrzehnte später als Stasi-Agent enttarnt.
Die Reaktion der Politik war damals: Die Studenten sind schuld, die Polizei hat richtig gehandelt. Alle prügelten auf die Studenten ein: die einen mit Knüppeln, die anderen via Zeitungsartikel und Medien.

Sie sind aber drei Jahre später in die SPD Wilmersdorf eingetreten. Hatten Sie sich in der Tür geirrt?
Nee. Ich hatte in den APO-Jahren viel mit der Verteidigung der Studenten zu tun. Und ich war fast auf allen Demonstrationen. Dann wurde der „Gang durch die Institutionen“ gefordert. Nicht, um dort was zu werden. Sondern um unsere zentralen politischen revolutionären Botschaften bekannt zu machen. Ich wohnte damals in Wilmersdorf und bin in die dortige SPD eingetreten. Ganz brav ging ich alle 14 Tage zu den Parteiabenden. Bis 1975 bin ich geblieben, bis ich rausgeschmissen wurde. Den SPD-Parteiausweis habe ich noch.

Stimmt es, dass Sie sich mit Karl May besser auskennen als mit Karl Marx?
Mag schon sein. Die „Winnetous“ von Karl May habe ich dreimal gelesen. Bei Karl Marx habe ich nicht mal das „Kapital“ ganz geschafft.

Beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund standen damals ja alle eher auf Italo-Western. Haben Sie mitgeguckt?
Ich war nie im SDS.

Aber Sie kannten die SDS-Leute doch.
Ich hatte viele Kontakte, war auch in den SDS-Räume am Kurfürstendamm. Italo-Western habe ich anfangs kritisch gesehen. Die übertrieben und nahmen die Westernhelden nicht richtig ernst. Aber bald wurden sie richtig Kult. Ich bin heute noch Western-Fan. Wenn spätnachts mal einer im Fernsehen läuft, sitze ich  vorm Fernseher und bedauere, dass heute so wenig Western laufen, immer nur die blöden Krimis.

Sie hatten bereits 1967 in Paris geheiratet und besaßen damals schon in Berlin eine Eigentumswohnung.
Die habe ich immer noch.

Das ist nicht ganz das, was wir uns unter den wilden 60er-Jahren vorstellen würden.
Die antiautoritäre Bewegung fand ich notwendig und richtig. Auch den offenen Umgang mit Sexualität, die neuen Lebensformen in Kommunen und Wohngemeinschaften. Aber auch das Mitmachen habe ich infrage gestellt. Dazu gehörte, dass ich heirate. Um mich herum haben viele den Kopf geschüttelt.  Und dann noch kirchlich in Paris! Das war stachelig. Die Idee war übrigens alt. Als Schüler war ich mit der Klasse in Paris und habe gesagt: Hier heirate ich mal.

»Ein Zwölf- bis 14-Stunden-Tag in Sitzungswochen: Da komme ich an die Grenze meiner Leistungskraft.« Die Vorstellung, Ströbele würde nochmal viereinhalb Jahre im Bundestag sitzen, bereitet ihm dann doch Unbehagen
Foto: F. Anthea Schaap

Eine romantische Ader!
Ursprünglich vielleicht.

Oder sind Sie innerlich doch ein Spießer?
Das behaupten manche. Aber das ist wohl eine Standpunktfrage.

Wie ist das, wenn Hans-Christian Ströbele mal so richtig die Sau rauslässt?
Daran kann ich mich kaum noch erinnern. Aber dunkel kommen mir da Sachen, die ich Ihnen jetzt nicht erzähle.

Man liest ja immer wieder, dass Sie nicht rauchen, keinen Alkohol trinken, keine Drogen nehmen, Vegetarier sind.
Das war früher anders! In der Kneipe gehörte damals einfach dazu, Bier zu trinken, vor allem zu rauchen. Aber Alkohol trank ich eigentlich nie gern. Den Geschmack mochte ich nicht. Dass ich gar keine Drogen nehme, ist jetzt vielleicht 25 oder 30 Jahre her.

Nicht mal ein Likörchen?
Doch, mein Büro hat das amüsiert.

Im Sozialistischen Anwaltskollektiv, das Sie mitbegründet habe.
Ich hatte eine Flasche Eierlikör im Kühlschrank und habe immer einen Fingerhut voll davon mit viel Milch getrunken. Ich bin Milch-Fan von Geburt an.

Jemals gekifft?
Nein, nie. Trotzdem kämpfe ich heute noch überzeugt dafür: „Gebt das Hanf frei.“

Vor 15 Jahren dank Stefan Raab ein Top-10-Hit!
Es gehört zu den schlimmsten Ungerechtigkeiten unserer Zeit, dass jeder sich jeden Tag mit Alkohol und Zigaretten vergiften darf, während man um die sehr viel weniger gefährliche Droge Cannabis einen großen Bogen machen muss, um nicht im Gefängnis zu landen. Ich hatte viele Mandanten, die drogenabhängig waren. Deren Leidensweg hat mich geprägt. Da waren etwa in der APO-Zeit die „umherschweifenden Haschrebellen“, die, wenn sie bei uns im Anwaltsbüro waren, mitten im größten Zimmer erst mal in der Runde einen Joint kreisen ließen. Ich habe das immer schmunzelnd, aber auch mit einem kritischen Blick gesehen. Ich habe Schicksale über Jahre verfolgt, die waren schrecklich. Wenn Leute wirklich an der Nadel hingen.

Sie waren nie neidisch auf den Rausch der anderen?
Überhaupt nicht. Ich behalte mich lieber unter Kontrolle.

Welcher Weg Ihrer damaligen Anwaltskollegen war für Sie überraschender – wie aus Otto Schily der brettharte Innenminister Schily oder wie aus dem RAF-Mitbegründer Horst Mahler der Rechtsextremist wurde?
Will ich nicht gewichten. Dass Otto Schily, nachdem er in die SPD eingetreten ist – vorher waren wir ja beide bei den Grünen – Karriere machen will, das war abzusehen. Er hat sich als SPD-Abgeordneter sehr engagiert, etwa bei der Demontage des Asylrecht, oder auch beim Großen Lauschangriff.

Und Mahler?
Darüber rede ich nicht so gern. Ich habe mir das nicht vorstellen können. In all den Jahren, in denen ich ihn gekannt habe, war er ein sehr eloquenter, sehr guter Anwalt. Natürlich habe ich viel Anwaltshandwerk von ihm gelernt. Aber über den Weg, den er dann gegangen ist, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Ich habe seit vielen Jahren keinen Kontakt zu ihm.

Hat es Sie nie gereizt, ihn einfach mal zu fragen?
Das wäre ein sehr unergiebiges Gespräch. Ich habe ihn wahrscheinlich zuletzt gesehen, als er an der Spitze einer NPD-Demonstration auf der Friedrichstraße stand. Und auf der anderen Seite der Spree, bei der Gegendemonstration, da stand ich – auch ganz vorne. Zwischen uns lagen vielleicht 50, 80 Meter.

Will bei den Grünen heute noch irgendjemand die Revolution?
Ich! Die Frage ist natürlich, wie sie heute aussehen würde. Ich habe viel gelernt. 1969 wollte ich wirklich eine ganz andere Verfassung, eine andere Verteilung der Macht. Das haben wir nicht erreicht, das nehme ich auch zur Kenntnis. War vielleicht auch besser so. Aber wir haben die Gesellschaft, die Welt, die Lebensverhältnisse, die Dogmen, die damals das Leben beengt haben, verändert. Da haben wir revolutioniert.

Wenn es heute eine Revolution gäbe: Was hätten Sie zu verlieren? Sie besitzen zwei Eigentumswohnungen.
Revolution heißt nicht, dass jeder alles abgibt. Das war nicht gemeint, auch bei der Französischen Revolution nicht. Ich will niemandem sein Häuschen wegnehmen. Oder seine Eigentumswohnung, sein Auto, sein Fahrrad.

Haben Sie jemals bedauert, keine eigenen Kinder zu haben?
Das ist jetzt zu familiär.

Wir fragen, weil Sie dafür eingetreten sind, dass Kreuzberger Eltern ihr Kind in Kreuzberg auf die Schule schicken. Manche Parteikollegen haben da anders entschieden, als es soweit war.
Das sollen die Eltern gemeinsam mit dem Kind entscheiden. Meine eigene Schulzeit war eine mit ganz anderen Wertigkeiten. Damals sind einige aus meiner Umgebung ins Internat gegangen. Ich habe gesagt: Ich möchte in der normalen Volksschule, so hieß das damals, und im normalen Gymnasium bleiben. Da lernt man vielleicht nicht so viel an Wissen, aber man macht Erfahrungen, wie man mit Menschen aus allen Schichten umgeht, Bündnisse schließt, Konflikte managt.

Haben Sie, wie Friedrichshain-Kreuzbergs Bürgermeisterin Monika Herrmann, „Hausbesuche“ von der Antifa bekommen?
Nicht, dass ich wüsste. Mir sind mal Steine in die Wohnung geworfen wollen. Vom Bürgersteig aus. Sowohl an die Haustür als auch durch die  Fensterscheibe. Aber es waren wohl Rechte. Einem bin ich hinterher gerannt.

Selber mal Demo einen Stein geworfen? Auf Demos?
Ich? (Pause) Nein, ich habe keinen geworfen. Warum soll ich da groß herumreden?

Das klingt, als wäre Ihnen das peinlich.
Ich habe Leute verteidigt, die beschuldigt wurden, Steine geworfen zu haben. Ironisierend hatte ich im Büro auf dem Schreibtisch einen Pflasterstein mit dem Motto: Hier ist unser gewichtiges Argument.

Foto: F. Anthea Schaap

Haben Sie je erwogen, die Grünen zu verlassen?
Nee. Ich wurde immer wieder dazu aufgefordert. Es gab eine Zeit nach den Kriegsbeteiligungen – etwa in Serbien, obwohl ich dagegen war –, dass autonome Freunde gesagt haben: Wie kannst du da noch mitmachen, bist du verrückt?

In den 80er- und 90er-Jahren gab es bei den Grünen in Kreuzberg ein Pädophilen-Netzwerk, das die Partei vor zwei Jahren aufarbeitete. Damals haben Sie in einem Interview dem „Tagesspiegel“ gesagt, Sie würden sich an diverse Details nicht erinnern, die Personen nicht kennen. Wir fanden diese Erinnerungslücken bei Ihnen ungewöhnlich.
Das Thema spielte damals nicht die Rolle, wie das in der Nacharbeitung schien. Ich erinnere mich, dass es in der AL eine Diskussion gab, weil Leute solche Forderungen aufstellten. In der Partei konnte ja alles gefordert werde, wir haben nie jemand rausgeschmissen oder ausgeschlossen. Als ich nach einzelnen Personen oder einem Keller in Kreuzberg gefragt wurde, konnte ich nur sagen: Ich kannte mich damals in Kreuzberg nicht aus. In den ersten Jahren in Berlin, wusste gerade mal, wo das liegt. (Artikel zum Thema aus der ZITTY)

Sie wussten kaum, wo Kreuzberg liegt?
Ich bin 1961 nach West-Berlin gekommen. Das Politische, die Demos, die Rebellion, die APO, das spielte sich alles rund um den Ku’damm und in Dahlem ab. Kreuzberg war da irgendwo. Ich glaube, in den ersten fünf Berlin-Jahren war ich da nie. Und ich war bis 2002 auch nicht Mitglied bei den Grünen in Kreuzberg. Also: bis zu meiner Bundestagskandidatur dort. Das hat sich total geändert. Politischer Brennpunkt wurde Kreuz­berg erst in den 80er-Jahren.

2002 haben Sie in Kreuzberg ohne Listenunterstützung durch Ihre Partei kandidiert – und sensationell das erste Bundestagsdirektmandat in Deutschland für die Grünen geholt.
Der Hauptgegner war, dass alle gesagt haben: Der macht ja einen ganz guten Wahlkampf, aber er hat keine Chance. Gegen diese Auffassung musste ich angehen, die war auch nicht ganz unbegründet. Ich musste die Grünen-Stimmen verdoppeln. Am Ende lag ich knapp vorn. Danach war das dann easy. Ich wurde  später sogar mal von 46 Prozent gewählt. Da dachte ich schon, das müssen doch mal 50 werden!

Nach dem 2. Juni 1967 war das der zweite politische Wendepunkt Ihres Lebens. Sonst wäre Ihre Karriere bei den Grünen wohl beendet gewesen.
Darauf bin ich heute noch stolz. Wenn Sie mich fragen: Was waren glückliche Momente in Ihrem Leben? Als ich das in der Nacht erfuhr. Zwei Tage davor hatte mich ein Rechter niedergeschlagen. Am Wahlsonntag war ich im Krankenhaus, um meinen Kopf zu untersuchen, weil ich Schmerzen hatte. Dann kam irgendwann die Wahlsieg-Meldung. Da bin ich ins Rathaus gefahren. Schmerzen und Krankheit waren weg.

Erkennen Sie die Grünen, die Sie mitbegründet  haben, heute noch wieder?
Natürlich, sonst wäre ich nicht drin. Ich ärgere mich über vieles und gebe auch immer kluge Ratschläge, auch im Bundestag und in der Fraktion. Die werden nur leider nicht immer befolgt.

Dabei gelten Sie für manche als moralische Instanz der Grünen.
Ich bin keine moralische Instanz! Ich versuche mich entsprechend der Grundsätze, die ich habe und die ich für richtig halte, zu verhalten. Gerade in der Opposition ist das natürlich einfacher, als wenn man die Mehrheit der eigenen Regierung bedroht.

Ende 2001 hätte Ihr „Nein“ gegen den Nato-Einsatz in Afghanistan beinahe Gerhard Schröders Kanzlerschaft beendet.
Da waren die Grünen Regierungspartei. Später in der Opposition habe ich nicht eingesehen, warum ich, nur um Geschlossenheit zu demonstrieren, entgegen meiner Meinung abstimmen soll. Da sagen manche: Der ist so verbohrt! Nein. So müsste eigentlich Demokratie funktionieren.

Dabei sollen Sie als junger Mann bei der Bundeswehr ein ganz passabler Schütze gewesen sein.
Sogar Meisterschütze. Ich habe sogar einen Preis gewonnen. Ich konnte gut schießen. Mit der Flak besonders gut.

Ist es irgendwie doch geil, manchmal eine Waffe in der Hand zu halten?
Als Junge, beim Indianerspielen! Später hatte ich auch ein Luftgewehr. Danach sogar ein Kleinkalibergewehr. Das war erlaubt, als 18-Jähriger konnte man sowas kaufen. Wegen eines Kleinkalibergewehrs im Auto bin ich als argloser Student sogar mal auf der DDR-Transitstrecke von Berlin nach Helmstedt bei der Grenzkontrolle abgeführt worden. Ich wusste gar nicht, dass in Berlin zu dem Zeitpunkt nach alliiertem Recht die Todesstrafe auf Waffenbesitz stand.

Was bitte wollten Sie mit einem Gewehr in West-Berlin anstellen?
Ich dachte: Hier kann man im Grunewald auf Zielscheiben schießen. Die Vopos vermuteten, ich sei ein Mörder, der in der DDR Leute umbracht hat. Sie haben die ganze Strecke der Autobahn abtelefoniert, ob irgendwas passiert war. Schließlich haben sie mich und meinen Freund weiterfahren lassen, aber ohne Gewehr. Ich habe später beim Innenministerium der DDR beantragt, es mir wieder auszuhändigen.

Haben Sie die Knarre zurückbekommen?
Nee.

Haben Sie mittlerweile mehr Vertrauen zur deutschen Polizei als vor 50 Jahren?
Bestimmt. Ich habe einen anderen Blick auf die Polizei. Kürzlich in Hamburg bei einer Veranstaltung mit dem Bundesvorsitzenden der Kriminalpolizeigewerkschaft waren wir uns einig, dass mehr Schutzmänner auf die Straße müssen.

Waren die von der Kripo überrascht?
Nee, das ist schon lange grüne Forderung. Natürlich gibt es im täglichen Leben Situationen, wo die Leute zu Recht sagen: Ich brauche schnell Hilfe. Ich fahre nachts oft BVG. In der Bahn oder auf dem Bahnsteig bin ich dann allein. Da hätte ich gern Hilfe im Notfall.

Tatsächlich sind Sie auch, als Ihr Fahrrad mal geklaut wurde, zur Polizei gegangen.
Als die mich angerufen haben und sagten: Wir haben das Rad gefunden, da habe ich denen sogar einen Blumenstrauß vorbeigebracht.

Wie alt war Ihr Fahrrad doch gleich?
Es ist 19 Jahre alt. Ich habe mir noch ein Damenfahrrad gekauft, weil ich Schwierigkeiten habe, über die Stange zu kommen.

Beim zweiten Mal wollten Sie die Videoüberwachungsbilder vom Eingang der Bundestagsverwaltung sehen.
Mein Fahrrad ist wahrscheinlich das einzige in Berlin von den Zehntausenden, die jedes Jahr geklaut werden, das ich zweimal wiederbekam. Es stand am Osteingang des Reichstages. Ich musste zu einer Abstimmung, bin hochgerannt, kam zurück. Da war das Rad weg. Ein Kollege, dem ich was vorgejammert habe, hat mich auf die Kameras hingewiesen. Da bin ich zur Polizeistelle des Bundestags. Die haben gesagt: Die sind nicht in Betrieb.

Hatten Sie das Rad angeschlossen?
Nee. Ich war der Meinung, das ist eine ehrliche Ecke.

Wie haben Sie das Rad wiedergekriegt?
Damals kannte ich die Fahrradkuriere. Die kamen überwiegend aus Kreuzberg. Ich habe ihnen Flugblätter gegeben, da war ein Foto vom Fahrrad drauf und eine Beschreibung, und gesagt: Ihr kommt doch überall rum, könnt ihr nicht mal gucken? Und vier, fünf Tage später klingelt mein Handy: Wir haben dein Fahrrad gefunden – auf einem Flohmarkt in Kreuzberg.

Sie verblüffen uns doppelt. Erstens: Ein revolutionär gestimmter Ur-Grüner hält ausgerechnet das Parlament für eine ehrliche Ecke. Zweitens: Und der ruft auch noch nach Videoüberwachung!
Ich habe nicht danach gerufen. Bei Wahlveranstaltungen der Kanzlerin war das ihr Running-Gag: Der Ströbele ist gegen Videoüberwachung. Aber wenn es ihn selber betrifft, sein Fahrrad, dann will auch er Videoüberwachung. Ich habe nie gesagt, dass ich Videoüberwachung will. Aber wenn die sowieso da war…

Zu Angela Merkel haben Sie ansonsten kein inniges Verhältnis?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe mit Angela Merkel, glaube ich, die meisten Worte gewechselt, als sie im Untersuchungsausschuss war.

Und Sie und Kretschmann?
Den kenne ich, soweit ich erinnere, auch nur vom Sehen.

Jemals mit Theo Waigel über Augenbrauen philosophiert?
Nee. Aber ich sehe, dass er dunklere hat, aber nicht so mächtige wie ich.

Jemals das Handy verloren?
Nee, noch nicht. Gott sei Dank.

Grauenvolle Vorstellung, oder?
Nachdem ich bei Snowden war, habe ich mein Handy immer in den Kühlschrank getan, das tue ich jetzt schon nicht mehr. Snowden rät, das Handy möglichst wenig bei sich zu tragen.

Sie dagegen haben den Whistleblower Edward Snowden in Moskau besucht. Klassischer Ströbele-Coup, oder?
Nö. Damals kam aus Bundesregierung: Wir wissen gar nicht, was das soll. Ob Snowdens Dokumente echt sind. Ob der die nicht selber hergestellt hat. Diese Tausenden oder Millionen von Dokumenten. Da habe ich gesagt: Der Mann ist zwei Flugstunden entfernt. Warum fliegt denn da keiner hin und fragt? Der Generalbundesanwalt oder meinetwegen jemand aus dem Innenministerium. Keiner hat’s gemacht. Irgendwann habe ich gedacht: Wieso fliege ich eigentlich nicht selbst?

Aber Sie waren schon stolz wie Bolle, als Sie hinterher bei der Pressekonferenz saßen und einen Brief von Snowden präsentierten?
Natürlich.

Sind Sie eitel?
Ja klar. Wer ist das nicht? Natürlich bin ich eitel. Ich sage sogar, so ein Erfolg wirkt wie Lebenselixier. Oder wenn Leute mich auf der Straße ansprechen: Du machst gute Arbeit! Leute, die ich gar nicht kenne und wo ich nicht weiß, wessen Geistes Kind die sind. Das passiert mir ja Gott sei Dank häufiger.

Julia Lorenz und Erik Heier … erhielten von Hans- Christian Ströbele nach dem Gespräch in seinem Bundestagsbüro noch einen launigen Hinweis zum Abschied: Die ZITTY- Redakteure sollten auf dem Weg zum Fahrstuhl bloß nicht zu weit gehen: „Sonst landen Sie noch bei den Linken!“
Foto: F. Anthea Schaap

Ist Politik Ihre Droge?
Es kann zuweilen was davon haben.

Brauchen Sie ab Oktober einen Entzug?
Ich hoffe nicht. Im Augenblick ist es so, dass ich gar nicht daran denke, weil ich noch so viel zu tun habe. Ein Zwölf- bis 14-Stunden-Tag in Sitzungswochen. Da komme ich an die Grenze meiner Leistungskraft. Deshalb habe ich gesagt: Das nochmal viereinhalb Jahre zu machen ist mir zu stressig. Ich werde weiter politisch tätig sein, ich will mich weiter  einmischen. Aber es gibt im Bundestag auch viele Pflichttermine, da frage ich mich hinterher: Warum habe ich zwei, drei Stunden da gesessen?

14-Stunden-Tage müssen wir jungen Dinger aber auch nicht mehr dauernd haben.
Natürlich bin ich im Alter nicht mehr so leistungsfähig. Rein körperlich.

Und dann gucken Sie die Debatten auf Phoenix und ärgern sich, dass Sie nichts dazwischenrufen können.
Das stimmt, das stimmt (lacht)! Oder Zwischenfragen stellen! Ich konnte früher abends beim Fernsehen gleichzeitig einen Schriftsatz machen, auch als Anwalt. Kann ich alles heute nicht mehr. Alles dauert länger. Ich vergesse auch vieles. Das Namensgedächtnis! Aber das sind Defizite, die sich einschleichen. In meinem Alter waren die Leute vor 200 Jahren alle längst tot.


 

Links:

Hans-Christian Ströbeles Homepage

Hans-Christian Ströbele auf Wikpedia

Kommentiere diesen beitrag