Kindergeburtstag

Happening Birthday

Stretchlimo oder DIY-Party? Sandschlacht oder Streichelzoo? Geht Topfschlagen überhaupt noch oder ist das schon zu 90er? Der Kindergeburtstag in Zeiten der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Selbsterfahrungsbericht

Was man alles lernt beim Piratenparty-Planen: Es gibt wirklich nichts,
auf das man keinen Totenkopf drucken kann |
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Ich erinnere mich noch genau an den sonnigen Tag im September 1988. Mein Vater rannte quer über die menschenleere Beton wüste des Möbel-Hübner-Parkplatzes an der damals noch völlig unhippen Pohlstraße im Bezirk Tiergarten. Dicht gefolgt von einer Herde aufgeregt kreischender Kinder. Die Begeisterungsschreie galten allerdings weniger meinem Vater, sondern vielmehr der Fracht, die er mit sich führte: An seinem Blaumann hatte er unzählige Bonbons befestigt, die nun erjagt werden wollten. Es war mein Geburtstag, ein einstelliger, und die Bonbonjagd war ein absolutes Highlight, das sich tief in meiner Erinnerung verankert hat. Jetzt, mehr als 30 Jahre später, wird meine Tochter vier. Und während sie sich in den vergangenen Jahren noch mit ein paar halbwegs liebevoll im Garten platzierten Kindern und Kuchen zufrieden gab, sind die Anforderungen plötzlich dramatisch gestiegen.

Ihre Planung begann schon Anfang des Jahres: Die genaue Anzahl der einzuladenden Kinder wurde festgelegt (alle! Freunde), die selbstgemalten Einladungskarten (abstrakte Kunst!) von mir auf Befehl virtuell verschickt, außerdem wünschte sie sich „eine Piratenparty“. Na, toll. Mottopartys waren für mich bis dato das, was amerikanische Vorortkinder halt so feiern. Und vor allem etwas, das an ziemlich viel Aufwand denken lässt.

Das klingt nach Dreifachem Rittberger während des Spagats zwischen Job, Kindern, Männern, Haustieren, Yogaretreat und Technoparty. Was man halt so macht als Hauptstadtmutter.

Ich war noch nie auf einer Mottoparty, wenn man von der Sause beim Burgerclown zu Biancas Geburtstag in der zweiten Klasse mal absieht. Und mein Event-Highlight war besagte Parkplatz-Bonbonjagd. Piratenparty steht dazu im Gegensatz wie „Kinderbauernhof Kleinkleckersdorf“ zu „Disneyland Paris“.

Nun wollte ich mich ja nicht gleich als Spaßbremse etablieren (das wollte ich mir für die Pubertät aufsparen) und befragte das Internet in Sachen Piratenparty. Und siehe da: Piratenparty ist voll Mainstream! (Und hey: Ich kann froh sein, dass der „Frozen“-Kelch an mir vorübergegangen ist!)

Ich stellte fest, dass es für sämtliche Mottopartys alles erdenkliche Zubehör zu kaufen gibt. Und staunte, auf der Suche nach Piratengedöns, auf was man alles einen Totenkopf drucken kann. Auf alles nämlich. Als halbwegs nachhaltig denkender Mensch entschied ich mich gegen piratierten Kunststoffmüll und begab mich auf  Schatzsuche in die hilfsbereite Nachbarschaft.

Tatsächlich hatte ich binnen kürzester Zeit eine Truhe, ein paar Spielmünzen und billigen Modeschmuck zusammen, dazu ein Piratenkostüm in Größe 110. Das Ganze rundete ich mit einem sprechenden Plüschpapagei aus dem Internetshop ab. So weit, so gut.

Es ist nicht der Bundespresseball

Als das Datum näher rückte und meine Tochter mir mitteilte, dass eine Schatzuche ein unumgängliches Happening auf einer Piratenparty sei, plus der Gedanke an die Wettervorhersage (schlecht! zehn Kinder + jeweils zwei Eltern in meiner Wohnung = Platzangst!), kam ich kurz auf die Idee, das Ganze outzusourcen. Location, Organisation – bitte lös die Probleme doch jemand anders für mich!

Einer spontanen Surflaune am Abend (und der Panik) folgend, durchforstete ich erneut das Internet. Diesmal nach „Kindergeburtstage Berlin“. Heiliger Bimbam! Ich realisierte, dass die externe Planung und Durchführung von Geburtstagspartys anscheinend gang und gäbe ist und das Angebot mannigfaltig: Da werden Märchenprinzessinnen für Events vermietet, Schnitzeljagden durch die Stadt organisiert, schmeißen Clowns die Party, es wird geschminkt, durch die Prärie geritten, Forschungsstationen werden in Parks eröffnet und wer es dekadent mag, lässt sich in der pinkfarbenen Stretchlimo durch die Hauptstadt kutschieren (Kindersekt inklusive).

Vor meinem inneren Auge sah ich routinierte Eltern älterer Kinder nachsichtig lächeln. Ja, ich hätte es dann auch begriffen: Der Bonbonmann oder sowas Simples wie Topfschlagen, das alles zieht nicht mehr! Heutzutage muss eine ganze Showküche her, wenn ich auf der Party meiner Tochter was reißen will. Sonst sitzt sie in 20 Jahren beim Therapeuten und erzählt, dass es bei uns nur „Blinde Kuh“ gab, während bei anderen die gesamte Paw Patrol die Party bewacht hat und das Orchester von Feuerwehrmann Sam zum Tanz mit Anna und Elsa höchstpersönlich aufspielte.

Der Bonbonmann oder sowas Simples wie Topfschlagen, das alles zieht heute nicht mehr. Heutzutage muss eine Showküche her, wenn ich auf der Party meiner Tochter was reißen will

Aufgrund des bezirksbedingt gut situierten Umfeldes fand ich in Spielplatzgesprächen mit anderen Eltern nicht wirklich Trost. Im Gegenteil: Die Nachfrage, ob ich schon über den Inhalt der Goodie Bags für die Geburtstagsgäste nachgedacht hätte, spitzte meine angespannte Situation eher noch zu. Goodie Bags? Es ist der vierte Geburtstag meiner Tochter und nicht der Bundespresseball! Was wollt ihr denn noch? Austern? Oder darf’s noch ein bisschen Champagner zum Koks sein? Mannomann.

Als die Wettervorhersage dann plötzlich positive Aussichten vermeldete, stieg mit den Temperaturen auch meine Laune. Outsourcen, das war weder finanziell noch ideell wirklich eine Option für mich. Aber „hey, Piratenkram ist da, einen Schatz vergraben kann ich und ich muss ja nicht unbedingt im heimischen Garten feiern“, so dachte ich. Die Gefahr dabei nämlich: Ich muss die Wohnung aufräumen (so richtig mit Abstauben und so!). Kinder und Eltern wollen ja auch mal aufs Klo, ein Wasser holen, das Kinderzimmer angucken, den Computer gegen die Wand schmeißen und meine Unterhosen aus der Schublade und über den Kopf ziehen, was weiß ich. Die bleiben natürlich nicht artig im Garten sitzen und gehen dann wieder (ohne Goodie Bag).

Warum in die Ferne schweifen?

Ein paar liebevoll im Garten platzierte Ballons? Reicht nicht. Es kommt der Moment, in dem der Kindergeburtstag zum Happening für die Kleinen wird|Copyright: zettberlinx/xPhotocase photocase_2430568

Also: Locationwechsel. Wieder war mir das Internet eine gute Hilfe. Draußen Geburtstag feiern in und um Berlin, da geht einiges. Mir persönlich war gleich die ganz entzückende Waldschule im romantischen Briesetal eingefallen, die tatsächlich auch für Geburtstagsfeiern mietbar ist. Froschgequake und Knüppelkuchen am Lagerfeuer inklusive.

Doch im Gegensatz zu allen anderen Gästen der Party bin ich nicht motorisiert, damit fielen die schnuckelige Waldschule, der nostalgische Tierpark Germendorf sowie der Erdbeergigant Karl’s (mit Kartoffelsackrutsche! Bonbon-Land! Rattenküche!) weg. Auch die Insel in Lindow im Gudelacksee, auf der sich Gruppen exklusiv einmieten und den Geburtstag in Robinson-Crusoe-Manier fernab der Zivilisation zelebrieren können, ist ohne Auto ein fast unerreichbares Ziel. Doch warum in die Ferne schweifen? Das Ökowerk Grunewald bietet für Geburtstagsgäste eine Ananassuche für den König inklusive Gartenbau an! Auf dem Kinderbauernhof Pinke-Panke können sich Tierfreunde und Baumeister austoben! Die Domäne Dahlem lockt mit Traktorfahrt und Kreativwerkstatt! Im FEZ Berlin wird im Orbitall in den Weltraum gereist, auf der Ökoinsel ein Schatz gehoben und im Wald märchenhaft gefeiert! Und da das Programm ja schon steht (Piratenparty!), tut es dann nicht auch ein programmarmes, ästhetisches Ambiente?

Die Heiligenseer Baumberge zum Beispiel sind herrlich und verlocken mit ihren Formationen zu endlosem Hügelrunterrollvergnügen. Oder die Kiesgrube! Oder der Freizeitpark Lübars! Der Holzmarkt, die haben sogar ein Trampolin! Oder… der Waldspielplatz in Hermsdorf! Der idyllisch an einem Hang gelegene, liebevoll mit natürlichen Materialien gestaltete Spielplatz lässt sich gut mit den Öffentlichen erreichen. Er ist eine perfekte Mischung aus ungefährlichen Spielgeräten (keine Kletterspinne!) und pädagogisch wertvollen Naturspielmöglichkeiten. Blätterhaufen en masse, große Äste zum Hausbauen, Balancierstämme, Picknickhügel – alles da. Eintritt: null Euro.

Meine Tochter willigte begeistert ein, unter der Bedingung, dass sich im Wald dann ein Piratenschatz heben ließe und so enterten wir am Tag der Tage mit einem babylonischen Konstrukt aus getuppertern Picknickköstlichkeiten den dichten Tegeler Forst, auf zum Waldspielplatz nahe der Schulzendorfer Straße.

Die Sonne lachte, die Kinder auch und während Oma die Kinder singend und springend einmal im Kreis durch den Wald auf Schatzsuche mitnahm, vergrub ich die gefüllte Schatzkiste in einem Blätterberg neben den Schaukeltieren.

Der zuckerfreie, dinkelmehlige Kuchen schmeckte zwar leider genau so, wie das Rezept klang, aber hey, die Stimmung war super! Was sicher auch an dem sprechenden Plüschpapagei lag, der alles nachquatschte, was die Kinder so von sich gaben. In zehnfacher Lautstärke.

Das Fest ging moderate fünf Stunden, dann schielten alle Kinder, redeten wirres Zeug, Max biss Paula in den Arm, eine Ketchupflasche ging zu Bruch – die Party artete aus, wie sich das für eine gute Party eben gehört. Sandpaniert und blätterbehangen, beladen mit einer piratesken Geschenkeflut verließen wir den Wald. Zuhause sollte ich noch ein Puzzle und ein Piratenschiff zusammensetzen. „Kann nicht mehr. Bin game over.“

„Okay Mama. Dann morgen“, sagte meine Tochter. „Okay Mama, dann morgen“, quäkt der Papagei. Ich putzte ihm die Zähne, stellte meine Tochter ins Regal und wankte Richtung Sofa. Obwohl der optimistisch kaltgestellte Elternprosecco unangetastet blieb, kann ich mich an den Rest des Abends nicht mehr erinnern.

Aber so gehört sich das eben für eine richtig gute Party.

Wie feiern? Na so!