Was mich beschäftigt

Harzer Straße: Früher Zonenrandgebiet, jetzt Hipsterhochburg

Früher Grenzgebiet heute mittendrin: Die Harzer Straße. Foto: imago images/PEMAX
Früher Grenzgebiet heute mittendrin: Die Harzer Straße. Foto: imago images/PEMAX

Als ich 1988 in die Harzer Straße zog, war sie noch durch die Mauer geteilt. Auf der nordwestlichen Seite, die zu West-Berlin gehörte, dominierten elefantengraue 20er-Jahre Siedlungsbauten und die typischen gesichtslosen Neubauten des Nachkriegsaufbauprogramms. Auf der Ost-Berliner Seite herrschte bis zur Ecke Bouchéstraße der Einheitslook: vorne die Betonmauer, dahinter der KFZ-Graben und Kolonnenweg, Lichttrasse und Hinterlandmauer. Ab und zu kamen Freunde aus Westdeutschland, dem europäischen Ausland oder den USA vorbei, stiegen auf die Aussichtsplattform an der Ecke und wunderten sich über unsere Kaltschnäuzigkeit. Unsere kleine Familie, die 1990 durch eine Tochter erweitert wurde, drückte den Altersdurchschnitt der Gegend merklich: Wenn wir an der Haltestelle des 4er Busses standen, waren wir oft die einzigen, die ohne Gehhilfe unterwegs waren – Stichwort: Krückenfechten – und noch die eigenen Haare und Zähne hatten. Es war eine langweilige Gegend, direkt im Zonenrandgebiet, in der ich mich sauwohl fühlte. Dann fiel die Mauer.

Plötzlich konnte man den kleinen Stadtteil zwischen der Harzer und der Trasse der ehemaligen Berlin-Görlitzer Eisenbahn entdecken, der innerhalb Ost-Berlins noch einmal extra abgeriegelt war. Hier wohnten viele linientreue Wissenschaftler, aber eben auch Angehörige von Polizei, Militär und Geheimdienst. Auf dem asphaltierten Todesstreifen lernte meine Tochter laufen und später radfahren. Irgendwann waren die Disteln, deren Köpfe aussahen wie von einem andern Planeten, größer als sie. Wo heute die beiden Supermärkte stehen, konnte man im Boden noch die Gewölbe der weggesprengten Gebäude erkennen, hier ging ich immer mit dem Terrier Ball spielen.

Um die Jahrtausendwende herum begann man, den Todesstreifen zu bebauen, zuerst vorne an der Lohmühlenbrücke. Um die Brache Harzer- Ecke Bouchéstraße prozessierten die Erben des Geländes bis zum Europäischen Gerichtshof. In der Zwischenzeit trafen sich hier die Hundebesitzer der Gegend. Jedenfalls wenn nicht Kamele eines Wanderzirkus die Wiese vollkackten. Die Kollegin Constanze Suhr hat mit „Der Platz“ gerade ein Buch über diese Ecke und ihre Geschichte geschrieben. In den letzten Jahren ist auch dieser Ort bebaut worden.

Und so blieb nur noch die Brache zwischen Lohmühlen- und Onckenstraße übrig, ein komplett zugewachsener Ort, dessen efeuumrankte Bäume und Sträucher immer höher wurden, wo jede Menge Eichhörnchen lebten. Ging man an der Brache entlang, konnte man noch die Kellergitter erkennen, die beim Mauerbau zugeschüttet wurden. An einer Stelle sah man, dass der Bürgersteig hier früher zu einer Einfahrt abgesenkt gewesen war, direkt an der Mauerlinie stand noch ein einzelner Radabweiser, wie man sie von den typischen Berliner Einfahrten kennt. Letzte Relikte eines gelebten Lebens. Es gibt ein Foto aus der Zeit, als die Mauer nur ein Stacheldrahtzaun war, da sieht man, dass hier einst ein Gewerbehof war. Manchmal, wenn ich spät in einer warmen Sommernacht noch auf dem Balkon saß, hörte man brutale Katerkämpfe aus dem kleinen Dschungel, einmal fand ich den Kadaver einer Katze dort.

Seit letzter Woche ist der Ort eingezäunt, Büsche und Bäume sind gerodet, die Grabungsarbeiten beginnen. Ich bin kein Gegner von Veränderung und „Dschontrifizierung“. Ich bin – glaube ich – nur ein heimlicher Melancholiker.