FAMILIENVEREINIGUNG

Treffen der Generationen

Die Künstlersippe Thalbach-Besson ist eine Patchwork­familie, zu der auch ­Nach­­­kommen Brechts gehören. Alle zusammen lassen nun „Hase Hase“, die legen­däre Erfolgs­produktion des alten Schillertheaters, dortselbst wiederauferstehen

Text: Friedhelm Teicke

„Wir sind wie die Kelly Family”: Anna, Katharina und Nellie Thalbach (vorn), Philippe und Pierre Besson – Foto: Michael Petersohn

Irgendwie sind hier alle miteinander verwandt, im Stück wie in der Produktion, und sei es – wie im Fall der Brecht-­Enkelinnen Jenny und ­Johanna Schall – über irgendeinen Großcousin. Nun gut, jede sechste Familie in Deutschland ist inzwischen eine Patchwork-Familie, wie das Institut für Demoskopie errechnet hat. Insofern sind die Nachkommen des großen Regisseurs Benno Besson eigentlich gar nichts Besonderes.

Und doch ist der Clan um Katha­rina Thalbach (Tochter aus der Beziehung Bessons mit der Brecht-Schauspielerin Sabine Thalbach), ihren ebenfalls schauspielernden Halbbrüdern Pierre Besson (Spross aus der Ehe mit der Schauspielerin ­Ursula Karusseit), Philippe Besson (Sohn aus zweiter Ehe) sowie Nathanaël Serreau (aus der Beziehung mit der Regisseurin und Autorin ­Coline Serreau) einigermaßen ungewöhnlich. Eine deutsch-französische Küns­tlerfamilie, zu der noch Thalbachs Tochter Anna und ihre Enkelin Nelli zählen, wodurch auch noch die Blutsverwandtschaft zum Brecht-Clan besteht, da ein Neffe von Helene Weigel ­­Annas Vater ist.

Klingt kompliziert? Ist es aber gar nicht, denn immer läuft alles auf Benno Besson zurück, dem Schweizer Brecht-Schüler, der auf Einladung von Brecht himself in die DDR ging und in Ost-Berlin als Regisseur Theatergeschichte geschrieben hat. Schon vor der Wende lebte er bereits wieder in Frankreich, wo er 1986 das Stück „Lapin Lapin“ (zu deutsch „Hase Hase“) seiner damaligen Lebensgefährtin Coline Serreau (deren Filmkomödie „Drei Männer und ein Baby“ bereits ein internationaler Erfolg war) inszenierte.

1992 besorgte er dann auch die deutsche Erstaufführung (übersetzt von Tochter Marie Besson) – am Schillertheater. Das war nicht nur besonders, weil Bessons rasante Inszenierung der sozialkritischen Komödie ums Ehepaar Hase mit vier erwachsenen Kindern und einem Nachzügler namens Hase ein Repertoirerenner sondergleichen wurde. Sondern auch, weil Besson eigentlich nach der Wende nicht ausgerechnet in West-Berlin inszenieren wollte, Tochter ­Kathi überredete ihn.

Und es war bereits damals ein kleines Familientreffen: Thalbach spielte die Titelrolle, das überirdisch clevere Nesthäkchen Hase Hase, Bennos Ex-Gattin ­Ursula Karusseit die lebenstüchtige Mutter Hase, Anna Thalbach war als Kostümassistentin dabei, und auch Pierre Besson kam später als Ersatz für Kathis schulterverletzten Partner Markus Völlenklee ins Team.

Eine unbegreifliche Wunde

„Bis dann der Paukenschlag kam, dass dieses Theater geschlossen wird“, erinnert sich Katharina Thalbach. Die Erfolgs-Produktion stand noch in immer ausverkauften Vorstellungen auf dem Spielplan, als das Schillertheater 1993 dicht gemacht wurde. „Diese Senatsentscheidung ist bis heute eine unbegreifliche Wunde“, sagt Thalbach. „Umso mehr ist schon kurios, dass man erneut aus einem Theater raus mus – nun der Komödie am Ku’damm – und als Ausweichstätte ausgerechnet da unterkommt, wo wir damals rausgeschmissen wurden.“ Konsequenz: „Also haben Intendant Martin Woelf­fer und ich uns gesagt, dann machen wir doch da weiter, womit wir 1993 aufgehört hatten“, sagt sie schmunzelnd. „Wir sind wie die Kelly Family. Nach 30 Jahren kommen wir wieder zusammen.“

Mit Tochter, Enkelin und den Besson-­Brüdern stand sie schon im Gerhart-­Hauptmann-Stück „Roter Hahn im Biber­pelz“ auf der Bühne der Komödie am Ku’damm, doch nun bei der von Stück­autorin Coline Serreau inszenierten „Hase Hase“-Neuauflage ist so ziemlich jeder aus dem Besson-Thalbach-Clan dabei, der ir­gendwie kunstschaffend ist – also fast alle.

Dass Thalbach, die Familienälteste, dabei erneut die Titelrolle des gewitzten Nesthäckchens spielt und ihr Halbbruder Pierre die Rolle der Mutter, weist schon auf eine ungewöhnliche Neuperspektive der Regisseurin Serreau hin, die ihr Stück auch inhaltlich aktualisiert hat. „Damals gab es in der Linken eine gewissen Sympathie für Terrorismus, heute wird er eindeutig verurteilt”, sagt Coline Serreau. „Auch die Verschleierung, in Frankreich hochumstritten, ist nun ein Thema.“

Es wird bei aller Komik also kontrovers, aber letztlich bleibt hier ja alles in der Familie.

20.1., 18 Uhr (Premiere), bis 24.2. Di–Sa 20 Uhr, So 18 Uhr, 23. + 27.1., 16 Uhr, Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater, Bis­marckstr. 110, Charlottenburg. Regie: Coline Serreau; mit Katharina, Anna und Nellie Thal­bach, Pierre und Philippe Besson, Johanna Schall, Nathanaël Serreau u. a., Eintritt 13 – 47 €