Uraufführung

Hass-Triptychon

Ersan Mondtag verwandelt mit tollem Ensemble die Agonie des Mittelstands zu erstklassigem Opernstoff

Depressive Trolle um Bruno Cathomas (ganz rechts) – Foto: Arno Declair

„Dieses sogenannte Leben ist für die meisten ein Tinnitus, dessen Ursprung unklar ist.“ Die Hassmeisterin Sibylle Berg tritt einmal mehr als Analystin der spätkapitalistischen Gesellschaft auf. Sonntag ist Depressionstag, weil optimistischer Konsum und Arbeit, die beiden verbleibenden sinnstiftenden Tätigkeiten, nicht zur Verfügung stehen. Die Ansammlung verzweifelter Selbstaussagen über das öde Leben in einer gesichtslosen Stadt interpretiert Regisseur Ersan Mondtag als zeitgenössisches Libretto. Und macht daraus die erste Autobahnzubringer-Oper der Geschichte. Gute Idee!

Die „Therapie in drei Flügeln“ (Untertitel) wird auch deshalb schön, weil Mondtag um Bruno Cathomas ein starkes Ensemble stark entfremdet: Diese Kreaturen sind grün und lila geschminkt. Die Haare ihrer Perücken stehen zu Berge, die spitz auslaufenden Ohren seitlich ab, dass es eine Lust ist.

Entscheidend aber ist, dass die Trollmenschen mit ihrer in sich gekehrten Spielweise glaubwürdig einsam sind. Wie sie an ihrer sozialen Ohnmacht leiden, das kann nicht anders enden als in Wut und Hass. Die Kostüme, die Musicalbühne, die wunderbare Musik (Beni Brachtel), der innige Gesang (mit Benny Claessens als egomanischem Dompteur des anrührend depressiven Troll-Chors), all die artifiziellen Mittel heben das Geschehen empor. Selbstironische Bezüge zu Brecht/Weil sind inbegriffen. ANNA OPEL

6.+17.12., 19.30 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte. Regie: Ersan Mondtag; mit Bruno Cathomas, Abak Safaei-Rad u.a. Eintritt 10–34 €