Berlin

Hauptstadt der Schwänzer

Erst fehlen sie nur die eine oder andere Schulstunde unentschuldigt, dann erscheinen sie gar nicht mehr zum Unterricht: In keinem anderen Bundesland schwänzen Kinder und Jugendliche so viel wie in Berlin

Foto: Jenny Hasselbach

Mojo, 19, ist das, was man einen netten Teenager nennen würde. Kommunikativ, freundlich und hilfsbereit – so einer, das würde man auf Anhieb vermuten, dürfte im Leben wenig Schwierigkeiten haben. Aber Mojo, der eigentlich ­anders heißt, ist vor zwei Jahren ohne Abschluss von der Schule geflogen. Der Sohn einer Deutschen und eines Südafrikaners hatte erst aufgehört, seine Hausaufgaben zu erledigen, dann eine schlechte Note nach der anderen geschrieben, war in der neunten Klasse sitzen geblieben – und hatte schließlich immer öfter unentschuldigt gefehlt.

Schwänzen – das ist seit Jahren bekannt – ist in Berlin ein riesiges Problem. In der zweiten Hälfte des Schuljahres 2016/ 2017 lag die Quote der unentschuldigten Fehltage bei den Siebt- bis Zehntklässlern bei 2,7 Prozent. Insgesamt fehlten die knapp 100.000 Berliner Siebt- bis Zehntklässler 182.400 Tage unentschuldigt. 2.000 Schüler und Schülerinnen schwänzten mehr als 20 Tage. Obwohl die Zahl dieser Langzeitschwänzer in den letzten zwei Jahren um fünf Prozent abgenommen hat, sind das immer noch viel zu viele Schüler, die sich ins Abseits stellen – und sich um ihre Zukunftschancen bringen. Warum ist das so?

Schuldistanz, so lautet der Fachausdruck fürs Schwänzen, ist ein sensibles Thema. Und keines, mit dem die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und ­Familie gerne in die Öffentlichkeit prescht. Die jüngsten Zahlen zum Thema musste der Abgeordnete ­Joschka Langenbrinck (SPD) der Senatsverwaltung durch eine schriftliche Anfrage quasi aus den Rippen leiern. Eigentlich wollte man entsprechende Angaben nur noch einmal jährlich veröffentlichen. Im Zusammenhang mit dem ersten Schulhalbjahr – wenn noch nicht so viel geschwänzt wird. Dabei hatte das Abgeordnetenhaus 2014 das ­„Berliner Programm zur Vorbeugung und ­Bekämpfung von Schuldistanz“ beschlossen: Seit Ende 2014 müssen Eltern ihre Kinder bereits am ­ersten Tag telefonisch in der Schule entschuldigen, nach fünf ­unentschuldigten Fehltagen muss die Schule eine Schulversäumnisan­zeige beim Schulamt einreichen. Seit Anfang 2018 sollen sogar einzelne Fehlstunden gezählt werden: Ab 30 unentschuldigt gefehlten Stunden soll es ebenfalls eine Schulversäumnisanzeige geben.

Wie man durchs Hilfenetz fällt

Das Problem ist: „Es passiert durchaus, dass die Anzei­gen nicht angenommen werden“, erklärte Marion Kittelmann, Vize-Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VEB) kürzlich der „Berliner Morgenpost“. Der Grund sei die Unterbesetzung der Ämter. Zu oft aber wird in Schulen auch weggesehen – oder es ­werden schlecht gefälschte Unterschriften auf merkwürdig wortarmen „elterlichen“ ­Entschuldigungen akzeptiert.

Mojo jedenfalls hat in seiner Schulkarriere weder eine Schulversäumnisanzeige kassiert noch seine Eltern ein Bußgeld. Nur zum Elterngespräch wurde seine Mutter ab und an geladen. Dort versprach die eloquent auftretende Frau, dass sie die Fehlzeiten ihres Sohnes künftig verhindern werde. Was aber immer nur phasenweise geschah, etwa kurz nachdem Mojo eine „Ehrenrunde drehen“ musste. Für ein längerfristiges Engagement zugunsten ihres Sohnes fehlte der Mutter, die seit Jahren alkoholkrank war, einfach die Kraft. Zwar schaffte sie es nach außen hin, ihre Sucht zu verbergen.

Zuhause aber türmten sich die Probleme: Alleinerziehend und zwischen Arbeitslosigkeit und Hartz-IV schwankend fühlte sie sich von der Erziehungsarbeit völlig überfordert. Pünktlich zum Ende seiner zehn Pflichtschuljahre bekam Mojo dann den Verweis. Für die Schule, ein Charlottenburger Gymnasium, hatte sich der Fall damit erledigt.
In Berlin hat sich Mareike Bibow – selbst Lehrerin – inten­siv mit dem Thema Schuldistanz beschäftigt und für die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft den „Handlungsplan Schuldistanz“ erarbeitet, an dem sich Lehranstalten orientieren können, wenn Schüler nicht mehr regelmäßig in den Unterricht kommen. Schuldistanz, so steht da, könne sich bereits ankündigen, wenn Kinder im Unterricht „träumen, abschalten“, „sich nicht mehr ­beteiligen“ oder ihre Toiletten- oder Arztbesuche stets in die ­Unterrichtszeit verlegten.

In Berliner Klassen sitzen zwischen 25 und 35 Schüler. Kann ein Lehrer bemerken, wenn Schüler sich – wie es in dem Handlungsplan heißt – „auffällig oder unauffällig vom Unterricht abwenden“? Die Broschüren – dazu gehört auch ein Flyer für Eltern – erläutern zwar, wie Schuldistanz erkannt und wie dagegen vorgegangen werden kann. Doch die Umsetzung der Ratschläge ist Sache der Bezirke.

Wie umgehen mit Schwänzern?

In den Bezirken kümmern sich die Schulämter darum, Schulversäumnisanzeigen zu bearbeiten. Einige Bezirke setzen auf Bußgelder. Bis zu 2.500 Euro kann es Eltern kosten, wenn ihr Kind zu oft schwänzt. Im Schuljahr 2016/ 2017 gingen 8.133 Schulversäumnisanzeigen beim Schulamt ein, 863 Mal wurden Bußgelder verhängt. „Wir ­müssen immer wieder deutlich machen, dass der Schulbesuch ­keine ­unverbindliche Empfehlung ist“, sagt die Neuköllner ­Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Neukölln gehört mit 1.005 Schulversäumnisanzeigen und 447 verhängten Bußgeldern zu den Bezirken, die Schuldistanz am konsequentesten ahnden. Zwischen 50 und 300 Euro verlangt das Schulamt in der Regel – Ratenzahlung ist möglich.

Mit dieser Methode gilt Neukölln – trotz der hohen Fehlzeiten – als Vorzeige-Modell. Friedrichshain-Kreuzberg stellt zwar Schulversäumnisanzeigen (288) aus, lehnt aber Bußgeldverfahren bewusst ab. Stattdessen setzt man auf enge Zusammenarbeit mit den Eltern. Detlev Thietz, Leiter der Regionalen Schulaufsicht sagt: „Die Bußgelder sind für uns eine Möglichkeit, mit Eltern in Kontakt zu kommen, die vorher nicht auf Gesprächsangebote reagiert haben.“

Doch was passiert, wenn Schwänzer, aufgeschreckt durch die Schulversäumnisanzeige – oder gar ein Bußgeld – wieder in die Schule gehen? Wie findet jemand, der so viel Unterricht verpasst hat, wieder den Anschluss an den Schulstoff? Thietz sagt, dass es zur Aufarbeitung von Unter­richtsinhalten in den Schulen kein Konzept gibt: „Das müssen die Lehrkräfte individuell erarbeiten.“

Neben den Gelegenheits-Schwänzern gibt es aber auch die harten Fälle. Schüler, die zwar noch schulpflichtig sind, aber nicht mehr in die Schule gehen. Für die sind die sogenannten Schul-Projekte gedacht. Zwei bis drei Projekte gibt es pro Bezirk, mit jeweils zehn bis zwanzig Plätzen. „Die sind der Regel krachend voll“, sagt Detlev Thietz. „Aber wir bemühen uns, alle Schüler unterzubringen.“ Die Schul-Projekte heißen „MOVE – Projekt für Schuldistanzierte“. Hilfe bietet auch die Schulsozialarbeit „Pfefferwerk“. Sprechen will man dort aber eher nicht mit Journalisten – ZITTY bemühte sich jedenfalls vergeblich um einen Termin.

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie vermittelt schließlich einen Kontakt zum Projekt „Deine Stärken Aktivieren“ (DSA) im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Es gilt als Aushängeschild. Das DSA-Projekt ist für Schüler gemacht, die nicht mehr auf eine Regelschule gehen können. Etwa jemand wie Jonas*, der von mehreren Gymnasien geflogen ist und überall das Gefühl hatte, unerwünscht zu sein: „Sobald die meine Schulakte gelesen hatten, wollten die mich eh nicht mehr“, sagt der 16-Jährige und zieht einen Teebeutel aus seiner Tasse. So beginnt hier jeder Morgen: Die Schüler frühstücken im Klassenraum gemeinsam mit den Lehrern und erzählen. Das Frühstück findet in einer Ecke statt – dort, wo sonst der Lehrertisch steht. An den Wänden hängen Plakate in Kinderschrift, Kreidereste von der letzten Stunde schimmern an der Tafel. Es gibt Tee für die Schüler, Kaffee für die Lehrer, auf dem Tisch liegen Wurst, Butter und Käse, abgepacktes Brot in Scheiben.

Auch Anna* frühstückt mit. Sie hat, wie sie sagt, die Zustände in ihrer Brennpunktschule nicht mehr ausgehalten. Nachdem sie die Lehrer erfolglos um Hilfe gebeten habe, probierte sie, alleine zu Hause zu lernen. Ohne ­Schule. „Für die anderen in der Klasse war ich immer der Creep“, sagt sie. Sie erzählt, dass sie gemobbt wurde. Auch mit dem Unterrichtsstoff sei sie nicht zurecht gekommen: „Ich habe nichts verstanden. Dann muss ich auch nicht mehr kommen, habe ich gedacht.“ Und warum hat sie keine Hilfe bei den Lehrern gesucht? „Da habe ich gar nicht dran gedacht“, sagt sie und fügt hinzu: „Eine Lehrerin wollte ich mal fragen. Aber die war nie da.“

Ein Lehrer für zwei Schüler

Im DSA-Schulprojekt kümmern sich vier Lehrer um 16 Schüler, häufig sitzen sogar nur zwei Schüler ­gleichzeitig im Unterricht. „Wir holen die Schüler da ab, wo sie ­steckengeblieben sind“, sagt eine Lehrerin. Und ihre Kollegin ergänzt: „Wir haben die Möglichkeiten, auf jeden Einzelnen einzugehen. Ich kann jedem das Gefühl geben: Du bist wertvoll. Ich mag dich, ganz egal, was für Macken du hast.“ Möglich sei diese enge persönliche Beziehung durch die kleinen Klassen. Einmal in der Woche treffen sich Lehrer mit Schulpsychologen, um aktuelle ­Fälle zu besprechen.

Der Schulpsychologe Matthias Siebert im Interview

Im Fachjargon heißt der enge Kontakt zu Schülern ­„Bezugsarbeit“. Denn nur, wenn Lehrer eine Bindung zu den einzelnen Schülern entwickeln, bemerken sie rechtzeitig, wenn einer „verloren geht“. Beim DSA-Projekt bleiben die Schüler im Schnitt vier bis sechs Wochen, bis sie sich stabilisiert haben. Einige Schüler gehen anschließend auf eine Regelschule zurück, andere kommen etwa in Praxis­lerngruppen unter, die einen Fokus auf praktische und ­berufsbezogene Tätigkeiten haben.

Das letzte Netz

Der Weg in Schul-Projekte wie das DSA-Projekt führt über eine Schulhilfekonferenz. Sie ist so etwas wie der letzte Schritt der Senatsverwaltung. Nur, wenn alle anderen Maßnahmen – Gespräche, Schulversäumnisanzeige, Bußgelder – erfolglos waren, soll es so weit kommen. In der Schulhilfekonferenz treffen sich Lehrer, das Jugendamt, verschiedene Fachdienste und die Eltern des Schülers. Es ist ist das letzte Netz, das die Schüler auffängt, die sonst durch das System fallen.

Schülerverhalten wahrnehmen. Fehlzeiten notieren. ­Bezugsarbeit leisten. Schulversäumnisanzeigen schreiben: Es ist ein ganzer Haufen Arbeit, der auf den Schultern der Lehrer liegt, wenn es darum geht, Schuldistanz zu verhindern. Nuri Kiefer kann das bestätigen. Er ist Leiter der Grundstufe einer Charlottenburger Gemeinschaftsschule und hat zuvor an einer Brennpunktschule gearbeitet. Außerdem ­leitet er den Vorstandsbereich Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Dass die Senatsverwaltung die Regelungen gegen Schuldistanz verschärft hat, bedeutet für Nuri Kiefer vor allen Dingen eines: „Die Lehrer müssen nachsitzen.“ Es sei sehr aufwändig, herauszufinden, warum Schüler fehlten: „Und das ist zusätzliche Arbeit, für die keine zusätzliche Zeit vorgesehen ist.“ Besonders problematisch sei dies in Bezirken, in denen viele Schüler aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen. „Wenn ein Schüler fehlt, kann man sich darum kümmern“, sagt Kiefer. „Wenn aber fünf von meinen 25 Schülern nicht kommen – was mache ich dann?“

Einige Schulen scheinen wenig Interesse daran zu ­haben, Fehlzeiten zu dokumentieren: Viele Fehltage ­werfen ein schlechtes Licht auf die Einrichtung. Dabei muss man früh ansetzen, wenn man Schuldistanz verhindern will. Laut Kiefer fehlten nicht nur Lehrer, sondern auch Mitarbeiter im Jugendamt und in der Schulsozialarbeit.

„Sie werden wenig Schulen finden, in denen Schwänzen kein Thema ist“, sagt Michael Rudolph. Er leitet die Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau. Lange galt sie als Brennpunkt-Schule.Unter Rudolphs Anleitung verwandelte sie sich in das Vorzeige-Projekt des Bezirks. Rudolph setzt auf Strenge. Verspätet sich ein Kind, muss es fegen. Zu ­Unterrichtsbeginn läuft ein Schüler durch die Klassen und gibt die Namen der entschuldigten Schüler durch. Fehlt ­jemand unentschuldigt, ruft die Schule sofort bei den ­Eltern an. Passiert dies häufiger, werden Eltern und ­Schüler zum ­Gespräch geladen.

„Familie: wenig Kontrolle und Unterrstützung“, ­„materielle, soziale oder kulturelle Armut“ oder „Mangel an Sinn, Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit“: Die, laut „Handlungsplan Schuldistanz“, Risikofaktoren für Schuldistanz trafen auch auf Mojo zu. Er hätte eine Schule gebraucht, in der man Verantwortung für den Lernerfolg der Schüler übernimmt – und diese nicht, wie in Deutschland üblich, auf das Elternhaus abwälzt. Seit seinem Rausschmiss ist Mojo mal als ­Regaleinräumer in Supermärkten, mal als Tischabräumer in der Gastronomie tätig. Seine Zukunftsperspektive nun: dauerhaft ein „working poor“ zu werden.

*Namen von der Redaktion geändert