Esskultur

Hausmannskost wie aus Kindertagen

Sentimentaler Teller: Fischstäbchen im Lausebengel
Foto: Augusta Leigh

Oh, ist das süß: Ein neuer kulinarischer Trend feiert die Leibgerichte unserer kollektiven Kindheit. Wir schmecken da auch eine Portion Eskapismus

Lausebengel. Schon dieser Restaurantname spricht ja eigentlich Bände. Und dieser zugegeben unheimlich leckere Teller erzählt noch einmal sehr viel mehr: Im Lausebengel, einer Bierkneipe, die das Wort Bierkneipe immer auch als liebevoll-ironisches Zitat verstanden haben will, gibt es also Fischstäbchen mit Kartoffelsalat und Erbsen. Hausgemachte Fischstäbchen vom zertifizierten Kabeljau, die kross und sehr, sehr lecker sind. Vor allem aber ist das ein Teller voller Erinnerungen. Damals, als das Fernsehen noch nur drei Programme hatte, man sich über das neue Familienauto noch aufrichtig freuen durfte und die Tiefkühltruhe plötzlich zum Inventar eigentlich jedes Lebensentwurfs geworden war. Darin lagen: Fischstäbchen.

Und der Lausebengel in der Kreuzberger Grimmstraße ist mit seiner Rückbesinnung auf die – in diesem Fall vor allem Berliner – Küche der Nachkriegsmoderne nicht alleine. In der Oranienstraße etwa führen die in der Sternegastronomie sozialisierten Köche Kajo Hiesl und Vladislav Gachyn das Goldies – eine Pommesbude deluxe, in der die frittierten Kartoffelstäbchen schon mal betrüffelt oder mit einer lange gesottenen, sehr guten Bolognese garniert werden. Vor allem aber, so Hiesl, „sollen unsere Pommes so schmecken wie früher im Freibad, nur halt viel, viel geiler.“

Freibadfritten: Goldies in der Oranienstraße
Foto: F. Anthea Schaap

Beides können wir bestätigen. Und auch, dass in der Gipsstraße in Mitte das mit reichlicher medialer Aufmerksamkeit gestartete Kebab with Attitude noch lange nicht beim besten Döner der Stadt angekommen ist. Das Konzept der drei ehemaligen Vapiano-Mitarbeiter lautet aber auch hier: Man nehme ein Lieblingsgericht einer ganzen Epoche und lade es mit einer gehörigen Portion Popkultur auf. Und mit etwas mehr Geschmack.

Apropos Geschmack: Wie wir ja alle noch aus unserer Kindheit wissen, schmeckte die vor allem süß. So auch die Currywurst im Lausebengel, die dennoch eine der besten der Stadt ist. Und auch die Konjunktur der asiatischen Küchen hat mindestens unter anderem mit deren Überangebot an Geschmackseindrücken zu tun. Wo unsere Aufmerksamkeitsspannen immer knapper werden, muss eben auch ein Abendessen bereits auf den ersten Bissen erzählen, was es will.

Und so ist diese neue Berliner Kulinarik, wenn schon kein Protest, so doch ein Kommentar zur Konjunktur des feineren, ökologischeren Essen. Soulfood heißt die herzlich-herzhafte Südstaatenküche in den USA. Im übertragenen Sinne passt das ja auch auf Fischstäbchen mit Kartoffelsalat.

Lausebengel, Grimmstr. 21, Kreuzberg, www.lausebengelberlin.de
Golides, Oranienstr. 6, Kreuzberg, www.goldies-berlin.de
Kebab with Attitude, Gipsstr 2, Mitte, www.eatkwa.de