Fotografie

Heidi Speckers Generation

Die Berliner Künstlerin zeigt Porträts von Gärten – und erstmals auch von ihren Freunden

Zwei Werkgruppen, eine neue und eine ­ältere, zeigt die Fotokünstlerin Heidi Specker in der Berlinischen Galerie. Die ältere Serie „Im Garten“ befindet sich in der Sammlung des Museums. „Heidi Specker war also einfach mal dran“, sagt Ulrich Domröse, Fotokurator der Berlinischen.

Heide Specker, fotografiert von Arun Sarin
Heide Specker, fotografiert von Arun Sarin

„Im Garten“ zeigt nicht gerade das, was landläufig als Garten gilt: Pflanzen kommen auf vielen der farbigen Aufnahmen gar nicht vor. Vielmehr sind es meistens Gebäude,  genauer: Teile von Fassaden in Beton oder mit Putz, vor denen sich ab und an Baumstämme, Zweige und Äste finden. Der Titel bezeichnet weder die Gebäude noch den Ort näher. Manchmal gelingt es, Ecken zu erkennen: die Gedächtniskirche am Ku’damm etwa oder ein Gebäude aus dem Hansaviertel.
Bezeichnend sind die Objekte in anderer Hinsicht: Es handelt sich durchweg um Architekturen der Nachkriegsmoderne, ­Gebäude, die ungefähr der gleichen Generation angehören wie Heidi Specker. Moderne war für jemanden, der 1962 in einer Kate auf dem Dorf in der niedersächsischen Provinz aufgewachsen ist, ein großes Wort, ja eine Verheißung. Moderne bedeutete für Heidi Specker so etwas wie Befreiung. Es ist  kein Zufall, dass das Gesicht der Großstadt das Thema ihrer Fotografie wurde.
Nach dem Studium an der Fachhochschule Bielefeld und dem Meisterschülertitel an der Hochschule in Leipzig hatte sie mit den „Speckergruppen“ 1995/96 ihren Durchbruch. Auch hier ging es um moderne Gebäudetypen, die allerdings digital bearbeitet wie angeschmolzen aussehen oder wie Sinnbilder der großstädtischen Verheißung im Morgengrauen nach einer Techno-Nacht. Specker bekam dafür den begehrten Preis der Leasing AG.  Das Buch mit der „Garten“-Serie erhielt sogar den Deutschen Fotopreis. Seit 2006 lehrt Specker an der Hochschule in Leipzig als Professorin.

Ein Porträt des Porträts

Trotzdem geht es in der neuen Serie „IN FRONT OF“ um das „künstlerische Prekariat“, wie Specker sagt. Die 2015 entstandenen, teils schwarzweißen Porträts zeigen Menschen ungefähr in Speckers Alter. Gerade die Schwarzweiß-Fotos jedoch könnten auch vor 50 oder 30 Jahren aufgenommen sein. Weder das Setting mit neutralem Hintergrund und einfacher Blitzanlage noch die modisch unbestimmte Kleidung lassen eine eindeutige Datierung zu. Specker hat mit diesen Personen erneut eine Chiffre abgelichtet: Es geht um eine dem Anschein nach ziemlich aus der Zeit gefallene Generation, die gleich zwei Epochenbrüche erfahren musste: das Ende der verheißungsvollen Moderne, den Anbruch des ‚Anything goes‘ der Postmoderne und die Revolution aller Lebensverhältnisse durch das Digitale.
Aber Speckers erste Porträtserie ist auch eine über das Porträt selbst. Es finden sich darin mehr oder weniger explizite Referenzen und Zita­te aus der Kunst- und Fotogeschichte. Damit zeigt Specker noch einmal, dass ihre Generation nur rekapitulieren kann, was war, und bestenfalls noch fragt, was bleiben darf. Denn, so Speckers dann doch eher versöhnliche Sicht: „Geschichte ist eher ein Schatz als eine Last“.

11.3.–11.7.: Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 8/erm. 5 €, 1. Mo/Monat 4 €, bis 18 J. frei