DRAMA

heiner 1 – 4

Heiner Müller wäre im Januar 90 Jahre alt geworden, das BE würdigt seinen ehemaligen Intendanten mit einer zwiespältigen Uraufführung.

Fünf Personen suchen einen Autor: Veit Schubert, Carina Zichner, Kathrin Wehlisch, Felix Rech und (unten) Bardo Böhlefeld – Foto: Matthias Horn

Zu seiner erfolgreichsten Zeit gab es bis zu 300 (!) Inszenierungen seiner Stücke in einem Jahr, der Mann mit der schwarzkantigen Brille war ständiger Talkshowgast, ein zynisch-intelligente Pointen heraussprudelnder Interviewpartner: Heiner Müller ist schon zu Lebzeiten zum Mythos geworden. Er war der bekannteste Dramatiker des untergegangenen SED-Staats, an dem er sich immer produktiv gerieben hat. Und auch nach dem Mauerfall ­spielte kaum ein Theatermann eine öffentlich kritische Rolle wie er. Germanistikdoktoranten haben sich an Müllers Dramen die Zähne ausgebissen.

Das Berliner Ensemble, an dem Müller von 1992 bis zu seinem Krebstod 1995 Intendant war und dessen Brecht-Inszenierung „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ bis heute, also seit fast einem Vierteljahrhundert, immer noch ein Repertoire-Renner ist, macht ihrem zweiten Säulenheiligen neben Brecht zum 90. Geburtstag mit der als Hommage gedachte Uraufführung „heiner 1–4 (engel fliegend, abgelauscht)“ ein ambivalentes Geschenk. Mit seinem dramatischen Werk hat diese Aufführung kaum etwas zu tun.

Ausgangspunkt für Fritz Katers Stück ist die letzte Ehe Müllers mit der sehr viel jüngeren Fotografin Brigitte Maria Mayer. Der Text, der sich auf intime Einzelheiten stürzt, ist naive Soap – älterer, berühmter Dichter trifft eine junge Frau, man verliebt sich, heiratet und zeugt ein Kind –, dies macht den Hauptteil der Aufführung aus. Das wird dem Autor von bis heute lesenswerten Stücken wie die „Hamletmaschine“ oder „Bildbeschreibung“ alles andere als gerecht.

Regisseur Lars-Ole Walburg hat noch das denkbar Beste aus dem schlichten Text hervorgezaubert. Die Darsteller in schwarz tragen Heiner-Müller-Brillen, trinken Whiskey und rauchen die obligatorische Zigarre. Eine symbolische Szenerie, der Dichter am Schreibtisch, dem ein Bein abbricht, verweist auf Müllers Schreibblockade nach der Wende. Video-Projektionen verdoppeln das Spiel, deuten Müllers hoch fiktive Theaterwelt an. Ein Gazevorhang lässt die Spieler plötzlich ganz entfernt erscheinen. Eine durchaus interessant verrätselte Kunstwelt – aber auch nicht mehr.

Weniger spannend sind die Insidergags, wie die groteske Szene aus dem Intendantenbüro des BE: Martin (Wuttke) ruft an, er will inszenieren, Leander (Haussmann) ruft an, er will auch inszenieren. Die dünne Textcollage gefällt sich in Anekdoten, man sollte doch besser Heiner Müllers Texte lesen – und inszenieren. AXEL SCHALK

16.2., 20 Uhr, 17.2., 18 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-­Brecht-Platz 1, Mitte. Regie: Lars-Ole Walburg; mit Bardo Böhlefeld, Felix Rech, Veit Schubert, Katharina Wehlisch, Carina Zichner. Eintritt 22 – 29 €