Festival

Tanz im August

Starglanz, Neuentdeckungen und Gesellschaftsbrisanz: Tanz im August zelebriert seine 30. Ausgabe mit einem prallen Festivalpaket, samt Robotern, Neuro-Enhancern sowie blitzschnell knickenden Gliedern

Mit „INOAH“ geben Bruno Beltrão und seine Grupo de Rua eine Streetdance-Antwort auf Korruption im Heimatland Brasilien – Foto: Kerstin Behrendt

Text: Annett Jaensch

Was haben Beethoven und Bodygadgets miteinander zu tun? Wenig, mag man meinen. Doch genau ein solches Bad der Kontraste wird Tanz im August mit dem Festivalauftakt seiner Jubiläumsausgabe bieten. Opulent startet der Abend im Haus der Berliner Festspiele: Das Ballet de l’Opéra de Lyon tanzt sich mit „Trois Grandes Fugues“ durch die Variationen von drei Star-Choreografinnen. Die Annäherung an Beethovens Große Fuge für Streichquartett, so divers wie eigenwillig: eine geometrische Spielwiese des Minimalismus bei Lucinda Childs, Ikone des amerikanischen Postmodern Dance. Eine dynamische Anverwandlung bei Anne Teresa de Keersmaeker, der Grande Dame des belgischen Tanzes. Auf den puren, emotionalen Kern heruntergebrochen bei Maguy Marin, die für das französische Tanztheater steht wie keine andere.

Danach öffnet sich eine Ebene tiefer, in der Unterbühne, ein ganz anderes Universum der Körperlichkeit. Das junge Performance-Kollektiv The Agency katapultiert das Publikum mit „Medusa Bionic Rise“ in einen hochaktuellen Themenraum: Wo verortet sich der Körper im post-digitalen Zeitalter? Wie weit reicht das Transhumane bereits? Die in Berlin und München ansässige Theatergruppe wirft dafür ihre Selbstoptimierungsmaschinerie an. Die begnügt sich längst nicht mit schnödem Fitnesskult, sondern hantiert mit Neuro-Enhancern und mechanischen Körperergänzungen.

„Die junge Generation verhandelt diese neuen Identitätsfragen an vorderster Front, denn sie lebt diese Realität bereits“, sagt die künstlerische Festival-Leiterin Virve Sutinen über das immersive Format. Auffällig viel Gesellschaftsbrisanz steckte bereits in den letzten zwei Festivalausgaben. „Wir bleiben auch in unserer Jubiläumsausgabe dezidiert politisch“, betont Sutinen, gebürtige Finnin, die 2014 das Ruder von Tanz im August übernahm.

Geschlechterverhältnisse, gesellschaftliche Utopien, Migration, der Umgang mit Multikulturalität – eine Reihe von Arbeiten, die diese Fragen umkreisen, lassen sich im Programmpaket entdecken. Und das ist, wie es sich für einen runden Geburtstag gehört, in diesem Jahr besonders prall gefüllt: 30 Produktionen, darunter vier Uraufführungen und 16 Deutschlandpremieren. Über 200 Künstler und Künstlerinnen aus 18 Ländern treten an elf Spielstätten auf.

Zusätzliche Mittel sorgen dafür, dass Tanz im August in diesem Jahr besonders hohe Sprünge machen kann: Der Hauptstadtkulturfonds fördert das Festival seit diesem Jahr mit 750.000 Euro jährlich. In die 30. Ausgabe flossen zusätzliche 100.000 Euro.

Am Potsdamer Platz wird ein spektakuläres Draußen-und-umsonst-Event dank einer Extraförderung aus der Lottostiftung zu erleben sein: das Gastspiel von Streb Ex­treme Action. Der Name ist Programm bei dem Ensemble um die Choreografin Elizabeth Streb. Denn die New Yorker bringen ihre eigene Bühnenarchitektur mit: bewegliche Metallkolosse, mit denen die Performer die Schwerkraft herausfordern.

In der Weltstar-Liga des Tanzes rangiert ohne Frage Wayne Mc­Gregor ganz weit vorn. Der Brite, Jahrgang 1970, gilt als choreografischer Querdenker, der seine Fühler auch gern in tanzferne Richtungen ausstreckt, wie zu Projekten der Hirnforschung. Für seinen ersten Abstecher nach Berlin hat er das Stück „Autobiography“ im Gepäck, Teil eines Zyklus zum menschlichen Körper als Archiv. Der Titel ist auf besondere Art wörtlich zu nehmen. Wie auf der Bühne Bewegung, Licht und Klang zu einer abstrakt-hypnotischen Collage zusammenfließen, wird von einem Algorithmus bestimmt, der wiederum auf der entschlüsselten DNA von McGregor beruht.

Das Ballet de l’Opéra de Lyon tanzt sich mit „Trois Grandes Fugues“ durch die Variationen dreier Star-Choreografinnen – Foto: Bertrand Stofleth

Visuelles Aufputschmittel

Wer ein Faible für surreale Theaterwelten hat, sollte die Produktion von La Veronal nicht verpassen. Der spanische Choreograf Marcos Morau, der vor einigen Jahren mit seinem narrativen Stil zum Shooting-Star avanciert war, wirft auch im Stück „Pasionaria“ die Bilderzentrifuge an. Acht Tänzer und Tänzerinnen schickt er dieses Mal als Mensch-Maschinen in ein filmisch wirkendes Szenario. Eine dunkel-irritierende Vision unserer digitalen Zukunft voller künstlicher Intelligenzen. Wie ein visuelles Aufputschmittel setzt die Formation aus Barcelona ihre eigenwillige Tanzsprache ein. Blitzschnell knickende Glieder, verdrehte Torsi – Kernelemente von Kova, wie sie ihren Bewegungscode nennen – wirken wie in fluiden Tanz gegossene Körperbilder des Kubismus.

Auch in diesem Jahr wieder wichtig: weibliche Stimmen. Die türkische Choreografin Aydin Teker etwa thematisiert in „Hallo!“ das Scheitern der Gezi-Proteste 2013 in Istanbul. Die Choreografin Silvia Gribaudi aus Italien wiederum serviert in der One-Woman-Show „R.osa“ zehn Übungen in Virtuosität, die gängige Körperbilder torpedieren. Nicht nur für thematische Rundumschläge ist Tanz im August immer zu haben, sondern auch für das Eintauchen in die verschiedensten Strömungen und Stile der zeitgenössischen Szene. So bringt der Choreograf Nick Power in seinem Projekt zwei Performer zusammen, die ihre kulturellen Perspektiven in die Arena des B-Boying werfen. Erak Mith aus Kambodscha lässt Elemente traditioneller Khmer-Tänze aufblitzen, wenn er und Aaron Lim aus dem australischen Darwin in einem energetischen Hip-Hop-Duell aufeinandertreffen.

80 Vorstellungen an 21 Tagen: Viel Großformatiges ist zu erleben wie „INOAH“, mit dem Bruno Beltrão und seine Grupo de Rua eine Streetdance-Antwort auf Korruption im Heimatland Brasilien geben; ein Blick in den Arbeitskosmos der Berliner Szene, darunter neue Stücke von Constanza Macras und Isabelle Schad; Talk- und Begleitformate, die in diesem Jahr auch die MeToo-Debatte im Tanz thematisieren. Ein wahres Highlight wartet am Ende: Die Erinnerung an die große Pina Bausch weht durch das Programm, wenn das Tanztheater Wuppertal sein „Neues Stück II“ in der Choreografie von Alan Lucien Øyen präsentiert. Auf in die nächsten Tanzdekaden!

10.8.–2.9.2018, HAU 1–3 und 8 andere Orte, Details auf http://www.tanzimaugust.de

 

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