INTERVIEW

»Es muss knallen für mich«

Der Regisseur Herbert Fritsch über seinen Wechsel von der Volks- an die Schaubühne, seine Einstandsinszenierung „Zeppelin“ und das Geheimnis seines Erfolgs

Das Bühnenbild eines Zeppellin-Gerippes hat Herbert Fritsch wie stets selbst entworfen – mithilfe eines Architektur-Computerprogramms – Probenfoto: Thomas Aurin

Interview: Friedhelm Teicke

Herr Fritsch, von der Volksbühne frisch an die Schaubühne eröffnen Sie dort gleich die Spielzeit. Beim Abschiedsfest der alten Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz waren Sie aber nicht dabei. Wieso?

Ich war in Oberhausen beim Abschied von Intendant Peter Carp. Das war mir sehr wichtig, denn dort habe ich ja als Regisseur angefangen. Und Volksbühne … ach, die letzte Vorstellung von „Pfusch“ war für mich schon so schmerzhaft, dass ich dachte, nee, da will ich jetzt nicht mehr hin. Volksbühne – das ist zu Ende, dem nachzutrauern bringt gar nichts. Die ganze Geschichte tut weh, mein Ensemble ist zerschlagen.

Einen Teil davon, sechs Schauspieler, haben Sie immerhin mit an die Schaubühne nehmen können.

Sogar sieben, wofür ich Thomas Ostermeier sehr dankbar bin. Das sind alles beste Bedingungen. Mir gefällt dazu, dass man hier eng mit den eigenen Werkstätten verbunden ist, das war schon so schön an der Volksbühne. Da finde ich übrigens zwischen Schau- und Volksbühne interessante Parallelen, andere Theater wie das BE haben gar keine eigenen Werkstätten mehr. Die Schaubühne war für mich aber auch ein sehr wichtiges und prägendes Haus, etwa die frühe Zeit mit Bob Wilson. Deshalb freue ich mich, dass Thomas mich hierher geholt hat. Und „meine“ Schauspieler sind ja durchaus ein Gewinn fürs ganze Haus, sie werden auch in anderen Produktionen spielen.

Wer bei Ihnen mitspielt, muss fit sein. Sie fordern Ihr Ensemble auch körperlich sehr, wie Tänzer eigentlich.

Für mich hat das auch sehr viel mit Tanz zu tun, und mit Gesang und Musik, die bei allen meinen Arbeiten die Grundlage ist, der Teppich, auf dem alles abläuft.

Ihren Einstand an der Schaubühne geben Sie nun mit Texten aus dem Nachlass von Ödön von Horváth. Was reizt Sie an diesem Autor?

Es ist eine Herausforderung. Mich begeistern Herausforderungen. Etwa bei „Spanische Fliege“ …

… die Inszenierung, mit der Sie 2011 als Regisseur zurück an die Volksbühne gekommen sind.

… da hat mich gereizt, ein Boulevardstück so gegen den Strich hochzukochen und so zu überdrehen, das es wieder etwas anderes erzählt. Ich habe mich früher viel mit Horváth beschäftigt. Die Art, wie er immer gemacht wird, hat sehr viel Ähnliches, übrigens genau wie bei Tschechow. Diesen Stoff plötzlich total mit einer wuchtigen Schraube ganz woanders hin verzerren, in etwas ganz anderes einbetten, das reizt mich. Deshalb ist es gerade interessant, dass es fragmentarische Texte aus dem Nachlass sind. Die sind für mich lediglich ein Sprungbett für etwas ganz Anderes. Es sind Szenenvariationen, es gibt Wiederholungen, und damit will ich spielen. Wiederholung ist etwas, dass mich am Theater sehr interessiert. Ich bin keiner, der unbedingt dem Dichter gerecht werden will.

Sondern?

Mich interessieren Texte als Material, sie sind für mich Musik. Mir gefällt Horváths artifizielle Dialogsprache, er hat wunderbare Sätze – und ich suche natürlich Sätze, mit denen ich mich ins Schweigen katapultieren kann. Einen Satz sagen, um dann fünf Minuten vielsagend nichts zu sagen, damit zwischen diesen Sätzen etwas passieren kann. Diese Zwischenräume interessieren!

Von der Volks- an die Schaubühne: Herbert Fritsch, 66 – Foto: Thomas Aurin

Sie setzen Ihre Spieler meist nicht unbedingt als Charaktere sondern als Typen ein, als Körperartisten und oft durch Masken entindividualisiert.

Ich bestehe schon darauf, dass die Schauspieler bei mir starke Individuen sind, interessante Charaktere, weil sie einen Stil behaupten können, der nicht so selbstverständlich ist am Theater. Auch die Art wie gesprochen wird, die Art wie man körperlich mit einer Gestalt umgeht, das sind alles riskante Unternehmen. Es sind Spieler, die sich auf der Bühne Sachen trauen und zumuten, die nicht jeder Schauspieler ohne weiteres machen kann. Es gibt natürlich durch die oft sehr vielen Ensembleszenen diese Gefahr einer Entindividualisierung. Doch wenn man genau guckt, sieht man schon, dass da jeder sein eigener Charakter ist. Das sind extrem konzentrierte Schauspieler, die sich trotz Masken auch überhaupt nicht entindividualisiert fühlen, sondern davon überzeugt sind, dass sie gemeint sind, mit dem was sie da tun. Meine Arbeit hat sehr viel mit Training zu tun, nicht skizziert sondern immer ganz durchgebaut und extrem formbetont.

Ihr Theater ist gleichzeitig Musik- und Tanztheater, es ist Komödie, Clownsstück, Akrobatik, es enthält unglaublich viele Komponenten. Liegt in dieser Vielfalt das Geheimnis Ihres Erfolges?

Warum ich diesen Erfolg hab, kann ich mir überhaupt nicht erklären. Ich mach einfach nur das, worauf ich Lust habe. Ich weiß auch nicht, was mein Geheimnis ist. Seit ich einigermaßen bewusst bin, suche ich dahinterzukommen, was das mit mir so ist (lacht). Ich bin sehr glücklich darüber, dass es so stark angenommen wird, was ich in meinem Theater so zusammenträume und -phantasiere. Ich versuche, Theater so zu machen, wie sich Klein-Fritzchen Theater vorstellt, verkleiden und ganz bewusst spielen, mit falschen Tönen und dass Sprechen auch ein Singsang sein kann. Alles was man normalerweise nicht auf der Bühne machen soll, gerade das interessiert mich am meisten.

Und Sie sind dabei im Bühnen- und Kostümbild oft sehr bunt.

Farben sind sehr wichtig für mich. Ich hatte die Nase voll von dem braun-grauen Farbspektrum, das so allgemein auf den Bühnen herrscht. Ich finde, Theater muss eine eigene Welt sein und die braucht Farbe. In der Malerei hat man überhaupt kein Problem mit grellen Farben. Im Theater ist es aber anscheinend so ein Schock, dass da grelle Farben sind und vor allem diese Grundfarben, dass immer von „Quietschbunt“ geschrieben wird, nicht bunt sondern „quietschbunt“. Es gibt ja dieses berühmte Bild von Barnett Newman „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue?“ – das ist diese Angst vor der Farbe, weil Farbe eine Entscheidung verlangt: Ich will das jetzt so gelb! Das knallt. Und es muss knallen für mich.

Farbe behaupten, Typen behaupten, die sich etwas trauen – dafür steht Ihr Theater. Es gibt Leute, die das inzwischen für eine Masche halten.

Ach Gott, da sind die mir also endlich auf die Schliche gekommen, dass ich der Einzige bin, der eine Masche hat! (lacht) Naja, was mir mitunter vorgeworfen wird, diese Oberflächlichkeit, ist doch auch nur ein Klischee. Ich glaube hingegen, dass ein Grinsen viel tiefer gehen kann als wenn jemand mit ernstem, bedeutungsheischendem Blick in den Zuschauerraum guckt. Ich suche und gehe andere Spuren, auch auf die Gefahr hin, dass es verkrampft rüber kommt. Krampf ist viel aufregender als diese ewige Lockerheit, die wir überall erleben. Im Fernsehen gibt es nur lockere Menschen, die alle wahnsinnig eloquent sind und bis zum Umfallen quatschen können – das interessiert mich nicht. Verklemmte, gehemmte Leute sind für mich die spannendsten Figuren.

So wie die Horváth-Figuren? Sie zitieren ja aus einem Horvárth-Stück den Satz „Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nie dazu.“ Ein merkwürdig komischer Satz, der aber eine unglaubliche Tiefe offenlegt.

Unsinn mit Tiefe, genau. Mir gefällt die Verzerrung, auch die Verzerrung dieser Figuren, wie sie eigentlich von Horvárth gemeint sind, und sie ganz woanders hinzuzerren. Aber dass es trotzdem stimmt. Ich brauche nicht die Orte und Schauplätze, die da von ihm vorgegeben sind, sondern ich setze das alles in meinen Zeppelin rein. Wollen wir mal sehen, was dann passiert.

Sind Sie eigentlich auch ganz anders, aber kommen nicht dazu?

Ich weiß nicht was ich bin. Es manifestiert sich durch das, was ich tue. Da wundere ich mich mitunter über manches, was ich tue, wo ich mich später frage, wie hab ich jetzt das gemacht? Ich spiele sehr gerne. Etwa dass ich plötzlich auch Bühnenbildner geworden bin – wenn mir das jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, hätte ich gesagt, spinnst Du, niemals!

19.9., 20 Uhr (Premiere), 20.-23.9., 25.-27.9., 20 Uhr, 30.9., 20.30 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Regie: Herbert Fritsch; mit Florian Anderer, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Alina Stiegler, Axel Wandtke. Eintritt 7–48, erm. 9 €