Berliner Herbstsalon

Das verhexte Europa

Der „4. Herbstsalon“ gibt auch Theaterpremieren eine Heimat – unter anderem Stücken von Yael Ronen und Marta Górnicka

Text: Friedhelm Teicke

Dass mit dem Gorki ausgerechnet ein Theater alle zwei Jahre mit einem politischen Festival von Werken Bildender Kunst in die neue Saison startet: An den Coup seiner Intendantin Shermin Langhoff hat man sich inzwischen gewöhnt. Somit macht das Gorki in der vierten Ausgabe des „Berliner Herbstsalons“ etwas völlig Ungewöhnliches: Es präsentiert nicht nur den Ausstellungsparcours samt Konferenz und Debatten, sondern auch – Thea­ter. Gleich zwei Uraufführungen, drei Berliner Premieren und drei Gastspiele werden gezeigt.

Foto: David Baltzer / bildbuehne.de
Das Chorstück „Jedem das Seine“ von Marta Górnicka soll weibliche Körper von nationalistischem Missbrauch befreien – Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Hieß beim vorigen Mal das kämpferische Motto „Desinte­griert Euch!“, wird mit „De-Heimatize It!“ nun der vieldeutige, gern ausgrenzend benutzte Heimatbegriff radikal angegangen. Um Rassismus, Sexismus und Nationalismus und der missbrauchenden Instrumentalisierung des weiblichen Körpers in den weltweit wiedererstarkten rechtspopulistischen Zumutungen geht es in „Jedem das Seine“ (26.+27.10.) von der polnischen Regisseurin und Sängerin Marta Górnicka, die im vergangenen Jahr bei der Feier zur Deutschen Einheit das Grundgesetz als integratives Chorstück fulminant inszeniert hatte.

Yael Ronen nimmt sich in „Rewitching Europe“ (1.-3. + 11.11.) das Phänomen der Hexenjagd in Deutschland in der frühen Neuzeit vor und untersucht das Potenzial unleidlicher und heilkundiger Frauen zur Überwindung von Patriarchat und Neoliberalismus. Wie oft bei Ronen wird das sicher ein auch musikalisch hochkarätiger Abend mit Wumms.

Das ehemalige Gorki-Ensemblemitglied Marina Frenk bringt in „Valeska Gert – The Animal Show“ (1.11.) tanzend und erzählend die dadaistische Extremtänzerin der Berliner 20er-Jahre zurück auf die Bühne. In „Hass-Triptychon. Wege aus der Krise“ (17.+18.11.) erkunden Sibylle Berg und Regisseur Ersan Mondtag mit dem wunderbaren Benny Claessens die Welt der im Internet wieder reichlich vorhandenen Trolle.

4.Berliner Herbstsalon, 26.10.–17.11., Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, und im Palais am Festungsgraben, Humboldt-Uni, Zeughauskino, Haus der Statistik, East Side Gallery, Scotty e.V.,
www.berliner-herbstsalon.de

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