ERINNERUNGS-MUSIKTHEATER

Die allerfrischeste Erinnerung

Demenzkranke als Performer – dass und wie das geht, zeigt Christine Vogts Ensemble Papillon

Text: Tom Mustroph

„Vergiss alles, sei ganz im Jetzt“ – wer je einen Improvisations-Workshop besucht und diese Anweisung gehört hat, weiß, wie schwer es fällt, sich von Gedanken und Erinnerungen zu befreien. Mit Performer*innen, denen das Vergessen gar keine Schwierigkeiten bereitet, arbeitet die Regisseurin Christine Vogt in ihrem vor zwei Jahren gegründeten Ensemble Papillon. Es besteht größtenteils aus an Demenz erkrankten Bewohnerinnen eines Pflegewohnheims in der Kreuzberger Fidicinstraße. Ihnen fällt das Vergessen leicht – und das Erinnern schwer. Das ist der Charakter der Krankheit.

Erinnerungsfetzen provozieren: ­Dementes Mitglied des Ensembles Papillon (ihr Name darf nicht genannt werden) – Foto: Christa Mayer

Vor allem das Umfeld von Demenzerkrankten leidet daran. Christine Vogt, eine erfahrene Theatermacherin, unter anderem Mitbegründerin des Theaters Thikwa, produziert aus dieser Konstellation Kunst.

Das Projekt entstand aus der Arbeit mit dem Chor im Pflegewohnheim. „Aus dem Umgang mit den Liedern ist die Idee eines Musiktheaters entstanden“, sagt sie. Lieder lösen Emotionen aus und Emotionen Erinnerungen. Das Volkslied vom Lindenbaum etwa macht einer Performerin ihren Geliebten aus Jugendzeiten – damals umgebracht von den Nationalsozialisten – wieder gewärtig. Das französische „Au claire de la lune“ erinnert eine echte polnische Prinzessin daran, wie sie in den Kriegs- und Nachkriegswirren Heimstatt in einem Schloss in Frankreich fand.

Die Erinnerungen werden im Projekt „Herztöne“ provoziert durch kleine rote Briefe, auf denen die Regieanweisung zum Singen des Liedes steht. „Manchmal vergessen sie sogar, auf die roten Briefe zu achten und werden von ihren Nachbarn angestupst“, beschreibt Vogt die Situation, in der die Erinnerung plötzlich kommt. Sie hat auch erleben müssen, dass die Performer am Tag nach einer Werkstattaufführung völlig vergessen haben, dass diese tatsächlich stattgefunden hat. Eine sehr fragile Situation.

Auf das durch die Briefe angestoßene Erinnern kann Vogt sich aber verlassen. Gemeinsam mit dem Komponisten für Neue Musik Christian Grund, der Sängerin Birthe Bendixen und der Bühnen- und Kostümbildnerin Silja Landsberg schafft sie ein Gerüst, in dem ihre Akteure singend und spielend ihre Erinnerungsfetzen an das eigene Leben gestalten. Eine ganz besondere Kunst, gezeigt im „F2 – Theater im Pflegewohnheim“, dem Veranstaltungssaal des Heims.

19., 24., 25., 30. + 31.5., 18 Uhr, F2 Theater im Pflegewohnheim, Fidicinstr. 2, Kreuzberg. Regie: Christine Vogt. Eintritt 12, erm. 8 € (Kartentel.: 42 26 58 22, vorverkauf@unionshilfswerk. de)