Berlin

Hier ist Neukölln noch Neukölln

Auch wenn sich im Norden des Bezirks alles rasend schnell  entwickelt – hier ein neues Mietshaus mit Eigentumswohnungen, da ein weiterer Feinkostladen –, an einigen Orten bleibt sich Neukölln noch treu

Aller-Eck

Das Aller-Eck Foto: Tamara Dauenhauer
Das Aller-Eck
Foto: Tamara Dauenhauer

Die Eckkneipe ist tot, lang lebe die Eckkneipe! Trinkkultur teilt sich in Neukölln in hippe Bars mit Pale Ale Bier, Negroni und Whiskey Sour auf der einen und die guten alten Eckkneipen auf der anderen Seite. Die Mietpreise sind gestiegen und für viele Kneipenbesitzer unbezahlbar geworden. Die Vermieter sehen lieber florierende Cafés und volle Bars in ihren Räumen, als trostlose Eckkneipen, in denen das Bier nicht über zwei Euro kosten darf. Trostlos ist aber längst nicht jedes dieser Etablissements. Die Eckkneipe erfreut sich zunehmender Beliebtheit, und so trinken der Urberliner Handwerker, der Expat und der Kunststudent aus Süddeutschland hier gemeinsam ihren Futschi, während der neueste Hit von Helene Fischer läuft.

Zum Beispiel das Aller-Eck: von außen ziemlich ranzig, im Inneren dann überraschende Jugendzentrums-Atmosphäre mit endlos vielen Aufklebern, Tags und Graffiti. Regelmäßig legen DJs auf oder es gibt Live-Musik. Auch wenn das Publikum hier jünger ist als in vielen anderen Eckkneipen – es ist ein richtiger Kiezladen mit vielen Stammbesuchern.
Weisestr. 40


Bierbaum 3

Man darf sich nicht abschrecken lassen von den dicken Motorrädern, die sich am Bürgersteig aneinanderreihen. Auch Besitzer Ali, ein braungebranntes Muskelpaket mit Bandana auf dem Kopf, mag angsteinflößend wirken. Doch die Rocker schließen einen schnell ins Herz. Die Jukebox spielt das Beste der Achtziger und wen nach vielen Bieren der Hunger plagt, der bestellt ein Mettbrötchen.
Schillerpromenade 31


Simone’s Bier- und Speisegaststätte

Im Reuterkiez ist die ­Eckkneipendichte erschreckend dünn geworden. Wie aus einer anderen Zeit wirkt Simone’s Bier- und Speisegaststätte, die sich wacker zwischen fancy Kaffeeläden und Burgerimbissen hält. Es gibt leckeres Bier vom Fass und viele Anekdoten aus ­einer Zeit, in der Neukölln noch dunkel und verrucht war.
Sonnenallee 35


Kranoldplatz

Früher war es wohl ruhiger in Neukölln. Im Schillerkiez war vor der Öffnung des Flughafens Tempelhof die Welt zu Ende. Um sich mal kurz in diese Zeit zurückzuversetzen, empfiehlt sich ein Besuch am Kranoldplatz. Nur einmal die Ringbahn überquert und schon wähnt man sich in einem ganz anderen Kiez. Da, ein leerstehendes Ladenlokal! Nur wenige Hundert Meter weiter Richtung stadteinwärts wäre es längst vermietet.

Der Kranoldplatz selbst ist eine spröde Schönheit. Wildes Getreide wächst zwischen den Pflastersteinen, der Lack des kleinen Metallzäunchens blättert ab. Doch man kann sich vorstellen, wie schön es wäre, hier am Kaffeetisch zu sitzen oder abends ein Glas Wein zu trinken. Für einen kleinen Wandel hat bereits ­„Die Dicke Linda“ gesorgt. Der Wochenmarkt ist ein Gegenstück zum Markt am Maybachufer, qualitativ hochwertig und aus der Region statt vor allem billig. Durch den Markt haben viele aus Nordneukölln diese Gegend entdeckt – und so könnte es mit der Ruhe bald schon vorbei sein.


Warthestraße

Die Hermannstraße: laut, geruchs­intensiv, eng, schnell, stressig. Eine kleine Flucht bietet die Warthestraße. Rechts und links wird sie eingerahmt von zwei ­Friedhöfen und am Ende liegt das Tempelhofer Feld – als der Flughafen noch in Betrieb war also eine ziemliche Sackgasse, zumal sich die Einflugschneise darüber befand. ­Heute ist die Warthestraße eine Oase. Lange waren die Mieten hier unschlagbar billig, auch das hat sich geändert. Aber ein bisschen ab vom Schuss fühlt man sich immer noch, obwohl es mit dem Lipopette jetzt ein schickes Café gibt. Dort finden abends Weinverkostungen statt und den Rum setzen die Betreiber selbst an. Ansonsten pflegt Neukölln hier sein Klischee: Hundehaufen, Sperrmüll und aufgerissene Mülltüten finden sich alle paar Meter. Im vergangenen Jahr hat der Bezirk die am stärksten vermüllten Straßen ermittelt. Auf Platz 1: die Warthestraße und der Wartheplatz.


Hufeisensiedlung

Während sich Nordneukölln architektonisch weitestgehend auf Gründerzeit-Altbauten und niedrige Plattenbauten der Nachkriegszeit beschränkt, sieht es im Ortsteil Britz ganz anders aus. Das bemerkenswerteste Ensemble ist die Hufeisensiedlung: Bruno Taut entwarf die Reihenhäuser als sozialen Wohnungsbau. Heute ist hier das gutbürgerliche Neukölln zu Hause, zwischen gepflegten Gärtchen und Blumenrabatten. Dreht man eine Runde um das Hufeisen ­herum, durch die symmetrisch angelegten Seitenstraßen der denkmalgeschützten Siedlung, stellt sich ein Gefühl von Vorortidylle ein. Gestört wurde die vor einigen Jahren, als Vertreter der NPD ihre Flugblätter in die Briefkästen geworfen haben. Es folgten ­Brandanschläge und gewalttätige Angriffe. Das ließen sich die Britzer nicht gefallen und gründeten 2012 die Initiative „Hufeisern gegen Rechts“, die seither gegen die ungebetetenen Gäste vorgeht und Graffiti entfernt, historische Kiezspaziergänge organisiert und Anwohner vernetzt.
Fritz-Reuter-Allee/Lowise-Reuter-Ring


Schloss Britz

Ja, Neukölln hat ein Schloss! Die letzten Meter über die Straße Alt-Britz lässt es sich kaum mit dem Fahrrad fahren, da das Kopfsteinplaster so krumm und schief ist. Also lieber am Kirchteich vorbeischieben und noch einen Blick auf die Dorfkirche werfen, eine schnucklige Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert. Das Schloss selbst vermittelt preußische Spießigkeit. An dessen Stelle stand bis zum 18. Jahrhundert ein mittelalterliches Fachwerkhaus, das bei einem Brand zerstört wurde. Eine eigene Kulturstiftung zeigt im Schloss wechselnde Ausstellungen, noch bis zum 31. Juli etwa zu Fassadenmalerei im öffentlichen Raum. Die Dauerausstellung vermittelt, wie das gehobene Bürgertum in der Gründerzeit wohnte. Anschließend sollte man unbedingt noch die Umgebung erkunden: der romantische Schlosspark, die Koppeln der handzahmen tierischen Bewohner des Gutsparks, das Museum Neukölln und zum Abschluss gehobene Küche von Matthias Buchholz im Restaurant Gutshof Britz. Hier zeigt sich Neukölln von einer ganz anderen Seite.
Schloss Britz, Alt-Britz 73, Di-So 11-18 Uhr