Porträt

Tom der Cruiser

Mal Produzent, mal Serienheld, mal Hampelmann – das Phänomen Tom Cruise

Foto: Paramount Pictures

Tom Cruise macht bei Stunts alles selbst. Den HALO-Fallschirmsprung (High altitude, low opening) aus zehn Kilometer Höhe in „Mission: Impossible – Fallout“ hat ­Cruise 105 Mal erledigt, nur um drei ­Szenen zu bekommen, die im Film benutzt werden. Eine Verfolgungsjagd über den ­Dächern Londons endete damit, dass ­Cruise’ rechter Knöchel mit einer Hauswand kollidierte. „Der Fuß stand in einer Richtung ab, die nicht natürlich war“, erzählte Regisseur Christopher McQuarrie der Kinozeitschrift „Total Film“, „und Tom meinte nur, dass wir die Filmcrew wohl für die nächsten Tage nach Hause schicken müssen.“ Immerhin: Die Szene ist im fertigen Film zu sehen. Und sie tut beim Zusehen richtig weh.

Mit solchen Aktionen schadet der 56-Jährige sich nicht nur physisch, auch ­finanziell war die sechs Wochen lange Drehpause nach demUnfall ein Schlag für Cruise, der seit 1996 viele seiner Filme selbst produziert. Diese Ausnahmekarriere war dem ­gebürtigen New Yorker nicht in die Wiege gelegt. Den Einstieg in Hollywood begann er 1981 als schnöseliger Schönling. Doch spätestens seit der improvisierten Tanzszene in der Teenager-Klamotte „Lockere Geschäfte“ war klar, dass hinter der gut aussehenden Fassade mehr steckt. In „Die Farbe des Geldes“ musste er gegen die Schauspiellegende Paul Newman bestehen, und in „Rain Man“ machte er an der Seite von Dustin Hoffman keine schlechte Figur.

Überhaupt ist Cruise’ Karriere immer ­wieder von erstaunlichen Rollenwahlen geprägt: Im Ensemble-Film „Magnolia“ spielt er ­einen unsympathischen Motiva­tor, der frustrierten Männern Techniken zum ­Frauenaufreißen vermittelt. Die Parallelen zur Scientology-Sekte, bei der Cruise seit 1986 Mitglied ist, können ihm nicht entgangen sein. Mit „Jerry Maguire“ ­befeuerte Cruise die Regie-Karriere des Ex-„Rolling Stone“-Journalisten Cameron Crowe. Ein Jahr lang drehte Cruise mit Stanley Kubrick dessen letzten Film „Eyes Wide Shut“.
Und in der Kriegsfilmparodie „Tropic Thunder“ gab der Cruiser vor zehn Jahren den über Leichen gehenden Filmproduzenten Les Grossman (ein kaum verhohlenes Porträt Harvey Weinsteins). Seitdem wünschen sich viele Filmfans einen Les-Grossman-Solo-Film. Ein zweiter Teil könnte für den Science-Fiction-Streifen „Edge of ­Tomorrow“ anstehen, im dem sich ­Cruise total zum Horst machte und zahlreiche ­brutale Tode starb.

Sein Herz scheint jedoch wirklich an der alten TV-Serie „Mission: Impossible“ zu hängen, schließlich schlüpfte er nun zum sechsten Mal in die Rolle des Teamführers Ethan Hunt. Vergleicht man die „M:I“-­Filme mit anderen Franchisestreifen – etwa Disneys Marvel-Serie oder „Star Wars“ – merkt man, wie viel Herz Cruise in diese Rolle steckt. Jeder Film hatte bisher einen anderen Regisseur und einen neuen Ansatz: Im ersten Film von 1996 entsorgte Regisseur Brian De Palma ziemlich drastisch den Helden der TV-Serie und zeigte einen spektakulären Einbruch in die CIA-Zentrale. „M:I II“ von John Woo war der bisher schwächste Teil, sein Nachfolge J.J. Abrams trumpfte 2006 mit dem Überfiesling ­Philip Seymour Hoffman auf. Danach dauerte es vier Jahre, bis Ethan in „Phantom Protokoll“ am höchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa in Dubai, herumkraxelte.

Beinahe hätte Cruise in dieser Zeit das Franchise verloren, falsche Geschäftsentscheidungen und der peinliche Hampelmann-Auftritt auf Oprah Winfreys Couch sorgten dafür, dass Paramount an ihm zweifelte. Doch spätestens mit dem vierten „M:I“-Film war er wieder in der Spur, dem 2015 der bisher letzte Teil „Rogue Nation“ folgte. Und egal, ob Cruise und seine Psychosekte nun eine Hutablage aus dem Weltraum anbeten – als Produzent weiß der Mann genau, was er macht. Und er macht es sehr gut.