Stefanie Rosenthal über Berlin

»Hier wird man nicht ausgecheckt«

Stephanie Rosenthal, Direktorin des Gropius-Baus und Jurypräsidentin der Biennale von Venedig 2019, zeigt in ihrem Haus Gegenwartskunst aus Berlin. Und hat in der Stadt einige Trends bemerkt

Wenn im Gropius-Bau nun „And Berlin Will Always Need You. Kunst, Handwerk und Konzept“ eröffnet hat, ist Direktorin Stephanie Rosenthal rund ein Jahr in Berlin. Zeit für sie, Arbeiten von 17 Berliner Künstler*innen zu zeigen, die die Stadt und den Gropius-Bau als Produktionsorte thematisieren. Und Zeit, Rosenthal zu fragen, wie sie nach Jahren in London die hiesigen Kunstverhältnisse sieht.

© Mathias Voelzke
Stephanie Rosenthal, Direktorin Martin-Gropius-Bau 2019 © Mathias Voelzke

Frau Rosenthal, Sie lassen jetzt die Kuratorinnen Natasha Ginwala und Julienne Lorz eine Ausstellung über „Kunst, Handwerk und Konzept Made in Berlin“ ausrichten.
Wie haben Sie die Berliner Kunst in Ihrem ersten Jahr hier erlebt?
Ich war immer ein großer Fan von Berlin, wegen der interessanten Kunstschaffenden, die hier leben. Es ist eine Stadt, die gleichzeitig provinziell und international ist. Einer­seits der Flughafen und das langsame Internet und gleichzeitig die Künstler*innen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen, die auch dank des unglaublich tollen Austauschprogramms des DAAD kommen und bleiben.

Sie haben vorher in London und Sydney gearbeitet. Wie fällt Ihr Vergleich aus?
London ist wirklich ein hartes Pflaster, weil es extrem teuer ist. Solange man sich nur in kreativen Kreisen, etwa im Osten der Stadt bewegt, vergisst man das, aber in der City hat man das Gefühl, es geht nur ums Geld.

Und hier ist es immer noch anders, trotz der extrem steigenden Mieten?
Es gibt fast keine andere internationale Hauptstadt, in der so wenig darum geht, wer wieviel hat, und das ist natürlich attraktiv für Künstler*innen. Hier werde ich auch nicht erst einmal gefragt, in welchem Stadtteil ich wohne, hier wird man nicht ausgecheckt, ob man es wert ist, dass mit einem gesprochen wird.

Künstler und Künstlerinnen benötigen auch in Berlin Geld.
Ja, sie brauchen es, aber in London hat es eine andere Dynamik. In diesen großen Städten geht es weit darüber hinaus, was man zum Überleben braucht: Wertigkeit und Bedeutung von Geld sind unglaublich präsent.

Also ist Berlin im Vergleich noch immer eine offene Stadt?
Ich frage mich aber, ob Global und Lokal zusammenkommen. Das habe ich mich in London nie gefragt: Dort gibt es keine Sprachbarrieren, da waren die Künstler*innen in die Stadtgemeinschaft integriert.

Inwiefern kann Ihr Artist-in-Residence-­Programm diese Welten zusammenbringen?
Durch Vermittlung und Programm wollen wir Transparenz schaffen, sodass sich das Gefühl auflöst, die Kunstszene sei eine „Bubble“, eine Blase. Ich habe Familie, und wenn ich früher in Berlin war, habe ich oft nichts von der Kunst mitbekommen, weil es keine automatische Verbindung zum Stadtleben gibt. Deshalb bin ich stolz auf die Öffnung unseres Lichthofs, die das Haus familienfreundlicher macht, weil jede*r sich dort umsonst aufhalten, in den Buchladen oder ins Restaurant gehen kann. Der Gropius-Bau soll die Welten besser verbinden.

Otobong Nkanga, die nächste Künstlerin im Artist-in-Residence-Programm, wird ihr Projekt „Carved to Flow“ fortführen, das sie auf der Documenta 14 begonnen hat. Was erwartet uns?
Otobong Nkanga will direkt am Eingang zwei Räume nutzen. Das heißt, sie tritt schnell in Kontakt mit den Gästen. Ihr Konzept von „Carved to Flow“, sieht vor, dass schwarze marmorierte Seife produziert und verkauft wird. Das öffnet sich einem sehr breiten Publikum. Da kann jede*r mitmachen.

Wollen Sie damit auch auf den Ursprung des Hauses als Produktionsstätte, als Kunstgewerbemuseum und Lehrinstitution hinweisen?
Genau, mit dem Produzieren wollen wir uns auf die DNA der Institution, die Werkstätten, zurückbesinnen.

Um Herstellung geht es auch in der Ausstellung „And Berlin Will Always Need You“, in der mehr Frauen als Männer vertreten sind. Achten Sie auf die Quote?
Eine Zeitlang musste ich sehr darauf achten, aber irgendwann wird das ein Selbstläufer. In Berlin ist das auch nicht das Problem, weil es hier viele gute Künstlerinnen gibt.

In Berliner Institutionen sind Frauen in Führungsposition noch keine Selbstverständlichkeit. Wo sehen sie sich da?
In der Kultur haben wir es ein bisschen einfacher als in der Wirtschaft – und einfacher als im Osten, etwa in Japan oder Korea. Zwischen England und Deutschland sehe ich keinen Unterschied und Frauen meiner Generation häufiger in Führungspositionen.

Wäre es da nicht an der Zeit, ihre Email­adresse in „Direktorin@“ statt wie bisher „direktor@“ zu ändern?
(lacht) Ja, das sagen alle. Jetzt bin ich ein Jahr hier, das könnte auch mal Priorität bekommen.