Potsdamer Museen

Milliardär ehrt Kunst aus der DDR

Das Privatmuseum von Hasso Plattner zeigt die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR “ und die Dokumentation „Palast-Galerie“

Ungeheuer viel ist auf den Bildern zu sehen. Ganze Weltentwürfe und Geschichtspanoramen haben Maler wie Walter Womacka oder Bernhard Heisig auf bis zu sechs ­Metern Breite 1976 zur Eröffnung des Palastes der Republik in Ost-Berlin beigesteuert. Manche dagegen malten einfach „Menschen am Strand“ wie Hans Vent oder ein großes Blumenstilleben wie Günter Brendel. Der Bildhauer Fritz Cremer hatte das Thema „Dürfen Kommunisten träumen?“ vorgegeben und seinerzeit 16 Maler eingeladen, ihre Vision dazu beizusteuern.

Ausstellungsansicht „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ im Museum Barberini, Blicke in die Ausstellung: Micha Brendel „Lustschutz“, 1982–1988, Hans-Hendrik Grimmling „Die Umerziehung der Vögel“, 1977. Rudolf Nehmer „Bildnis des Malers Fritz Tröger“, 1957, Norbert Wagenbrett „Selbstportrait mit Arbeiter“, 1983, Arno Rink „Selbst in Russland“, 1969 (v.l.n.r.). Photo: Helge Mundt

Die Bilder der „Palast-Galerie“ bilden jetzt die sinnvolle Ergänzung zur Ausstellung über die Künstler in der DDR im Potsdamer Privatmuseum Barberini. Ihr Titel „Hinter der Maske“ deutet an, dass Selbstverständnis und Selbstpräsentation der DDR-Künstler in Verhältnisse verstrickt waren, die eine öffentlich-offizielle Sphäre von einer privaten trennte. Die Ausstellung, die Valerie Hortolani und Michael Philipp kuratiert haben, zeigt 120 Arbeiten von 80 DDR-Künstlern, darunter Werke von rund 50 Leihgebern wie der Nationalgalerie Berlin, dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst Cottbus & Frankfurt (Oder) und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
Bei vielen Künstlern – ob Maler oder Bildhauer – dient die Maske als Symbol für das im Titel angedeutete Doppelspiel, manchmal explizit wie bei Wolfgang ­Mattheuers „Mann mit der Maske“, manchmal subtil wie bei Karl-Heinz Adler, einem Künstler des Konkreten, oder aber drastisch wie bei der Performancegruppe der Dresdner Autoperforationsartisten in den späten 80er-Jahren.

Nacktes Fleisch, rote Fahne

Doch auch in Sachen DDR gilt: Nicht nur das Private ist politisch, sondern das Politische, also das staatlicherseits Sanktionierte, ist durchsetzt mit subjektiven Elementen. Sogar Willi Sitte, Kunstfunktionär und Mitglied des ZK der SED, frönte bei seinem Beitrag zum Palast der Republik der eigenen Marotte und malte nacktes Fleisch in praller Sinnlichkeit. Zum „offiziellen“ Thema seines Gemäldes über das KP-Zentralorgan „Rote Fahne“ hat das kaum Bezug. Etliche Palast-Bilder sind in ihrer allegorischen und symbolischen Verschlüsselung so komplex, dass der offiziell missbilligte Skeptizismus in manchen von ihnen nicht erkannt oder nicht zu beanstanden war, etwa dank der mehrdeutigen Ikarus-Figur. Die Staatsfunktionäre fühlten da ihren Argwohn, ohne dass sie ihn artikulieren konnten.

 

Der Vorteil des Privaten

Und genau das macht diese Bilder noch heute so interessant. Man kann in ihnen lesen, man versucht zu entdecken und zu verstehen wie bei Alten Meistern. Die poli­tischen Konnotationen sind im Barberini nicht ausgeblendet, aber sie dominieren auch nicht. Die Kunst darf als Kunst beurteilt werden. Als Geschichtsdokumente haben die Bilder ihre Rolle bereits in etlichen Ausstellungen gespielt. Nun kommen gerade im Vergleich zwischen den Palast-Bildern und den privaten Selbstporträts, Gruppen und Atelierbildern von DDR-Künstlern die individualistischen Komponenten von Stil, Können und Haltung zum Tragen, die jedem Kunstwerk eingeschrieben sind.

Damit wird plötzlich der Vorteil eines Privatmuseums wie dem Barberini des Milliardärs und ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Firma SAP Hasso Plattner deutlich. Plattner braucht sich um den derzeit offiziösen Kanon des Kunstbetriebs im real existierenden Kapitalismus nicht zu scheren. In seinem Museum bestimmt er mit seiner Sammlung und seiner Geldherrschaft über die Ausrichtung des Programms. Und die lautet: „Ich finde gut, dass wir im Museum endlich einmal zeigen können, wie vielfältig und abwechslungsreich die Kunst in der DDR wirklich gewesen ist.“

Das stimmt. Denn auch in totalitären Staaten wie der DDR blieb die Kunst hinter und mittels der Maske frei. Noch interessanter aber ist diese Freiheit da, wo die Kunst sich so geschickt präsentierte, dass sie auch ohne ostentativ aufgesetzte Maske autonom geblieben ist. Und da gibt es im Barberini ­Einiges zu entdecken. 

Bis 4.2.2018: Museum Barberini, Potsdam, Alter Markt, Humboldtstr. 5-6, Mo + Mi–So 10–19 Uhr, 24.12. 10–15 Uhr, 25. + 26.12. 10–19 Uhr, 31.12. 10–15 Uhr, 1.1. 2018 12–19 Uhr, 14/ erm. 10 €