Käthe-Kollwitz-Preis

Hito Steyerl erhält den Käthe-Kollwitz-Preis

Der Schrecken der Automatisierung: Wenn Hito Steyerl den Käthe-Kollwitz-Preis erhalten hat, sind in der Akademie der Künste ihre Arbeiten zu einem hochaktuellen Thema zu sehen – zu Künstlicher Intelligenz

Ob das eine Nachricht ist, die Hito Steyerl interessiert? Das Team um den US-amerikanischen Robotikforscher Hod Lipson, so hieß es kürzlich, habe einen Roboter entwickelt, der ohne vorherige Informa­tionseingabe lernen könne, welche Form er habe und wie er sich bewege. Einen Schritt in Richtung eines echten Selbstbewusstseins von Maschinen könne das bedeuten, das diese dazu befähige, sich auf unvorher­gesehene Situationen anzupassen und unabhängig zu reagieren.

© Trevor Paglen / Courtesy: the artist, Andrew Kreps Gallery, New York and Esther Schipper, Berlin
© Trevor Paglen / Courtesy: the artist, Andrew Kreps Gallery, New York and Esther Schipper, Berlin


Man muss sich einmal vorstellen, was für Aufgaben ein solcher Roboter übernehmen könnte. Faszinierend ist das, aber auch irre gruselig. Hito Steyerl spricht in ähnlichen Zusammenhängen oft von Systemen künstlicher Dummheit, weil über die Folgen für die Menschen nicht weiter nachgedacht werde und wie technologischer Fortschritt gesellschaftliche Dysfunktionalität erzeugen könne, etwa über die Frustration derjenigen, deren Arbeitskraft durch die Automatisierung überflüssig wird.
Das ist es nämlich, was die Künstlerin umtreibt, die nun an der Akademie der Künste (AdK) den Käthe-Kollwitz-Preis erhält: wie mittels neuester Technologien Probleme gelöst werden sollen, die es ohne diese gar nicht gäbe. Heißt: Steyerl setzt sich solchen Technologien aus und thematisiert ihre Bedingungen und Folgen. Im Gespräch mit der Zeitschrift „Wired“ erklärte sie im Jahr 2015, als sie an der Ausstellung im deutschen Pavillon der ­Venedig-Biennale teilnahm, ihre Praxis folgendermaßen: „Von Projekt zu Projekt stolpere ich in neue Probleme und neue große Felder des Unwissens. Erst einmal sind das alles Sachen, von denen ich keine Ahnung habe. Das Prinzip heißt: learning by failing.“ Die Dinge, über die sie stolpert, an denen sie scheitert, werden dann zu Ausgangspunkten für weitere Recherchen.


Tech-Philosophin der Gegenwartskunst

Steyerl, geboren 1966 in München, hat Dokumentarfilm studiert und in Philosophie promoviert, neben ihrer künstlerischen Tätigkeit unterrichtet sie als Professorin Medien­kunst an der Berliner Universität der Künste. Sie hält Vorträge und schreibt Essays, in ­denen sie die hochkomplexen Zusammenhänge zwischen Technlogie, Globalisierung und Militarisierung oder die Rolle des Bildes als Erzeuger von Realität in der digitalisierten Welt auseinandernimmt. Sie ist die Tech-Philosophin der Gegenwartskunst.
Das brachte ihr 2017 im Magazin „Art­Review“ den ersten Platz auf der Rangliste der wichtigsten Personen der internationalen Kunst ein. 2018 rangierte sie zwar nur noch auf Platz vier, aber wer weiß, ob es 2019 nicht wieder nach oben geht, denn wie heißt es so schön im Statement der Berliner Preis-Jury, der Douglas Gordon, Katharina Grosse und Ulrike Lorenz angehören: „Hito Steyerl reagiert mit ihrem Werk auf Fragen, die jeden angehen: Was folgt aus dem freien Umgang autoritärer, feudaler oder populistischer Regime mit digitaler Technologie? Und wie können Künstler und Künstlerinnen in Zeiten des gesellschaft­lichen Umbruchs mit neuen Machtstrukturen, anti-europäischen Tendenzen und dem zunehmenden Rassismus umgehen, denen wir uns alle ausgesetzt fühlen?“

Kasper König ist noch immer begeistert

In der Ausstellung, die ihr zur Verleihung des Preises in der AdK am Pariser Platz ausgerichtet wird, kann sich das Publikum davon überzeugen lassen. Ein Wiedersehen gibt es dort unter anderem mit „Hell Yeah We Fuck Die“ (siehe Foto links) und ­„Robots Today“, den beiden Arbeiten, die Besucherinnen von den „Skulptur Projekte Münster“ 2017 kennen könnten. Steyerl, so lässt es die Pressestelle der AdK ausrichten, gebe derzeit keine Interviews, weder mündlich noch schriftlich. Als unkompliziert gilt sie nicht gerade. Man muss also vorab mit ihren Texten und in Videos aufgezeichneten Vorträgen vorlieb nehmen, was sich jedoch immer lohnt. Oder Dritte über sie sprechen lassen. ­Kasper ­König zum Beispiel, der Steyerl als eine von 35 Künstlerinnen für die „Skulptur Projekte“ 2017 auswählte. Er begründet das mit dem außergewöhnlichen Interesse von Studierenden der Universität in Münster und seiner beiden „Kopilotinnen“ Britta ­Peters und Marianne Wagner an einem Vortrag der Künstlerin 2016 an der Kunstakademie Münster. Vollends überzeugt habe ihn dann die Arbeit selbst. „Grandios“ nennt er sie, auch weil sie stark mit dem Ort selbst in Beziehung gestanden und mit einer dunklen algorithmischen Analyse auf dessen Techno-Romantik geantwortet habe. Wer nicht dort war: Bei „Skulptur Projekte“ zeigte Steyerl „Hell Yeah We Fuck Die“ und „Robots Today“ im Gebäude der einst schillernden, später zerschlagenen WestLB (heute sitzt dort die LBS), einem architektonischen Sinnbild für die Fehlinvestitionen jener Bank, konterkariert durch glänzende Arbeiten von Zero-Künstlern an den Wänden.


Der Ort ist in Berlin selbstverständlich ein anderer. Das könnte es noch interessanter machen. Eine neue Arbeit wird indes nicht zu sehen sein, dafür müsste man nach Turin reisen, wo Steyerl gerade ihre erste neue Installation seit 2016 zeigt. Das Thema von „The City of Broken Windows“: Künstliche Intelligenz, Überwachungstechnologien und die Rolle von Museen für zeitgenössische Kunst in der heutigen Gesellschaft. Beide Seiten bohren sich offenbar immer tiefer in die Materie ein, die Forschung wie auch Hito Steyerl mit ihrer Kunst. 

21.2.–14.4.: Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte, Di–So 11–19 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + Di ab 15 Uhr Eintritt frei